Biermanns Musterprofi: Marcelinho

Die Zähmung des Straßenkickers

Biermanns Musterprofi: MarcelinhoImago
Heft #76 03 / 2008
Heft: #
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So richtig aufgefallen ist Marcelinho in dieser Saison noch nicht, und das allein ist eigentlich eine Sensation. Aus Wolfsburg werden weder lustige Geschichten über ausufernde Brasil-Partys mit seiner Band »100% Marcelinho« gemeldet noch gibt es spektakuläre sportliche Heldentaten zu vermelden. Zwei Tore hat Marcelinho in der Hinrunde erzielt, immerhin sieben Treffer vorbereitet. Das ist völlig in Ordnung, so wie es immer noch Freude macht, ihm zuzuschauen, aber sensationell ist es nicht. Was also ist mit dem Spieler passiert, dem einst Berlin zu Füßen lag?

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Zur Beantwortung dieser Frage muss man einen etwas längeren Anlauf nehmen und sich noch einmal den Verlauf seiner Karriere vor Augen führen. So ist Marcelinho vor allem ein Straßenkicker klassischen Zuschnitts, denn bis zum 18. Lebensjahr spielte er nur für Campinense, einen kleinen Klub seiner Heimatstadt Campina Grande. Beim FC Santos schaffte er es anschließend erst einmal nicht, sich in der ersten Mannschaft zu etablieren, danach war er zwei Jahren bei einem Drittligisten und setzte sich erst dann beim FC São Paulo durch. Nach Europa kam er relativ spät, bei seinem ersten Versuch im Jahr 2000 war er bereits 25 Jahre alt und scheiterte bei Olympique Marseille. Ein Jahr später kam er zu Hertha BSC.

Der Blick auf die sportliche Biografie erklärt zum Teil das anarchische Element im Spiel von Marcelinho. Denn er ist nicht von Beginn an mit dem Einüben taktischer Disziplin konfrontiert gewesen, wie man das von brasilianischen Profis kennt, die jene hochprofessionellen Fußballschulen der Großklubs durchlaufen haben, die heute fast die ganze Welt mit gut ausgebildeten Fußballspielern versorgen. Deshalb hat er nicht nur länger gebraucht, sich in der brasilianischen Liga zu etablieren, sondern auch in Europa. Dem entsprach lange Zeit auch sein Lebenswandel, der mindestens so wirr war wie der Wechsel seiner Haarfarben. Partys bis in den Morgengrauen und betrunkene Autofahrten waren die andere Seite eines Spiels von überbordender Kreativität.

Marcelinho hatte in Berlin fast alle Freiheiten auf dem Platz, und das ist bekanntlich die freundliche Umschreibung dafür, dass man ihm keine genauen Arbeitsaufträge fürs Spiel gab, weil sowieso klar war, dass er sich nicht daran halten würde. Er nutzte seine frei schwebende Rolle als Spielmacher und Torjäger zugleich, denn einerseits erzielte Marcelinho in seinen vier Jahren bei Hertha 65 Tore, zugleich war er ein klassischer »Bessermacher«, in dem er mit oft völlig überraschenden Zügen seine Kollegen ideal in Szene setzte. Teilweise allerdings überforderte er sie auch, weil er Spielsituationen erkannte, die seine Mannschaftskameraden schlicht nicht als solche wahrnahmen.

In Wolfsburg sehen wir nun aber einen Marcelinho, der klarer definiert der Spielmacher seiner Mannschaft ist, doch zugleich deutlicher in das Große und Ganze eingewoben als früher. Man könnte auch sagen, dass er nach all den Jahren im deutschen Fußball angekommen ist. Vielleicht hat das mit Gewöhnung zu tun, möglicherweise wirkt aber auch der Türkei-Schock nach. Denn nach einem halben Jahr bei Trabzonspor floh er im vergangenen Winter zurück in die geordnete Welt des deutschen Fußballs, deren Wert er vielleicht erst jetzt erkannt hat.

Möglicherweise haben wir es auch schlicht mit einer Altersfrage zu tun, denn Marcelinho wird im Mai 33 Jahre alt und erzählt inzwischen, wie schön es ist, einen Abend zu Hause im Kreis der Lieben zu verbringen.


Christoph Biermann ist einer der besten deutschen Fußballautoren
und redaktioneller Mitarbeiter bei »Spiegel« und »Spiegel Online«.


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