Bosniens WM-Hoffnung: Miralem Pjanic

Das weinende Kind

Einst rettete er mit seinen Tränen seine Familie, nun soll er Bosnien-Herzegowina bei der WM in die K.o.-Runde führen: Wie aus Miralem Pjanic einer der besten Mittelfeldspieler Europas wurde.

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Faruk Hadzibegic senkte den Kopf und lief durch das Stadio Artemio Franchi in Florenz. Es war Juni 1990 und er hatte den entscheidenden Elfmeter verschossen. Die jugoslawische Mannschaft war ausgeschieden, im WM-Viertelfinale gegen Argentinien, im letzten Spiel der Geschichte Jugoslawiens. Im folgenden Jahr begann der Krieg.

Einige Monate nach der WM, ein kleiner Ort namens Zvornik an der Adriaküste: Eine junge Frau namens Fatima Pjanic betritt in das Vereinsheim des lokalen Vereins Drina. Ihr Mann Fahrudin möchte zu einem Verein in Luxemburg wechseln, aber der Drittligaverein Drina verweigert die Freigabe. Fatima fleht den Präsidenten an. Sie hält ein kleines Kind auf dem Arm und beginnt zu weinen, als sie merkt, dass der Verein stur bleibt. Ihrem kleinen Kind laufen ebenfalls Tränen übers Gesicht. Erst da zeigt sich der Präsident einsichtig und stimmt dem Wechsel zu.

24 Jahre später spielt das damals kleine Kind beim AS Rom und ist ein Star des internationalen Fußballs. Sein Name: Miralem Pjanic. Er ist Teil einer hochambitionierten bosnischen Nationalmannschaft, deren Spieler in einem zerstörten Land aufwuchsen und nun in Brasilien nach den Sternen greifen. »Das ist das beste Gefühl überhaupt. Dafür spielen wir, dafür leben wir«, sagt Pjanic nach der erfolgreichen Qualifikation für die WM.

Miralem Pjanic machte seinen ersten Schritte auf einem Fußballplatz in Luxemburg. Seinem Vater Fahrudin war bewusst, dass er und seine Familie den Qualen des Krieges durch seinen Wechsel entronnen waren. Er arbeitete teilweise zwölf Stunden am Tag, fand dennoch auch Zeit fürs Fußballtraining. Sein Sohn Miralem folgte ihm überall hin, da sich die Familie Pjanic keinen Babysitter leisten konnte.

»Er hatte immer einen Ball dabei«, erinnert sich der Vater. »Auf unseren Reisen von Luxemburg nach Bosnien verbrachte er zwölf Stunden damit, mit dem Ball zu spielen und zu jonglieren. Eines Tages wurde ich mitten in der Nacht von einem lauten Krachen an der Garage wach. Ich befürchtete, dass es sich um Einbrecher handelte. Aber es war nur mein Sohn, der mit dem Ball aufs Tor schoss.«

Pjanic Jr. ist noch ein Junge, als er zum französischen Klub Metz wechselt. Im Alter von zwölf Jahren wird er zum besten Spieler seines Jahrgangs, seine Familie erhält Angebote von großen Vereinen aus aller Welt. Die Eltern lehnen zunächst ab, um ihren Sohn weiterhin näher bei sich zu haben. Mit 17 Jahren debütiert Miralem Pjanic in der ersten französischen Liga.

Schnell ist klar, dass Metz nur ein Sprungbrett für ihn ist. Denn wieder stehen die Vereine Schlange, Vertreter aus Barcelona oder Madrid, Mailand oder London werden vorstellig. Doch Pjanic wechselt nach Lyon, um sich im Sommer 2008 beim dortigen Champions-League-Teilnehmer weiterzuentwickeln. Er wird Stammspieler und rückt immer mehr ins Rampenlicht. Von seinem Naturell her bleibt er aber zurückhaltend und schüchtern. Nach schwankenden Leistungen werfen ihm die Kritiker einen Mangel an Physis und Schnelligkeit vor. Zudem ist er häufig verletzt. Doch sein Talent ist nicht zu übersehen – Pjanic wird zu einem technisch versiertem Spieler mit glänzender Übersicht.

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