Bettina Wiegmann über die WM 2003

„An den Titel hatte keine gedacht“

Heute findet das Finale der Fußball-WM der Frauen zwischen Deutschland und Brasilien statt. Vor vier Jahren errangen unsere Mädels den Titel, Bettina Wiegmann war dabei und beschreibt hier noch einmal den Weg zum Erfolg. Imago
Heft #71 10 / 2007
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Ende Juni begann bereits die Vorbereitung auf das Turnier. Bis zum Start im September haben wir immer neun bis zehn Tage am Stück trainiert, hatten vier Tage frei und kamen dann wieder zusammen. Wir hielten an unserem seit Jahren praktizierten System, Ballgewinn im Mittelfeld und schnellem Umschalten auf Angriff, fest. In jeder Einheit merkte man, dass die taktische Marschroute mehr und mehr verinnerlicht wurde.

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Drei Monate Vorarbeit hören sich zwar nach übertrieben hohem Aufwand an, aber ich weiß, dass sich die Amerikanerinnen mindestens ein halbes Jahr akribisch auf dieses Turnier vorbereitet haben. Wir konnten also nicht davon ausgehen, dass wir konditionell besser gerüstet waren.

Allerdings war zu diesem Zeitpunkt das primäre Ziel, sich für Olympia zu qualifizieren. An einen Sieg über die USA und den WM-Titel hatte keine gedacht.

Die Gruppenphase

Deutschland – Kanada 4:1 (1:1)
Deutschland – Japan 3:0 (2:0)
Deutschland – Argentinien 6:1 (4:0)


Das Turnier begann schlecht. Wir waren keine fünf Minuten auf dem Feld, und schon lagen wir 0:1 gegen Kanada zurück. Das war natürlich ein Schock. Nun mussten wir uns ins Spiel und ins Turnier hinein kämpfen. Das Elfmetertor zum 1:1 kurz vor der Halbzeit war dementsprechend wichtig, denn so gingen wir mit einem psychologischen Vorteil in die Pause. Und konnten anschließend endlich das Umsetzen, was wir uns von Anfang an vorgenommen hatten. Am Ende stand es 4:1, und das immens wichtige Auftaktspiel war gewonnen.

Im nächsten Spiel warteten die Japanerinnen auf uns, die eigentlich unangenehm zu spielen sind: Sie sind immer quirlig, schnell und deshalb gefährlich. Doch die Mannschaft hatte sie gut im Griff, wir lagen schon zur Pause 2:0 in Front und gewannen am Ende recht souverän mit 3:0.

In der letzten Begegnung der Gruppe, gegen Neuling Argentinien, hatten wir natürlich alle Trümpfe in der Hand. Schließlich waren sie bereits ausgeschieden und hatten bis dato kein Tor erzielt. Das 6:1 gab uns, wie die gesamte Gruppenphase, viel Rückenwind für das Viertelfinale. Neun Punkte, 13 Tore – jetzt konnten die großen Gegnerinnen kommen.

Viertelfinale

Deutschland – Russland 7:1 (1:0)

Das Ergebnis war lange nicht vorauszusehen. Wir hatten uns zwar zunächst viele Chancen erarbeitet, nutzten diese aber nicht und konnten uns bis zur Pause nicht entscheidend absetzen. In der zweiten Hälfte lief es dann wie am Schnürchen: Uns gelang einfach alles, und wir schossen Tor um Tor. Während sich die Russinnen ihrem Schicksal fügten, spielten wir uns in einen Rausch. Wir waren ein Team, das, wenn es ins Rollen kam, dem Gegner viele Dinger einschenken konnte. Das hatten wir mit diesem Spiel abermals unter Beweis gestellt.

Wichtiger als das Ergebnis war jedoch, dass wir uns für Olympia qualifiziert hatten. Wir konnten nun von Spiel zu Spiel denken. Alles war wir noch erreichen sollten, wurde zur Zugabe.

Halbfinale

Deutschland – USA 3:0 (1:0)

Wir traten anders auf, als in den bisherigen Spielen gegen die USA. Wir hatten vier Siege, viele Tore und das dementsprechende Selbstbewusstsein im Gepäck und sind mit der Gewissheit auf den Platz gegangen, dass wir sie heute schlagen. Das kannten die Amerikanerinnen gar nicht. Die anderen Teams ließen sich von ihrem schnellen Kombinationsspiel überrumpeln und einschüchtern, doch wir wussten, dass wir die nötigen Mittel haben, um dagegen zu halten.

