Brieftauben als Ergebnisdienst

Euch gehört der Himmel

Bis in die fünfziger Jahre wurden im Ruhrpott Brieftauben als Ergebnisdienst eingesetzt. Der beste Züchter weit und breit war »Fänna« Zawar. Seine Dachluke war für die Fans aus Erkenschwick das Tor zur weiten Fußballwelt.

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Spezial Nr. 5

Karl-Heinz Zawar, den alle nur »Fänna« nannten, war einer der ersten Fußballreporter in Oer-Erkenschwick. Ein sonderbarer junger Mann, fanden einige Kinder in der Engelbertstraße, denn Fänna wohnte mit seinen Brieftauben in einem Verschlag unterm Dach. Es hieß, er esse jeden Abend ein Stück Fleischwurst. Andere sagten, er sei ein liebenswerter Witzbold. Zudem einer, der über alles als Erster Bescheid wusste, denn wenn sein Verein, die SpVgg Erkenschwick, auswärts antrat, setzte er seine Tauben als Ergebnisdienst ein. Stunden vor Anpfiff gab er den Erkenschwick-Schlachtenbummlern seine sechs besten Tiere mit, und sobald ein Tor fiel, befestigten diese einen Zettel am Krallengelenk und schickten die Vögel auf die Reise, heim in die Engelbertstraße nach Oer-Erkenschwick.

Die Nachrichtenzentrale bis zum Schlusspfiff

Der Schriftsteller Hans-Dieter Baroth hat davon in seinem Buch »Jungens, Euch gehört der Himmel« erzählt, denn er war einer der Nachbarsjungen, die auf der anderen Straßenseite von Fännas Wohnung auf die Kunde der Tauben warteten. »Fänna saß unter dem Hausdach in seinem Schlag, und wir lungerten vor dem Bergmannshaus gegenüber. Bis dann aus Oberhausen oder Katernberg der erste Kröpper kam.«

Dann öffnete Fänna die Luke, und die Kinder ahnten bereits, wie es um ihre Spielvereinigung stand, denn mal lächelte der Mann, mal sah er betrübt aus. »Mit der einen Hand hielt er dann das Klappfenster hoch, die andere formte er zu einem Rohr und rief den Spielstand. Fänna blieb die Nachrichtenzentrale bis zum Schlusspfiff.«

Die frohe Botschaft im Krallenring

Seine Methode war nicht neu. Seit in Deutschland Fußball gespielt wurde, setzten Fans Brieftauben zur Ergebnisübermittlung ein. Der Radioreporter Rudi Michel erinnerte sich einmal an seine Kindheit in den frühen Dreißigern in Kaiserslautern: »Unser Nachbar hat zu den Auswärtsspielen sechs Brieftauben mitgenommen. Und nach jedem Tor steckte er einer Taube die frohe Botschaft in den Ring.«

Doch die Rennpferde der Lüfte kamen nirgendwo so exzessiv zum Einsatz wie im Ruhrgebiet, schließlich waren die Wege nicht weit, für 30 Kilometer brauchte eine Taube weniger als eine halbe Stunde. Auch unter den Fußballern war Brieftaubenzucht ein verbreitetes Hobby, Klaus Fichtel und Helmut Rahn betrieben es mit Hingabe. Sogar die Vereine selbst vertrauten auf die fliegenden Reporter. Gelegentlich aber wurden sie so zum Gespött der Presse.

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