16.10.2013

Bosnien-Herzegowina fährt erstmals zur WM

»Lasst uns zeigen, wie mächtig wir sind!«

Seite 2/3: Die zerstrittene Nation und der Stolz auf den Fußball
Text:
Dirk A. Leibfried
Bild:
imago

Sie wurde gelöst. Und stürzte das Land in einen Freudentaumel. Nach der Rückkehr am Mittwochmorgen um kurz vor zwei auf dem Flughafen in Sarajevo und der Fahrt im blau-gelb geschmückten Doppeldeckerbus feierte das Team auf dem Balkon vor dem »Ewigen Feuer« gemeinsam mit den Fans den historischen Triumph. Zu dieser Zeit war die Altstadt in Sarajevo, die für Passanten unmerklich vom katholischen in den muslimischen Teil übergeht, eine einzige Partymeile. »Endlich«, schrien sie lautstark in den Nachthimmel, »endlich haben wir es geschafft«. Zehntausende feierten bis in die Morgenstunden bei bosnischer Livemusik den denkwürdigen Tag, der ausgerechnet auf Bajram, das muslimische Weihnachtsfest, fiel.

Tief saß der Schmerz noch vor vier Jahren, als die Drachen, die Zmajevi, wie sie hier genannt werden, erst in den Play-offs gegen Portugal die WM-Teilnahme verpassten. Mit dem neuen Trainer Safet Sušić, der im Januar 2010 Miroslav Blažević ablöste, sollte sich die »goldene Generation« wenigstens für die Europameisterschaft 2012 qualifizieren. Wieder ging es in die Relegation, wieder hieß der Gegner Portugal – und wieder hatten die Bosnier das Nachsehen. Doch der Verband folgte nicht etwa neuerlich dem eingeübten Reflex einer Neubesetzung auf dem Trainerstuhl, sondern sprach dem Fußball-Idol, das bei Paris Saint-Germain in den 1980er Jahren zum wohl besten bosnischen Fußballer aller Zeiten avancierte, das Vertrauen aus. 

Misimovic erleichtert: »Das war meine letzte Chance!«

Sušić enttäuschte die Verbandsoberen nicht. Er selbst vertraute dabei auf einen starken Bundesliga-Block. Im entscheidenden Spiel am Dienstag in Kaunas standen neben dem Leverkusener Spahić und Stuttgart-Profi Ibišević mit Sejad Salihović (TSG 1899 Hoffenheim) und Ermin Bičakčić (Eintracht Braunschweig) zwei weitere Bundesliga-Legionäre in der Startaufstellung, Adnan Zahirović (VfL Bochum) kam in den letzten 20 Minuten. Alte Bekannte sind auch Edin Džeko (Manchester City) und Zvjezdan Misimović (Guizhou Renhe/China), die gemeinsam 15 der insgesamt 30 bosnischen Tore in der Quali erzielten. Misimović, immerhin schon 31, sagte nach dem Spiel in Kaunas erleichtert: »Das war meine letzte Chance, ein großes Turnier zu erreichen.« Und noch ein früherer Bundesligaspieler zählt zum bosnischen Team: Tomislav Piplica, neun Jahre lang als Torwart in Diensten von Energie Cottbus, fungiert als Co-Trainer.

Die bosnische Nationalmannschaft kann die politischen Verhältnisse in einem Land, das seit dem Friedensvertrag von Dayton 1995 in zwei »Entitäten«, der Bosniakisch-kroatischen Föderation und der Serbischen Republik (Republika Srpska), geteilt ist, nicht grundlegend verändern. Doch trotz der auch heute noch anzutreffenden Feindseligkeit zwischen den drei konstitutiven Volksgruppen ist der Stolz auf die Mannschaft in den letzten Jahren stetig gewachsen. Dabei galt das Nationalteam lange Zeit als eine Sache der Bosniaken (Muslime), die Kroaten und die Serben orientierten sich - nicht nur was den Fußball betrifft - eher nach Zagreb und Belgrad.

 
 
 
 
 
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