Best of 2016: Warum Amateurfußball so großartig ist

Wir müssen alle Montag arbeiten!

Vergesst die Bundesliga, Amateurfußball ist viel schöner. Wie unsere Titelgeschichte aus #174 über Pyroshows am Ascheplatz und Bratwurst-Seitenwahl in der Kreisliga beweist.

Norman Conrad
Heft: #
174

An diesem Samstagnachmittag Anfang April geht es mal wieder um alles. Sogar Egon Eiche packt mit an, Ehrensache. Er schleppt Bierkästen aus dem Lager zum Tresen, posiert für Fotos mit den Kindern, begrüßt die Mannschaft und animiert die Fans mit Trommeln, Kunststücken und Gesängen. Vermutlich hätte er sich sogar ins Tor gestellt, aber auch in der Kreisliga gibt es ein paar Regeln: Ein Maskottchen als Spieler, in einem überdimensionierten Eichhörnchen-Kostüm samt Eichel in der Hand - das ist beim besten Willen nicht erlaubt. Also muss der Vorstandsvorsitzende Robert Wernicke ran. Fit sei er nicht, sagt er, zeigt auf die Hüfte: »Werd auch nich jünger, aber nützt ja nix. Dit is Kreisliga.« Heute ist halt wichtig, heute ist Abstiegskampf, SV Eiche Ragösen gegen SV 71 Busendorf, und das halbe Dorf ist gekommen. Willkommen in der Kreisliga Havelland B, janz unten und janz weit draußen, brandenburgische Provinz.

Ragösen: Das Panoptikum des Kreisligawahnsinns

Eine Suche nach der Seele des Amateurfußballs hätte auch auf einem Ascheplatz im Süden Hamburgs, in einer holzvertäfelten Vereinsspelunke in Berlin oder in der Spielerkabine eines Klever Multikulti-Kreisligateams beginnen können. Man hätte irgendwo abbiegen können in dieser weitverzweigten Welt aus Amateurligen und Amateurklassen, aber vermutlich verdichtet sich nirgendwo sonst das Panoptikum des Kreisligawahnsinns so sehr wie in diesem 575-Einwohner-Nest: Wenn dich jemand fragen sollte, was Amateurfußball ist, schick ihn nach Ragösen! Hier kann man Grundsätzliches klären: Warum fiebern Fußballfans mit Verteidigern, die weiter stoppen können, als Cristiano Ronaldo schießen kann? Was finden sie an Stürmern, neben denen Reiner Calmund wie ein Fitnesstrainer aussieht? Warum trauern sie, wenn ihr Verein in der zweiten Runde irgendeines Kreispokals ausscheidet? Wieso geht überhaupt jemand zum Amateurfußball, wenn Sky ihm sieben Tage die Woche Fußball vom anderen Stern serviert?




In Ragösen gibt es nicht viel, nicht mal eine Kneipe, Straßendorf nennt man dieses Fleckchen hinter Potsdam. Trotzdem vibriert der Fußball, leuchten die Augen bei mehr als 200 Zuschauern an der Seitenlinie. Rock’n’Roll in Ragösen, und am Ende die Ahnung, dass noch so kleiner Fußball größer als die WM-Fanmeile am Brandenburger Tor sein kann oder das Bundesliga-Topspiel am Samstagabend.

»Hier ist doch niemand mehr«

Es begann im Jahr 2005. Ragösen war einer von diesen sterbenden Orten, wie es sie in Brandenburg zuhauf gibt. Wer Fußball gucken oder mal einen draufmachen wollte, zog in die nahegelegenen Ortschaften, nach Fredersdorf oder Belzig, manchmal auch ins 100 Kilometer entfernte Berlin. Viele Jugendliche blieben dann direkt dort, die Metropole versprach ihnen mehr Abenteuer als der Männerchor oder die Naturfreunde im Heimatkaff.

Eines Tages entschlossen sich Robert Wernicke und seine Freunde, den alten Fußballverein, der vor der Wende Traktor hieß und danach noch sechs Jahre als SV Eiche existierte, neu zu gründen. Die Alten rollten mit den Augen. »Guckt euch den Acker an«, sagten sie und zeigten auf das Spielfeld, wo die Tore durch Maschendraht zusammengehalten wurden und im Mittelkreis nicht mal mehr Unkraut wuchs. »Und wer soll denn überhaupt für euch kicken?«, fragten sie. »Hier ist doch niemand mehr!«

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