01.12.2013

Bojko Borissow: Vom Regierungschef zum ältesten Profi Europas

Xavi und die Tiger

Seite 2/3: Zu Besuch bei Obama
Text:
Jens Kirschneck und Metodi Shumanov
Bild:
Pierre Marsaut

Bojko Borissow wurde am 13. Juni 1959 als Sohn eines Feuerwehrmanns und einer Grundschullehrerin im Kurort Bankja in der Nähe von Sofia geboren. Sein Großvater, der Bürgermeister von Bankja, war 1944 von kommunistischen Kämpfern getötet worden, was Borissow von Jugend an zu einem fanatischen Antikommunisten
werden ließ. Seiner Biografie war das aber lange nicht anzusehen. In den Achtzigern war er Feuerwehrmann, Mitarbeiter des bulgarischen Innenministeriums und Dozent an der Polizeiakademie von Sofia. Nach der politischen Wende gründete er eine Sicherheitsfirma und machte nochmals Karriere im Innenministerium, das er aber wegen Konflikten mit der sozialistisch geführten Regierung wieder verließ. 2006 gründete er die Mitte-Rechts-Partei GERB (Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens) und wurde zum Bürgermeister von Sofia gewählt. Nachdem GERB aus den Parlamentswahlen 2009 als stärkste Fraktion hervorgegangen war, wurde Borissow Ministerpräsident von Bulgarien.

«Grüße an Horst Seehofer! Ein guter Freund von mir!»

Der Fußballer, der neulich im Alter von 54 Jahren sein erstes Spiel in der zweiten Liga gemacht hat, sitzt in der Umkleidekabine und ist fast umgezogen. Physisch unterscheidet er sich in eklatanter Weise von seinen Mitspielern. Er ist größer als die meisten und wiegt fast doppelt so viel wie manch anderer. Ein Bär von einem Mann, und das hat sicher nicht nur mit der Ernährung und dem Alter zu tun. Man kann von den Händen und Füßen eines Menschen ganz gut auf seine allgemeine Konstitution schließen. Wer die fleischigen Füße von Bojko Borissow sieht, der weiß, dass er Zeit seines Lebens eher der grobschlächtige Typ war. Während Borissow Stutzen und Schuhe anzieht, beantwortet er die ersten Fragen. Ja, er spiele täglich Fußball, es sei die beste Möglichkeit, den Kopf frei zu bekommen. Nein, er sei weit davon entfernt, sich mit echten Profis zu vergleichen. Im Übrigen ermögliche ihm der Fußball, Kontakt zum normalen Volk zu halten. Dass der erste Teil des Interviews in der engen Kabine unter seinen Kameraden stattfindet, macht es für ihn zum Heimspiel. Man kommt sich als Fragesteller automatisch wie ein Eindringling vor. Borissow gibt derweil noch immer den Staatsmann: »Ich sende Grüße an Horst Seehofer! Ein guter Freund von mir!«

Bojko Borissow war Ende 2012 der erste Regierungschef, den Barack Obama nach seiner Wiederwahl empfing. Innenpolitisch ging es zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits bergab. Der von ihm vollmundig propagierte Kampf gegen die Korruption in Bulgarien kam kaum voran, mehrere seiner Minister waren in Skandale verwickelt und das Volk schimpfte wegen der hohen Energiepreise. Als es Anfang 2013 zu Massenprotesten mit gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten kam, trat Borissow überraschend von seinem Amt zurück, nicht ohne in der Rücktrittserklärung noch einmal seine Qualitäten als Volkstribun zu beweisen: »Auf den Straßen, die ich bauen ließ, soll kein Blut fließen.« Tatsächlich ist er in Bulgarien noch immer ziemlich populär als Mann der Tat und des direkten Wortes, und es wird allgemein angenommen, dass er bald einen neuen Anlauf auf das Amt des Regierungschefs starten wird.

 
 
 
 
 
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