Biermanns Musterprofi: Edin Dzeko

Einer wie van Basten

Vor dem Auswärtsspiele gegen den 1. FC Köln heute Abend, ruhen die Wolfsburger Hoffnungen wieder einmal auf einem Mann: Edin Dzeko. Christoph Biermann hat den Bosnier auf Herz und Nieren geprüft. Biermanns Musterprofi: Edin Dzeko
Heft#109 12/2010
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Der Phänotyp des Torjägers kennt viele Ausprägungen, und oft gehen sie mit außergewöhnlichen Spezialbegabungen einher. So gibt es die Kopfballungeheuer wie einst Horst Hrubesch, die vor allem in der Luft torgefährlich sind. Und es gibt die rasend schnellen Konterstürmer, zu denen Karl-Heinz Rummenigge gehörte. Ulf Kirsten steht für alle schmerzfreien Dampfhämmer im Sturm, Miros-
lav Klose für den anti-egoistischen Teamspieler und Gerd Müller auf ewig für jene Torjäger mit dem untrüglichen Sinn für die allerkleinste Lücke in der gegnerischen Abwehr.

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Damit sind eine Menge großer Namen genannt, doch Edin Dzeko kann solche Vergleiche problemlos aushalten. Denn vermutlich werden wir später einmal auch an ihn als ganz großen Angreifer der Bundesligahistorie denken. Der Bosnier gehört nämlich zur raren Spezies des »kompletten Stürmers« und erinnert darin, um noch einen weiteren großen Namen nachzuschieben, an den Holländer Marco van Basten. Solche Stürmer vereinen fast alle der genannten Fähigkeiten auf sich und das im Fall von Dzeko nicht etwa in Spurenelementen, sondern in fast schon verschwenderischem Maße. Hinzu kommt bei ihm noch, dass er mit gerade einmal 24 Jahren den Gipfel seiner Kunst vermutlich noch nicht erreicht hat. Jedenfalls weckt er nach wie vor die Phantasie, dass wir in Zukunft noch mehr von ihm erwarten können. Zumal ihm in seinem Klub alle einen unaufgeregten Charakter bescheinigen, der ihn vor größeren Überspanntheiten bewahren sollte.

So elegant, das er arrogant erscheint

Vor allem aber ist Dzeko gesegnet mit Schnelligkeit im Denken und Handeln, Eiseskälte vor dem Tor und schlafwandlerischem Gespür für Lücken in der gegnerischen Abwehr. Die Basis des außergewöhnlichen Potpourris seiner Talente ist jedoch sein Umgang mit dem Ball, der von so großer Eleganz ist, dass Dzeko fälschlicherweise mitunter arrogant erscheint. Aber er muss eben nicht rackern und sich mühen, weil der Ball in einer Art sein Freund ist, wie wir das in der Bundesliga sonst selten sehen.

Dennoch könnte man aufgrund der von Opta ermittelten Spieldaten den Eindruck gewinnen, dass Dzeko in dieser Saison noch nicht so in Schwung gekommen ist wie in der vergangenen Spielzeit. Die Zahl seiner Ballkontakte pro Spiel ist von 42 auf 34 zurückgegangen, die Passgenauigkeit fiel von 71 auf 56 Prozent, und auch die Schussgenauigkeit hat sich von 54 auf 48 Prozent reduziert. Dennoch hat er nach zehn Spielen bereits sieben Tore erzielt. Das ist insofern bemerkenswert, als Dzeko in der Vergangenheit einen etwas längeren Anlauf gebraucht hat, um auf seine Trefferquote zu kommen. Letztes Jahr erzielte er 15 seiner 22 Tore nach der Winterpause, und im Meisterjahr schoss er sogar 21 seiner 26 Tore in der zweiten Halbserie. So macht es fast den Eindruck, als ob er inzwischen vom erfolgreichen Zusammenspiel seiner Mannschaft unabhängig ist, denn so richtig sind Dzeko, Grafite und Diego noch nicht zu einem magischen Dreieck zusammengewachsen.
Diese mannschaftsunabhängige Konstanz ist ein weiteres Argument dafür, dass er nach vier Jahren in Wolfsburg seine Kunst demnächst auf einer größeren Bühne zeigt. Das Potential zu einem Weltstar hat er, doch um es entwickeln zu können, bräuchte Dzeko die dauernde Herausforderung in einem Klub, der beständig in der Champions League spielt. Eigentlich müsste er mit seinen Fähigkeiten auch ein Kandidat für all die Großen des europäischen Fußballs sein und nicht nur für seinen erklärten Lieblingsklub AC Mailand. Aber vielleicht nimmt ja auch der FC Bayern die anvisierten 30 Millionen Euro in die Hand, um Edin Dzeko in der Bundesliga zu halten. Jenseits von Wolfsburg würden sich die Proteste wohl in Grenzen halten, dass so ein wunderbarer Spieler der Liga erhalten bleibt.

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