Brasiliens Sündenbock

Zum Fred gemacht

Warum der technisch limitierte Stürmer der Seleçao zum meist gehassten Spieler der Gastgeber wurde.

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Die erste Halbzeit war noch nicht beendet und das Spiel doch längst verloren, da kursierte ein seltsames Gerücht über die Smartphones des Estadio Mineirao von Belo Horizonte. Es ging dabei um den besten Spieler der Seleçao brasileira, er hatte sie zum sechsten WM-Titel schießen sollen und wollen, bis ihm ein gebrochener Wirbel dazwischen kam. Die über Twitter und Facebook verbreitete Botschaft am Dienstagabend lautete: »Neymar kann doch spielen. Der Arzt gibt grünes Licht, er darf aber nur den Job von Fred übernehmen: einfach herumstehen und bloß nicht bewegen!«

So richtig gelacht hat darüber niemand, dafür war den torcedores die Angelegenheit einfach zu ernst. Im Stadion haben sie geschwiegen und gelitten und geweint. Aber auch gepfiffen und geflucht, vor allem auf Frederico Chaves Guedes, genannt Fred, gesprochen »Fredschi«, was dem Namen einen beinahe zärtlichen Klang verleiht. Bei der WM war es mit aller Zärtlichkeit vorbei. Fred, der groß gewachsene Stürmer mit dem breiten Becken, war am Dienstag die am meisten gehasste Person auf dem Platz, ja vielleicht in ganz Brasilien.

Nicht, dass er nur herumgestanden und sich nicht bewegt hätte. Inhaltlich ging der Mini-Shitstorm im Mineirao in die falsche Richtung, aber es ging ja in erster Linie darum, Fred zu beleidigen. Fred lief viel und beteiligte sich gern, aber seine Laufwege waren vom Zufallsgenerator bestimmt und seine Beiträge zum Spielgeschehen bestanden aus gestolperten Dribblings und Pässen ins Irgendwo. Das war am Dienstag kein Alleinstellungsmerkmal auf brasilianischer Seite. Aber anders als die Kollegen wurde Fred bei so ziemlich jeder Aktion mit Pfiffen bedacht, auch wenn der Ball nur irgendwie in seine Nähe kam.

Nach der Schockstarre in Folge der vier Gegentore in neun Minuten entlud sich der gesamte Volkszorn über dem Mann, der ganz in der Nähe des Stadions geboren ist, seine ersten Schritte als Profi bei Cruzeiro Belo Horizonte tat und bei seinen früheren Gastspielen im Mineirao als Held gefeiert wurde. Aber was war nach diesem Debakel schon wie früher?

Fred hat sich später den Kameras und Mikrofonen gestellt und nach Antworten gesucht - und doch nur Fragen gefunden. »Ich verstehe nicht, warum das Publikum mich so behandelt hat. Ich habe doch immer alles gegeben für Brasilien«, sogar um den Preis der Lächerlichkeit. Das war im WM- Eröffnungsspiel gegen Kroatien, als der Hüne Fred nach einer minimalen Berührung so theatralisch fiel, dass es auch allerlei Brasilianern peinlich war. Viel mehr als diese Schwalbe und ein stark abseitsverdächtiges Tor gegen Kamerun hat Fred bei der Copa nicht zustande gebracht. Seinen Platz behielt er nur, weil es eine Konkurrenz im eigentlichen Sinne nicht gab. Jo, der zweite Mittelstürmer Brasiliens, ist noch schwächer als Fred.

Das Volk schätzt seine Hingabe und hat lange über seine fußballtechnischen Mängel hinweggesehen. Um so wuchtiger trifft ihn jetzt die Wucht von Spott und Häme und Hass. Fred steht für das Brasilien, mit dem die Brasilianer nichts zu tun haben wollen. Für Schwerfälligkeit und Plumpheit, wo sie doch Leichtigkeit und Eleganz sehen wollen.

Als die tragische Figur dieser tragischen Mannschaft zwanzig Minuten vor Schluss endlich den Platz verlassen durfte, hob der Geräuschpegel der Pfiffe noch einmal enorm an. Zum Abschied sprach er von »einer Narbe, die für uns alle ein Leben lang bleiben wird«. Vor allem für Frederico Chaves Guedes genannt Fred, die tragische Figur dieser tragischen Seleçao.

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