22.12.2013

Best of 2013: Die Marathonmänner von Guernsey FC

Hunde, wollt ihr ewig spielen?

Seite 2/3: Das Comeback von Matt le Tissier
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Paul Lehr

Als nach den Ausfällen der überarbeitete Spielplan für April und Mai bekannt wurde, sagte Matt beiläufig: »Wenn man mich braucht, kann ich einspringen.« Plötzlich stand Fußball-England Kopf, täglich gingen neue Anfragen bei den Le Tissiers ein, die BBC drehte ein Feature, die »Daily Mail« berichtete über den kleinen Klub auf dieser wunderlichen Insel und natürlich über Matt Le Tissier, der elf Jahre nach seinem Karriereende ein Comeback versuchen wollte.

Am 24. April war es schließlich soweit. Le Tissier spielte gegen Colliers Wood United. Seine Mutter war skeptisch, sie dachte daran, dass die Spieler in den englischen Amateurligen gerne mal mit zwei Sohlen voraus in die Gegner springen. »Mütter«, sagt Le Tissier. »Mütter sind immer besorgt.« Er zog die Sache durch, denn er fühlte sich fit wie lange nicht mehr, schließlich trainierte er gerade für einen Halbmarathon. Doch gegen Colliers Wood spielte er, nun ja, unauffällig. »Ich habe ja nur zehn Minuten gehabt, kaum Ballkontakte«, sagt er. Die Fans auf der Tribüne sagen: »Genaugenommen hatte er vier Ballkontakte, die vier Ballverluste zur Folge hatten.«
Gegen Ash United steht es zur Halbzeit 0:1. Kaum ein Anspiel kommt an. Vielleicht auch, weil der Platz mittlerweile in einem miserablen Zustand ist. »Guck dir das an, ein Acker!«, sagt Groundsman Shane Moon, und dann erklärt er, dass der Platz bessere Drainagen benötige, dass hier dummerweise auch Rugbyspiele ausgetragen werden und Diskuswerfer trainieren. Auf einem Fleck zwischen Mittellinie und Strafraum, fünf mal sechs Meter vielleicht, wächst überhaupt kein Gras mehr. Moon hat herausgefunden, dass sich hier, unter der oberen Erdschicht, ein Loch befindet, in dem sich Wasser sammelt wie in einem Schwimmbecken.

»Super, jeden Tag Fußball!«

Gestern hat er zehn Stunden gearbeitet, um den Platz und diese Fläche irgendwie bespielbar zu machen, heute ist er seit vierzehn Stunden auf den Beinen, morgen und übermorgen dasselbe. »Macht mich fertig«, sagt er. Die Führung von Ash United oder dieser Platz? »Beides.« Am Ende gleicht Guernsey noch aus, 1:1 gegen den Drittletzten. War es das mit dem Aufstieg?

Samstag. Auch heute hat Gott keine Zeit. Er muss nach London, wieder »Sky«-Expertise für die Premier League. Heute fucking Molesey. Oben auf dem Rasen das grüne Löwen-Maskottchen, das heute besonders gut drauf ist und sich von Kindern Bälle in den Stoffbauch schießen lässt. Unten in der Kabine Glyn Dyer, GFC-Flügelspieler, dessen Situation besonders hart ist. Er arbeitet tagsüber als Gerüstbauer in der Stadt, St. Peter Port. Momentan schleppt er in der Einkaufsstraße Stahlstangen auf und ab und hievt sie an sanierungsbedürftigen Fassaden empor. Seine April-Wochenenden sehen so aus: Freitags arbeitet er von 6 bis 15 Uhr, um 18 Uhr muss er zum Spiel; samstags arbeitet er von 6 bis 12 Uhr, um 13.30 Uhr Spiel; sonntags hat er frei, muss aber um 13.30 Uhr zum Spiel; montags ab 6 Uhr arbeiten, gegen 18 Uhr wieder Spiel. »Am Anfang dachte ich: Super, jeden Tag Fußball! Doch guck mich an«, sagt er. Fallaize guckt ihn an und sagt: »Denk an Rocky.«

Der Mediendirektor des Klubs, Andy Richards, hat die gute Nachricht als Erster gehört, er rennt die Treppe hinunter in die Kabine. Egham Town hat 1:6 verloren. Egham Town! Der Tabellenführer! 1:6 gegen Hartley Wintney, den Viertletzten. Kurzer Jubel. Dann weiter. Auch Richards kann kaum durchatmen. Er pflegt die Homepage, schreibt Spielberichte, ist Fieldreporter, filmt die Spiele für den vereinseigenen TV-Kanal, stellt die Bilder den lokalen Fernsehsendern zur Verfügung, koordiniert Presseanfragen. Er macht hier eine Arbeit, die normalerweise vier oder fünf Leute erledigen. Manchmal, bei Auswärtsspielen auf dem Festland, versammeln sich mehrere hundert Fans in einem Pub auf der Insel, um Richards’ Stream zu verfolgen, während in den Nachbarkneipen, selbst bei Arsenal- oder Man United-Spielen, gähnende Leere herrscht.

