Braunschweig-Trainer Torsten Lieberknecht über seine Eintracht

»Tradition ist unsere Basis«

Sie sind die Überraschung der 2. Bundesliga: Aufsteiger Eintracht Braunschweig steht nach zehn Spielen auf dem fünften Tabellenplatz, nur vier Punkte von Spitzenreiter Greuther Fürth entfernt. Vor dem Spiel gegen Paderborn sprachen wir mit Trainer Torsten Lieberknecht. Braunschweig-Trainer Torsten Lieberknecht über seine Eintracht

Torsten Lieberknecht, fällt es Ihnen derzeit eigentlich schwer, Ihre Spieler zu loben?
Torsten Lieberknecht: Wenn die Jungs die Partien weiter so engagiert angehen, ist Lob immer angebracht. Das schließt natürlich nicht aus, dass wir uns unter der Woche auch mit vermeintlich guten Spielen kritisch auseinandersetzen. Es ist wichtig, sich selbst regelmäßig zu hinterfragen. Momentan ist es aber absolut in Ordnung, den Jungs ein großes Lob auszusprechen.

Ich frage deshalb, weil Ihr Team seit Wochen von allen Seiten mit Lob überschüttet wird. Trainer nehmen in solchen Situationen oft den Gegenpart ein – Sie nicht?
Torsten Lieberknecht: Das ist eine Frage des Kaders und des Charakters. Derzeit ist es einfach so, dass die Jungs mit Lob sehr vernünftig und bodenständig umgehen. Handelte es sich um einen anderen Charakterzug, würde ich vermutlich auch anders damit umgehen. Es gibt genügend Mannschaften, die mit Lob eben nicht umgehen können. Ich bin sehr froh darüber, dass das hier in Braunschweig nicht der Fall ist.

In welchen Punkten muss sich Ihre Mannschaft verbessern?
Torsten Lieberknecht: Wir müssen noch viel lernen. Als gutes Beispiel dient das Heimspielspiel gegen Erzgebirge Aue am 5. Spieltag (1:1, d. Red.). Wir mussten an diesem Nachmittag im eigenen Stadion zum ersten Mal so richtig mit der Zweikampfhärte der 2. Bundesliga umgehen. Diese Partie war enorm wichtig für meine Mannschaft. Wir sammeln aber an jedem Spieltag neue Erfahrungen. Genau darum geht es für einen Aufsteiger zu Beginn der Saison, nur so können wir vorankommen – Schritt für Schritt.

In Ihren Interviews erwähnen Sie auffalend häufig das Wort »Leidenschaft« – was bedeutet Ihnen dieser Begriff im Fußball?
Torsten Lieberknecht:  Die Grundsatzfrage ist doch: Was verstehen die Fans hier in Braunschweig unter Leidenschaft? Die Spieler müssen wissen, dass sie bei den Menschen Emotionen berühren. Ich wünsche mir echte Leidenschaft, die aus dem Bauch heraus kommt. Die Fans müssen spüren, dass die Spieler ihren Job gerne machen; dass sie voller Überzeugung für die Eintracht kämpfen. Wir wollen die Leute hier berühren!

Nutzt sich Leidenschaft nicht irgendwann ab?
Torsten Lieberknecht: Wir müssen sie täglich neu beweisen, ganz klar. Wir erleben hier alle Facetten der Leidenschaft  – sowohl positive als auch negative. Die Beziehung zwischen den Fans und dem Verein ist sehr eng. Hier in Braunschweig kann man sich nicht mal eben so verdrücken, das gelingt in einer Großstadt eindeutig besser.  Hier kann kein Spieler anonym unterwegs sein, das geht einfach nicht. Die Leidenschaft im Umfeld trägt dazu bei, dass sich hier nichts abnutzt.

Gibt es für Sie eine Art Vorbild, ein Verein, der Leidenschaft verkörpert?
Torsten Lieberknecht: Da fällt mir spontan Mainz 05 ein – die Symbiose zwischen Fans und Verein sowie das sportliche Leitbild passen dort wunderbar zusammen.  Die haben für sich einen Weg gefunden, das Image des Vereins immer wieder zu belegen und vorzuleben. Genau das soll auch unser Merkmal sein.

Sie haben vor wenigen Jahren selbst noch gespielt. Was hat sich seitdem verändert in der 2. Liga?
Torsten Lieberknecht: Ich habe 2007 aufgehört, das ist gefühlstechnisch noch nicht so lange her. Wir haben gerade im Trainerstab darüber geredet – Jürgen Rische und Alexander Kunze haben ja zeitgleich mit mir aufgehört. Klar ist: Wir drei waren sicherlich keine Filigrantechniker, Jürgen war wohl noch der Beste von uns. Wir sind jedenfalls immer wieder erstaunt über das Spieltempo;  mit welcher Hochgeschwindigkeit die Jungs mittlerweile Fußball spielen. Das ist einfach beeindruckend. Aber auch im taktischen Bereich hat sich viel getan, bereits die Jugendlichen werden sehr intensiv geschult. Das alles müssen wir Ex-Spieler wohl  neidlos anerkennen.

Eintracht Braunschweig gilt gemeinhin als typischer »Traditionsverein« Wie wichtig ist Tradition in diesem Geschäft?
Torsten Lieberknecht: Sehr wichtig! Die Geschichte eines Vereins ist die Basis. Und mir ist wichtig, dass meine Spieler diese Geschichte gut kennen, jeder Spieler sollte unbedingt mit ihr konfrontiert werden.  Fragen wie: »Warum gibt es die Eintracht?« oder: »Wofür steht der Verein?«, halte ich für dringend nötig. Mögliche Entwicklungen oder auch Probleme lassen sich so auch besser einordnen.

Der TSG Hoffenheim und auch dem VfL Wolfsburg wird regelmäßig »fehlende Tradition« vorgeworfen.
Torsten Lieberknecht: Diese Vereine sind zu einem anderen Zeitpunkt oben dazu gestoßen, das ist alles. Sie haben ihre ganz eigene Geschichte, ihren jeweils eigenen Entstehungsprozess. Die TSG Hoffenheim ist zum Beispiel in einem Dorf entstanden, das ist nun mal so. Punkt. Sicherlich gibt es aber auch dazu eine Geschichte, die ihre regionale Größe und Bedeutung hat. Ganz deutlich: Auch diese Klubs haben ihre Berechtigung - auch wenn es einigen Leuten offensichtlich nicht passt.

Ist Tradition für Sie ein Qualitätsmerkmal?
Torsten Lieberknecht: Absolut!

Ihr Trainerkollege Holger Stanislawski  hat vor kurzem gesagt, der Trainerjob sei heutzutage eine wahnsinnige psychische Belastung. Es gehe nämlich darum, sich jeden Tag permanent mit 30 bis 50 Leuten zu beschäftigen. Spüren Sie manchmal, dass Sie an Ihre Grenzen stoßen?
Torsten Lieberknecht:  Jeder, der seiner Arbeit mit Liebe nachgeht, hängt da voll drin. Für mich ist es nur schwer nachzuvollziehen, weshalb das alles immer automatisch mit Stress verbunden wird. Momentan macht mir alles unheimlich viel Spaß. Ich habe eine große Liebe zu meinem Beruf entwickelt und,  ganz wichtig, ich liebe Fußball!

Torsten Lieberknecht, wo sehen Sie die Eintracht in fünf Jahren?
Es ist nicht verwerflich, eine Vision zu haben. Und der größte Traum ist es nun mal, die Eintracht in die Bundesliga zu führen. Vorher müsste sich Braunschweig aber erst in der 2. Liga etablieren.

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