Best of 2013: Die seltsame Geschichte über Thomas Gravesen

Der 100-Millionen-Euro-Mann

Die verrücktesten Transfers, die interessantesten Interviews, die schönsten Herzschmerz-Geschichten – zum Jahresende holen wir die besten Artikel des Jahres aus dem Keller. Diesmal: Die komische Gravesen-Geschichte.

imago

Wenn ich früher von einem Leben nach einer Fußballprofi-Karriere geträumt habe, sah es aus wie ein Werbespot von »Raffaello«. Selbst ein durchschnittlicher Ex-Profi sitzt auf der Terrasse seines weißen Hauses, Ausblick auf einen Swimmingpool, einen Tennisplatz und einen Helikopterlandeplatz. Manchmal Dinner-Partys mit 200 bis 300 Bekannten, manchmal Privatkonzerte von Motörhead im Wohnzimmer. Er sieht aus wie ein nie alternder Actionheld oder zumindest wie Jean-Paul Belmondo, und wenn Mutti anruft und fragt, wie es so läuft, sagt er: »Danke, alles bestens.«

Mit 100 Millionen Euro nach Las Vegas
 
Irgendwann ahnte ich, dass das vermutlich großer Quatsch ist. Meine Helden, die während ihrer Karriere Millionen gescheffelt hatten, entpuppten sich als gescheiterte Existenzen. Miroslav Okonski begann zu trinken, Jordan Letschkow musste ins Gefängnis und Eike Immel landete im Dschungelcamp.  Neulich vermeldete die Spielergewerkschaft VdV: »20 bis 25 Prozent der Spieler sind nach der Karriere pleite oder überschuldet.« Ich habe mich daher diese Woche sehr über die Meldung gefreut: »Ex-HSV-Star Gravesen mit 100 Millionen Euro nach Las Vegas«. Immerhin einer, der alles richtig gemacht hatte. Scheinbar.
 
Der Däne war nie ein Überflieger auf dem Platz, er war ein passabler Fußballer. Einer, der über den Kampf ins Spiel kommt, wie man im Fußball sagt. Eine Zeitlang war er für den HSV aktiv. Und weil er in Hamburg sehr häufig über den Kampf ins Spiel kam und sich in Zweikämpfen auch mal das Trikot zerfetzte, weil er einen Billardtisch mit schwarz-weiß-blauem Filz überziehen ließ und an seinem Klingelschild »Gravesen, HSV« stand, war er bei den Fans überaus beliebt. Er sagte Sätze wie: »Ich hasse Liegestütze.« Oder: »Ich möchte mit dem HSV die Champions League gewinnen und mit Dänemark Weltmeister werden.« Sich selbst nannte er eine »Humörbombe«. Das war ganz lustig, zumindest wenn man bedenkt, dass Fußballprofis für gewöhnlich sogar auf Fragen nach ihrem Lieblingsessen antworten: »Wir müssen von Spiel zu Spiel denken.«
 
Irgendwann musste Gravesen weiter. »Ich will jetzt die Welt sehen und erobern«, sagte er eines Tages, und dann wechselte er zum FC Everton, einem Team, das wie für ihn gemacht schien. Es ging hart zur Sache, und Gravesen mochte das. 100 Spiele machte er in der Premier League, und auch bei den »Toffees« mochten die Fans ihn.

Im weißen Bernabeu-Schloss
 
Eines Tages flatterte ziemlich unverhofft ein Angebot rein, das Gravesen zunächst selbst nicht richtig verstand. Er rief bei seinem alten Kumpel Stig Töfting an und sagte: »Halt dich fest!«, und Töfting hielt sich fest, denn Gravesen erzählte ihm, dass Real Madrid ihm einen Vertrag geschickt hatte. Er packte seine Sachen und kaufte sich einen Anzug und Lederschuhe, er konnte ja nicht im Trainingsanzug zur Spielerpräsentation ins weiße Bernabeu-Schloss kommen.
 
Gravesen blieb eineinhalb Jahre bei Real, er machte 34 Spiele und schoss ein Tor. Die spanischen Medien verspotteten ihn. Der spielzerstörende Skinhead mit dem Stiernacken passte nicht in ihr Ballett. Sie hatten Angst vor dem wilden Dänen. Sie nannten ihn »Ogro«, Menschenfresser, und seine Mitspieler sagten: »Dieser Kerl ist wie ein Stier.« Der Fernsehsender »TV Cuatro« widmete ihm sogar eine eigene Show: »El Mundo de Gravesen«, die Welt des Gravesen. Ich dachte damals, dass sie ihn zu wenig würdigten. Ich dachte daran, wie wir in der Kurve oft gejubelt hatten, wenn er den Kopf nach vorne schob, sein Gesicht ganz rot wurde, die Ohren noch ein bisschen größer als sonst und er sich dann seinen Gegenspieler vorknöpfte. Ich hoffte, dass er sein Klingelschild noch hatte. Seinen Billardtisch. Seinen Humör. Doch dann war die Zeit bei Real plötzlich wieder vorbei. Gravesen wechselte zu Celtic Glasgow, wo er 2008 seine Karriere beendete.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!