Der Guernsey FC ist vermutlich der professionellste Klub im englischen Amateurfußball. Es gibt hier alles: einen Stadion-DJ, einen Ticker-Dienst, zwei Live-Kommentatoren, das Löwen-Maskottchen »Roary«, eine riesige Merchandise-Palette, drei Physiotherapeuten, ein siebenköpfiges Trainerteam und ohne Ende Firmen, die einzelne Spieler, die Tribüne und sogar den Spielball sponsern. Und wenn die Balljungen durch den Spielertunnel aufs Feld laufen, erklingt der Song »The Lion’s Roar«.

Weiß man hier, was Leiden heißt?

Guernsey ist reich, eine Insel mit Herr-der-Ringe-Landschaft und einer Küste, die auch in natura so malerisch aussieht, als wäre sie mit Photoshop bearbeitet worden. Wenn die Bewohner Guernseys aufs Festland fliegen, sagen sie, dass sie nach England reisen. Sie sagen auch, dass sie in Guernsey leben, nicht auf Guernsey. Sie erzählen gerne von dem Haus, in dem der französische Schriftsteller Victor Hugo 1862 die letzten Zeilen seines Buches »Les Miserables« schrieb, und sie halten in ihren Jaguars oder Porsches am Wegrand, wenn Touristen verloren herumstehen und eine Mitfahrgelegenheit in die Stadt brauchen. Hier haben sich ein paar fußballverrückte Geschäftsleute vor drei Jahren überlegt, dass es gut wäre, die besten Spieler der lokalen Insel-Liga in einem neuen Klub zusammenzuführen, um dann im FA-System auf dem Festland mitspielen zu können. So entstand der Guernsey FC.

Wegen dieser Entwicklung spotten die Fans der anderen Teams ein bisschen über die Insulaner. Sie haben das Gefühl, dass der Klub nie durch Stahlbäder gehen musste und die Fans nicht wüssten, was Leiden heißt. Die Guernsey-Locals fragen nun, was denn Leiden sei, wenn nicht das hier, jetzt gerade: April, Mai, 21 Spiele, 38 Tage. Und überhaupt, die Sache mit dem Geld sei komplizierter. Alle Mitarbeiter, vom Maskottchen bis zum Geschäftsführer, sind ehrenamtlich tätig. Zudem musste der GFC vor der Aufnahme in die Football Association garantieren, dass er alle Kosten für die Auswärtsteams übernimmt, Flug, Unterkunft, Essen. Das macht etwa 4000 Pfund pro Partie. Tatsächlich gibt es für gegnerische Teams und Fans kein attraktiveres Auswärtsspiel in der Saison. Wo sonst kann man vor 4500 Zuschauern spielen?

Heute also Molesey. Tony Vance und Colin Fallaize haben wieder Zettel aufgehängt, dieses Mal stehen dort kleine Botschaften: »Übung macht die Muskeln härter« oder »Um Erfolg zu haben, muss ich erst Niederlagen kennen.« Dazu gibt es kernige Worte von Fallaize: »Bewegt euch, verdammt noch mal! Es kommt kein Bus, der euch abholt.« Vance steht auf diese Mischung von Kalendersprüchen und Durch-die-Wand-Rhetorik. Und er steht auf José Mourinho. »So wollen wir auch spielen, wie Real«, sagt er. »Kann man das sehen?«

Als Alex Ferguson anrief, legte er einfach auf

Vance stand selbst mal kurz vor der großen Karriere. Als er 17 Jahre alt war, rief Alex Ferguson ihn an. Der Trainer von Manchester United fragte, ob er nicht zum Probetraining kommen wolle. Vance legte prompt wieder auf, denn er dachte, ein Freund würde ihn zum Narren halten. Ferguson rief also noch einmal an und sagte: »Ich bin es wirklich, mein Junge, bitte bleib dran.« Vance spielte ein paar Monate auf Probe, doch er konnte sich nicht durchsetzen, also ging er zu den Wickham Wanderers und war bald gefeierter Stürmer in Englands semi-professionellen Fußballligen.

Heute sind die Muskeln stark, und als Tom Strawbridge das 1:0 erzielt, springt er seinem Trainer in die Arme. Am Ende gewinnt Guernsey 3:2. »Bis morgen, Dom«, sagt Vance, und Dominic Heaume sagt: »Bis gleich!« Er hat in diesem Monat einmal zehn Spiele in 17 Tagen bestritten, alle von der ersten bis zu letzten Minute. Dazu noch Training und sein Job als Buchhalter. Zum Vergleich: 900 Minuten spielen manche Bundesligaprofis in drei Monaten nicht. Jamie, ebenfalls so ein 900-Minuten-in-17-Tagen-Kandidat, sagt: »Tough!« Dann trinkt er seine Milch aus, low fat, made in Guernsey, zur Regeneration. »Die beste Milch der Welt!«

sie ›Gott‹ nennen?« Da ahnten Matt und Mark allerdings noch nicht, wie das Ende der Saison aussehen würde.

>>>> Die schönsten Bilder der Guernsey-Reportage gibt es hier!

 
 
 
 
 
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