Zugegeben, das Ergebnis gibt das Spiel nicht wieder. Wir sind zwar rech früh durch Kerstin Garefrekes in Führung gegangen, doch die USA machten anschließend viel Druck. Nicht zufällig wurde unsere Torhüterin Silke Rottenberg zur Spielerin des Spiels gewählt. Die Amerikanerinnen hatten ihre Chancen zum Ausgleich, doch sie blieben ungenutzt. So wurden sie zusehends nervöser und das Publikum, immerhin 30.000, leiser. Das kannten einige von uns schon aus der Wusa (nordamerikanische Frauenfußball-Profiliga, d. Red.). Läuft es nicht für das Heimteam, lässt die Anfeuerung schnell nach.

Es war ein bis zum Schluss sehr spannendes und intensives Spiel. Und erst in der Nachspielzeit erlösten uns Maren Meinert und Birgit Prinz mit ihren Toren.

Finale

Deutschland – Schweden 2:1 n.V. (1:1, 0:1)

Wie im ersten Spiel kamen wir auch diesmal nicht in die Gänge. Die Schweden waren uns in den ersten 45 Minuten in allen Belangen überlegen. Sie konnten sich entfalten, drückten uns ihr Spiel auf und gingen verdient mit 1:0 in Führung.

„Es kann doch nicht wahr sein“, dachte ich in der Pause, „dass wir wieder in einem Finale stehen und abermals nicht die Leistung abrufen können, zu der wir im Stande sind.“ Gerade Maren Meinert und ich wollten einen guten Abschluss herbeiführen, denn dieses Finale sollte unser letztes Spiel sein. Also pushten wir das Team.

Und es schien gefruchtet zu haben: Zur zweiten Hälfte betrat die Mannschaft das Feld nicht mit einer „Oh Gott, schaffen wir das noch?“-Stimmung, sondern mit absolutem Siegeswillen. Resultat: Mit dem ersten Angriff schoss Maren Meinert den Ausgleich. Und jetzt waren wir am Drücker, spielten gut nach vorne und nutzten die Abwehr-Schwächen der Schwedinnen, doch die Führung sollte uns nicht gelingen. Und dann wurde es noch mal eng: Kurz vor Schluss hatten die Schwedinnen zwei gute Chancen, um das Spiel für sich zu entscheiden. Glücklicherweise blieben beide ungenutzt.

Es folgte die Verlängerung, mit der kurz zuvor eingewechselten Nia Künzer. Als sie in der 98. Minute das 2:1 köpfte, schaute ich zu Maren Meinert. Zwei, drei Sekunden überlegten wir, ob die Golden-Goal-Regel gilt. Dem folgte absolute Freude.

Die Feier und der Empfang

Wir hatten uns schon vorher im Hotel einen Raum gemietet, hätten dementsprechend auch bei einer Niederlage gefeiert. Da unser Finale allerdings schon um 10 Uhr angepfiffen wurde, mussten wir die Zeit bis zum offiziellen Bankett mit Kaffee und Kuchen überbrücken.

Abends ging die Party dann los – zu vorgerückter Stunde gar mit den Schwedinnen, die im selben Hotel wohnten. Bei den Männern wohl undenkbar, bei uns nicht unüblich. Die Schwedinnen kamen gerade aus der Stadt, und wir waren noch am Feiern, also kamen sie dazu.

Am nächsten Morgen wurde auch niemandem der Zutritt zum Flieger verwehrt, so dass die Party über den Wolken und später in Frankfurt weitergehen konnte. Was uns in der Main-Metropole erwartete, war unfassbar. Mit dem Bus wurde das Team in die Innenstadt gefahren, und während bei bisherigen Turnieren immer nur die Familien und ein paar Freunde auf dem Römer standen, waren es diesmal Tausende! Diese Euphorie haben wir fernab der Heimat nicht für möglich gehalten.

Mir wurde erst Wochen später bewusst, was wir erreicht haben. Ich glaube, dass die anfängliche Freude verflogen sein muss, bevor man solch einen Erfolg realisieren kann.


Aufgezeichnet von Jürn Kruse


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