16.10.2013

Bosnien-Herzegowina fährt erstmals zur WM

»Lasst uns zeigen, wie mächtig wir sind!«

Bosnien-Herzegowina fährt erstmals zur Weltmeisterschaft. Dank des erlösenden Tores von Vedad Ibisevic gegen Litauen hat das Land das Ticket für Brasilien gelöst – und kann mit dem historischen Erfolg vielleicht auch die zersplitterte Nation einen.

Text:
Dirk A. Leibfried
Bild:
imago

Die erstmalige Qualifikation für ein großes Fußballturnier hat das ganze Land in Ekstase versetzt: In der Nacht auf Mittwoch schien es fast so, als hätten sich in Bosnien-Herzegowina die ethnischen Grenzen in Luft aufgelöst. Stolz war das vorherrschende Gefühl. Stolz auf eine Nationalmannschaft, die dem Druck stand hielt und mit einem 1:0-Sieg in Litauen das Ticket für Brasilien löste. Stolz aber auch auf ein Land, das eigentlich nur wenig Grund zu ausgelassener Freude gibt, aber jetzt in (Fußball-) Europa endgültig angekommen ist.

Es waren unbeschreibliche Szenen, die unter die Haut gingen. In den Straßen der Städte lagen sie sich in den Armen, Jung und Alt feierten, zündeten Bengalos, Autokorsos kündeten vom großen Triumph. Es gab wohl nur wenige der 4,6 Millionen Menschen in diesem Land, denen dieses Fußballspiel egal war, Familien versammelten sich im Nationaltrikot vor den Fernsehschirmen oder in den Kneipen. Im Stadion von Zenica, wo die Nationalmannschaft ihre Heimspiele austrägt, trafen sich 6.000 Fans zum Public viewing, in der Altstadt von Sarajevo gab es nach der 68. Minute, als Bundesliga-Profi Vedad Ibišević das erlösende 1:0 erzielte, kaum noch ein Durchkommen. Wenige Stunden später war zu spüren, wie sich der ganze Druck, die Anspannung einer langen und nervenaufreibenden Quali-Saison, endlich in Freude verwandelte, nachdem Kapitän Emir Spahić den Fans in Sarajevo zurief: »Wir haben es euch versprochen und wir haben dieses Versprechen gehalten.«

5.000 Bosnier in Kaunas

Der Druck war riesig, die Erwartungshaltung in der Heimat immens. Entsprechend nervös, gar verkrampft ging das Team in die Partie, die dank der rund 5.000 Bosnier aus ganz Europa zu einem Heimspiel wurde. Schon vorher waren sich alle einig: Es wird das schwerste Spiel der letzten Jahre – und eines der wichtigsten in der noch jungen Geschichte des Landes. Edin Džeko, mit zehn Treffern der erfolgreichste Torschütze der Bosnier in der WM-Qualifikation, fasste den Stolz einer ganzen Nation zusammen: »Lasst uns nach Brasilien reisen, um allen zu zeigen, wie mächtig Bosnien-Herzegowina ist.« 

Das Spiel in Kaunas war symptomatisch für die Quali-Saison der Bosnier. Denn die Nummer 18 der FIFA-Weltrangliste hat sich von Beginn an unwohl gefühlt in dieser schwach besetzten WM-Qualifikationsgruppe G, in der man eigentlich nur verlieren konnte. Und als nach dem 3:1-Heimerfolg im März gegen den ärgsten Widersacher Griechenland die Fans bereits die brasilianischen Urlaubsprospekte wälzten, bekam es Nationaltrainer Safet Sušić mit der Angst zu tun: »Nach diesem hervorragenden Resultat wird uns niemand verzeihen, wenn wir die Qualifikation jetzt noch aus der Hand geben.« Anfang September, Bosnien-Herzegowina unterlag zuhause gegen die Slowakei mit 1:2, hatte sich der Vorsprung in der Tabelle in Luft aufgelöst, die beiden letzten Spiele mussten die Entscheidung bringen.«

Hoffnung gab vor dem Showdown vor allem die herausragende Offensivabteilung. Die Griechen waren in punkto Tordifferenz bereits so weit ins Hintertreffen geraten, dass die Bosnier lediglich ihre beiden ausstehenden Spiele gegen Liechtenstein und in Litauen gewinnen mussten. In einem Land, das in den vergangenen Jahren wenig Grund zu ausgelassener Freude hatte, geriet der Endspurt in der WM-Qualifikation nicht nur zu einer sportlichen Herausforderung, sondern zu einer nationalen Aufgabe.

 
 
 
 
 
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