28.11.2013

Bremens Fanszene und der Kampf gegen Rechts

SV Widerstand

Seite 2/3: Politisch motivierte Gewalt – keine Fußball-Hauerei
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Auch Werder Bremen war schon immer ein Magnet für Hooligans mit neonazistischem Background. Bekannteste Gruppen sind die »Standarte Bremen« (ehemals »Standarte 88«) und »Nordsturm Brema«. Führende Köpfe der »Standarte Bremen« sind unter anderem Hannes Ostendorf, Aktivist der NPD und Sänger der stark rechtslastigen Band »Kategorie C«, sowie Andre Sagemann, ebenfalls eine bekannte Figur aus der rechtsextremen Bremer Szene. Ostendorf und Sagemann gehörten zu der etwa 20 Mann starken Gruppe der Nazi-Schläger, die in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 2007 den Ostkurvensaal stürmten. Ein klarer Angriff auf die linksalternativen Ultras von »Racaille Verte«. Und der Beginn eines Machtkampfes um die Vorherrschaft in der Kurve.

Die wichtige Rolle der Medien

Till Schüssler war damals Teil von »Racaille Verte«. Die letzten Atemzüge der »Eastside« erlebte er noch selbst mit. Heute arbeitet er als Fanbeauftragter von Werder Bremen. Er sagt: »Der Überfall hat damals alle Beteiligten aufgeschreckt und der Fanszene, sowie dem Verein die eigenen Schwächen deutlich aufgezeigt. Man entschied sich für einen gemeinsamen Weg gegen Rechtsextremismus.« Als wichtiges Element führt Schüssler heute die mediale Berichterstattung bzw. die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit an: »Es zeigte sich, dass es in Bremen genügend Journalisten und Medien gibt, die ihre Arbeit so genau nehmen, dass sie die Wahrheit wissen und darüber berichten wollen.« Weil die Bremer Zeitungen den Überfall schnell aufdröselten und Täter und Opfer klar benannten, wirkte sich das auch auf die Meinung der Werder-nahen Öffentlichkeit auf. Die rechten Schläger von »Standarte« und Co. wurden auch als solche bewertet. Die Ultras, allen voran »Racaille Verte«, die sich kurz nach der Prügelei auf ihrer Homepage zum Vorfall äußerten, waren Opfer von politisch motivierter Gewalt geworden. Und nicht von einer Hauerei unter Fußballfans.

Werder selbst tat sich anschließend schwer mit einer klaren Stellungnahme. Erst nach Wochen bestätigte auch der Verein, dass es sich um einen politisch motivierten Vorfall gehandelt habe. Werder Bremen stand am Scheideweg, entschied sich dann aber doch für die richtige Richtung. Klaus-Dieter Fischer, seit 2003 Werder-Präsident, betont allerdings, dass sich sein Verein schon vor den Angriffen von 2007 aktiv gegen jegliche Form von Extremismus eingesetzt habe: »Werder Bremen war schon immer dafür bekannt, sich von rechter Gewalt zu distanzieren. Der Ostkurven-Überfall bestätigte uns vielmehr darin, dass wir unsere Arbeit intensivieren mussten.« Für viele Beobachter enttäuschend war das anschließende Gerichtsverfahren, die die Angeklagten zwar für die Schlägerei verantwortlicht machte, jedoch lediglich Geldstrafen verteilte. Ausführliche Beobachten zum Prozess finden sich HIER.

2008, Bochum: Werders Szene reinigt sich selbst

Wie entscheidend es für die Fanszene eines großen Vereins ist, sich mit der Problematik von rechter Gewalt in den eigenen Reihen zu befassen, keine Angst zu haben, diese Probleme zu benennen, sich aber vor allem jederzeit laut und deutlich zu einer anti-rassistischen, anti-faschistischen und anti-diskriminierenden Philosophie zu bekennen, zeigte sich am 8. November 2008. Während des Auswärtsspiels beim VfL Bochum präsentierte eine Handvoll Mitglieder der Hooligan-Gruppierung »Nordsturm Brema« im Werder-Block ein Banner mit der Aufschrift: »NS HB Sport Frei«. Eine Provokation mit klar rechtsextremen Hintergrund: »NS« steht zwar hier für »Nordsturm«, das Kürzel für »Nationalsozialismus« ist allerdings gewollt. »Sport Frei« ist zwar eigentlich ein alter, wenn auch längst überholter Sportlergruß, hat allerdings in Bremen eine besondere Bedeutung, heißt doch so eine zweitweise auf den Bremer Neonazi Henrik Ostendorf angemeldetes Kleidungsmarke. »Wir haben Fotobeweise, dass Mitglieder von ›Nordsturm Brema‹ zur rechten Bremer Szene gehören«, bestätigt auch Schüssler. 2008 stand er mit im Block, als das Banner entrollt wurde. Doch die Schläger verbreiteten nicht mehr Angst und Schrecken, der übrige Bremer Anhang solidarisierte sich gegen die rechten Ausläufer. Feuerzeuge flogen, »Nazis raus!«-Rufe hallten durch den Auswärtsbereich im Bochumer Stadion. Fans benachrichtigen Ordner, Ordner benachrichtigten die Polizei, Polizisten nahmen die »Nordsturm Brema«-Mitglieder fest. Die Fans brüllten ihnen ein höhnisches »Auf Wiedersehen« hinterher. Werders Fanszene hatte sich in diesem Fall selbst gereinigt.

 
 
 
 
 
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