Brasilien gegen Frankreich 1986

Das Ende keiner Ära

1986 fand das dramatischte Viertelfinale der WM-Historie statt. Die Niederlage gegen Frankreich bedeutete für Brasilien nicht nur das Aus, sondern auch das Ende einer Spielergeneration. Wir erinnern an ihre letzten Atemzüge. Brasilien gegen Frankreich 1986
Heft#103 06/2010
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Ununterbrochen hatten sie seinen Namen gerufen, und nun endlich, in der 72. Minute, scheint Tele Santana sie erhört zu haben. Arthur Antunes Coimbra, den sie alle nur Zico nennen, steht an der Außenlinie. Bange Blicke. Dann die Hoffnung. Denn wer, wenn nicht er, kann die Selecao, diese spielerisch beste Generation seit der brasilianischen Weltmeistermannschaft von 1970, ins Halbfinale und dann zum Titel schießen? Wer, wenn nicht der weiße Pelé?

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Zico klatscht Müller ab, und 50.000 Mexikaner und 10.000 Brasilianer im Estadio Jalisco de Guadalajara brechen in frenetischen Jubel aus. Eine Minute später treibt Branco den Ball durchs Mittelfeld, ein Pass auf Zico, eine kurze Drehung, im Augenwinkel Branco, der indessen 40 Meter von der Mittellinie in Richtung Strafraum in Riesenschritten überbrückt hat, noch mal ein kurzer Blick, dann dieser Steilpass, der die Defensive Frankreichs wie Pappfiguren aussehen lässt. In ihren Augen das blanke Entsetzen, Joel Bats eilt aus seinem Kasten, Branco ist schneller, spitzelt den Ball am Torwart vorbei – und fällt. Schiedsrichter Ioan Igna zeigt sofort auf den Punkt.

»Hitze und Höhe sind für uns Gold wert«, hatte Socrates vor dem Spiel gesagt, »für die Europäer sind sie der Ruin.«

Platini spielt wie ein nasser Hund

Und bisweilen sah es in der ersten Halbzeit so aus, als behalte der weise Brasilianer Recht. Michel Platini schleppte sich über den Rasen wie ein nasser Hund, während Angriffe der Selecao wie Flutwellen auf das Tor von Bats rollten. Sie hatten nach einer mäßigen Vorrunde endlich ihre Form gefunden und kombinierten nun, wie man es von ihnen erwartet hatte: elegant, unbändig – ihre Welt lag damals nicht nur einen Mausklick, sondern mindestens dreimal um die Welt entfernt. Alleine die Namen: Branco, Alemao, Elzo, der schnelle Müller, Scorates. Und natürlich Careca, der in der 17. Minute das verdiente 1:0 erzielte.

Die Franzosen sahen schon vor dem Anstoß abgekämpft aus wie Marathonläufer vor ihren letzten Metern. Doch wenngleich die Luft immer dünner wurde, waren sie nach dem Rückstand hellwach, denn Henri Michel durchdachte das Spiel fortan wie eine Schachpartie. Frankreichs Trainer schickte Thierry Tusseau auf die linke Seite, um den agilen Müller abzublocken, Manuel Amoros hingegen auf rechts, um mehr Druck zu entfachen. Die Equipe stemmte sich mit aller Kraft gegen die drohende Niederlage, und vier Minuten vor der Halbzeit fiel tatsächlich das 1:1 – durch Platini. Henri Michel sagte später: »Dass er wenig gelaufen ist, war mir egal. Auch ein müder Platini ist wichtig für die Mannschaft.«

Nach dem Ausgleich schien die Hitze vergessen: Die Spieler schoben ihre Stutzen nach unten, zogen ihre Hemden aus der Hose, die Haare wehten beim Laufen, und von den Vollbärten tropfte der Schweiß kaskadenartig auf den Rasen. Es ging auf und ab. Müller setzte einen Ball an den Pfosten, Careca traf beim Kopfball nur die Latte, Tigana scheiterte freistehend vor Carlos. Im direkten Gegenzug vereitelte Bats einen Fernschuss von Junior.
In dieser 73. Minute beten sie auf den Tribünen. Von der Seite kommt Socrates, der Kinderarzt aus Belém, und flüstert Zico etwas ins Ohr. »Ich wollte nicht«, sagt Zico später, »aber Socrates hat mich geschickt und mir die Ecke gesagt.« Es ist die falsche. Bats taucht ab und faustet den Ball zur Seite.

Das Spiel rennt. Und rennt und rennt

Trost bekommt der, für den sie auf den Rängen schon ein Heldenpodest dekoriert hatten, von Michel Platini. Er klopft Zico auf die Schulter. Doch es bleibt keine Zeit für Sentimentalitäten, denn das Spiel rennt, rennt, rennt. Bis in die Verlängerung. Michel Platini steht derweil nur noch im Mittelkreis und wartet auf Zuspiele. Kurz vor Ende der Partie ist es dann soweit. Mit letzter Kraft schiebt der Spielmacher einen Pass auf Bruno Bellone, der alleine auf Carlos zuläuft. Bellone ist noch frisch, er ist erst seit wenigen Minuten im Spiel und kommt nun in einem Tempo auf Carlos zugerannt, dass diesem nichts übrig bleibt, als seinen Oberkörper vor den Franzosen zu stellen. Bellone gerät ins Straucheln und stolpert dem Ball hinterher. Aber: Er lässt sich nicht fallen.

Und so bleibt die Pfeife von Igna stumm. Die französischen Fernsehkommentatoren sind außer sich: »Skandal!« Es geht ins Elfmeterschießen. Socrates ist Brasiliens erster Schütze, er wählt die linke Ecke, aus dem Stand. Bats hält. Dafür trifft Zico, doch auch Bellone, dessen Elfmeter vom Pfosten an den Kopf von Carlos ins Tor prallt. Beim Stand von 3:3 ist Platini an der Reihe. Trifft er, ist Frankreich mit einem Bein im Halbfinale. Der alte Mann müht sich zum Punkt – und zimmert den Ball über das Tor. Eine Gefühlsachterbahn sondergleichen. Denn auch der nächste Schütze, Júlio César, scheitert. Es hängt nun an Luis Fernández. Er steht wie der Henker an der Guillotine – und er vollendet ohne Gnade.

In Brasilien erleiden in jenen Sekunden sechs Leute einen Herzinfarkt, ein Anhänger wird nach einer abfälligen Bemerkung über die Selecao erschossen, und ein anderer Fan versucht, sich mit einem Bauchschuss das Leben zu nehmen – er wird später durch eine Operation gerettet.

»Diese Mannschaft ist tot. Es gibt sie nicht mehr.«

Für Brasilien bedeutete die Niederlage ein noch größeres Trauma als das vorzeitige Aus 1982. Die Mannschaft schied nicht nur aus, ohne verloren zu haben, sie wusste zudem, dass sie so nie wieder zusammenspielen würde. Sie würde auseinanderfallen, ohne einen Titel errungen zu haben. »Das ist das Ende einer ganzen Spielergeneration«, stammelte der weinende Zico nach dem Spiel. Und Socrates, dessen apathische Blicke sich im Nichts verirrten, fügte hinzu: »Diese Mannschaft ist tot. Es gibt sie nicht mehr.« 

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