Best of 2013: Ein Abschiedsbrief für Thomas Schaaf

Nur ein Wort: Vielen Dank

Die verrücktesten Transfers, die interessantesten Interviews, die schönsten Herzschmerz-Geschichten – zum Jahresende holen wir die besten Artikel des Jahres aus dem Keller. Diesmal: Abschiedsbrief für Thomas Schaaf.

Lieber Thomas Schaaf,

während ich diese Zeilen schreibe, höre ich »Lebenslang Grün-Weiß« in Dauerschleife und habe eine Gänsehaut. Ich finde, das ist die angemessene Stimmung, um Ihnen diesen Brief zu schreiben.

Sie sind ab sofort nicht mehr Trainer von Werder Bremen. Das war irgendwie abzusehen, aber in meinen Ohren klingt das so, als wenn meine Mutter mir sagen würde: »Sohn, ich bin ab sofort nicht mehr Deine Mutter.« Surreal, überraschend, entsetzlich, falsch. Seit ich denken kann, ist meine Mutter meine Mutter. Seit ich grün und weiß denke, waren Sie Trainer von Werder Bremen. Das ist jetzt vorbei.

Ich kenne die Gründe nicht, warum sie mit sofortiger Wirkung Ihren Posten abgegeben haben. Ich wäre nach Nürnberg gefahren, um Sie angemessen zu verabschieden. Ich hätte gewunken, geklatscht, gesungen und geheult und mich anschließend eine Woche krankschreiben lassen. Aber Sie wollten das offenbar nicht. Vielleicht wäre Ihnen das zu viel geworden, vielleicht hatten Sie keine Lust darauf, dass Sie die ganze Nation weinen sieht. Vielleicht hatten Sie auch einfach keinen Bock mehr auf diesen SV Werder Bremen, dem Sie seit 1972 angehören.

Uns Fans bleibt es jetzt nur noch, Ihnen »Danke« zu sagen.

Danke für 1999, als Sie es schafften, die damals vielleicht langweiligste Mannschaft der Bundesliga zu einem aufregenden Pokalsieg gegen die Champions-League-Finalisten aus München zu führen. Ich sah das Spiel bei einem alten Freund und wäre nach dem Elfmeterschießen fast vor Ekstase aus dessen Dachfenster gefallen.

Danke für Johan Micoud, den ich, ehrlich gesagt, vorher gar nicht kannte, der aber plötzlich für Werder Bremen spielte und Ihrer Mannschaft mit einem Mal eine nonchalante Lässigkeit verpasste, die mich stolz das Werder-Trikot durch die Gegend spazieren ließ.

Danke für Ailton, der von einem Ihrer Vorgänger noch auf die Tribüne geekelt worden war und unter Ihnen zum »Kugelblitz« explodierte, zu einem dicklichen Torjäger, den wir in der Ostkurve bald ins Herz geschlossen hatten wie unseren eigenen Nachwuchs. Weil Sie sein Trainer waren. Ein stoischer Wahl-Norddeutscher mit Oberlippenbart, der einen exzentrischen Brasilianer mit zu viel Kilo auf den Rippen zum besten Stürmer der Bundesliga formte. Wo hatte es so etwas schon mal gegeben? Nirgendwo! Nur bei Werder. Nur bei Ihnen.

Danke für 2003/04. Sie waren schon unser Held, noch bevor das legendäre Bremer Auswärtsspiel in München angepfiffen wurde. Nie hatten wir es in den Jahren zuvor für möglich gehalten, dass Werder zu so einem Fußball in Lage war, wie Sie ihn uns in diesem Jahr boten. Und dann standen sie da mit verschränkten Armen vor der Brust auf der Tartanbahn des Olympiastadions und blickten gemütlich-grimmig in die Kamera, als sei das hier nicht das wichtigste Spiel Ihrer Karriere, sondern ein sonntäglicher Ausflug in den Heidepark. Als ich Tage nach der gewonnenen Meisterschaft wieder klar denken konnte, sah ich Bilder von Ihnen, wie Sie, den Oberlippenbart tropfnass von Sieger-Bier, in die Kameras sprachen. Zum Glück war ich nicht mehr betrunken genug, sonst hätte ich mir damals Ihr Konterfei auf die Wade tätowieren lassen.

Danke für die kommenden Champions-League-Jahre. Danke für Mailand, Barcelona, selbst Lyon. Danke für unvergessene Fahrten, immer Werder Bremen, immer Ihnen hinterher. Danke für vielen wunderbaren Interviews aus dieser Zeit, die bei mir jedes Mal eine herrliche Mischung aus Stolz und Lachkrampf verursachten. Sie wirkten dabei immer so souverän wie ein Hellseher, der doch sowieso weiß, wie die Zukunft aussieht. Und deshalb der Gegenwart mit so viel Gelassenheit begegnet.

Danke für 2009, das Uefa-Cup-Finale von Istanbul gegen Donezk. Danke für Diego und Mesut Özil, die zwar schnell wieder gingen, aber immerhin doch für kurze Zeit ihren Glanz in Bremen versprühten. Die kamen nicht nach Bremen, weil die Weser so einen hübschen Bogen ums Stadion macht, die kamen wegen Ihnen.

Ja, die vergangenen beiden Jahre waren schlimm. Wir Fans wurden zu verzogene Gören, die man in den Spielzeiten zuvor zu sehr verwöhnt hatte. Sie wurden zum ungeliebten Familienoberhaupt, das uns doch jahrelang Zucker in den Hintern geblasen, uns alle Wünsche erfüllt hatte und nun das Taschengeld kürzte. Werder spielte mies, die Spieler waren keine Helden mehr, sondern Idioten. Klaus Allofs machte sich vom Acker und ließ Sie allein. Ihre Interviews verursachten keine Lachkrämpfe mehr, sondern Betroffenheit. Sie sahen auf einmal so alt aus. Ihre Zeit war vorbei.

Ich werde jetzt ein paar alte Kumpels anrufen und Ihren Abschied beweinen müssen. In alten Erinnerungen schwelgen ist ja noch immer das beste Schmerzmittel.

Ihnen wünsche ich, dass Sie sich jetzt erstmal gut erholen. Dass Sie den riesigen Sack mit Steinen, den Sie seit Monaten auf Ihren Schultern durch die Bundesliga schleppen, in der Weser versenken. Dass auch Sie in Erinnerungen schwelgen, vielleicht mit ein paar alten Kumpels. Dass Sie sich dann sagen: »War das eine fantastische Zeit.«

Machen Sie es gut!

PS: Noch ein Nachtrag, lieber Thomas Schaaf. Angeblich sollen Sie bereits in Verhandlungen mit Red Bull Salzburg stehen. Ich bitte Sie, machen Sie das nicht. Sie sind ja nicht nur irgendein Trainer, Sie sind Thomas Schaaf! Ein Trainer, der überregional für so viele schöne, fast verstaubte, Eigenschaften eines Fußballtrainers steht: Treue, Tradition, Vereinsliebe, Bescheidenheit. Nicht für Red Bull. Wenn Sie den Herren aus Salzburg jetzt noch einen saftigen Tritt in den Hintern geben, dann überlege ich mir das auch noch mal mit dem Tattoo.

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