08.11.2012

Best of 2012: Zu Besuch bei Leverkusen-Legende Arne Larsen Økland

Lachsfischen In Hillesøy

Arne Larsen Økland spielte einst für Bayer Leverkusen, er besaß eine Pizzakette, gewann die EM im Hochseeangeln und kaufte sich eine Insel. Es ist die Geschichte eines Rastlosen, den wir für unsere Ausgabe 11FREUNDE #132 in Norwegen besucht haben.

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Tommy Ellingsen

Und dann, 147 Kilometer nördlich von Stavanger und wenige Schritte hinter einer Holzbrücke, endet die Straße. Es geht auf einem Trampelpfad weiter, hinter der Böschung steht ein Holzhäuschen, davor der Steg, Taue, Rettungsringe, sein Boot.

Nun schiebt sich endlich die Sonne durch die Wolken und kleinen Nebelfelder, die in den Hügeln der Inseln hängen. Das Wasser ist hier so klar, dass man bis auf den Grund sehen kann. Vor vielen Jahren gab es auf dem Festland mal einen Supermarkt, doch der hat mittlerweile zugemacht. Arne Larsen Økland sorgt deswegen stets vor, er hat eine Kühltruhe mit Essensvorräten dabei. Die wuchtet er über die Reling, dann macht er die Leinen los und legt ab zur Insel, die heißt wie sein Boot: Hillesøy.

Økland war mal einer der bekanntesten Fußballprofis in Norwegen. Er hat in den achtziger Jahren für Bayer Leverkusen und Racing Club Paris gespielt, später war er Co-Trainer der norwegischen Nationalelf. Eines Tages verabschiedete er sich aber vom Fußballgeschäft und baute sich ein neues Leben auf – bis er kürzlich, nach 18 Jahren, zurückkehrte. Er hat seit Sommer 2012 einen Job bei FK Viking Stavanger. Er ist Sportdirektor und Geschäftsführer in einem.

Heute trägt Økland Turnschuhe, einen blau-weiß gestreiften Strickpullover, darüber einen Windbreaker, seine grauen Haare hat der Wind ein wenig zerwühlt. Er sieht aus wie einer von diesen Männern in Outdoor-Prospekten oder auf Plakaten eines skandinavischen Tourismusverbandes: ein wenig abenteuerlustig, doch im Grunde tiefenentspannt und frei von Sorgen. So klingt er auch. Nach zwei, drei Sätzen hält er gerne inne. Dann spricht er in Hörspielerzählerstimme, auf Deutsch mit norwegischem Timbre: »Jo, so ist das!« Und seine Frau nickt dann oder sie sagt: »Jo, das stimmt!«

Eine Insel zum Spottpreis, Økland kaufte sie

Irgendwann 1997 hatte Arne Larsen Økland diese Anzeige in der Wirtschaftszeitung »Dagens Næringsliv« entdeckt. Darin stand: »Insel zu verkaufen. Rufen Sie an!« Also rief er an, und die Stimme am Ende der Leitung nannte einen Preis, der bei umgerechnet 125 000 Mark lag. Arne Larsen Økland informierte seine Frau und sagte zu. Er mag die Adresse. Sie lautet: Hillesøy 1. Er sagt: »Nummer 2 gibt es nicht.« Seine Frau nickt.

Arne Larsen Økland wuchs in einem Ort auf, der sich nur wenige Kilometer entfernt von Hillesøy befindet und der heißt wie er: Økland. Seine Mutter besaß dort einen Krämerladen, sein Vater war Koch und fuhr zur See. Als Junge interessierte er sich für Fußball und Fische. Er verbrachte Tage in den Fjorden und angelte nach Dorschen. Irgendwann trat er einem lokalen Fußballverein bei. Später, im Alter von 23 Jahren, ging er zu Bryne IL. Der Klub spielte damals in der ersten Liga und Økland war der Topstürmer. Doch im norwegischen Fußball war kein Geld zu verdienen, er bekam nicht mehr als umgerechnet 1500 Euro. Im Jahr. Fußball war nicht mehr als ein Hobby. Er arbeitete hauptberuflich als Steuerrevisor, denn er hatte rausgefunden, dass er Zahlen auch ganz interessant fand.

Eigentlich hätte es immer so weiter gehen können, Økland hätte irgendwann seine Fußballschuhe an den Nagel gehängt und dann in einer Seniorenelf gekickt, er hätte vielleicht die Mannschaft seines Sohnes trainiert und in einem Steuerbüro in Bryne oder wieder in Økland gearbeitet. Ein kleines Haus mit Garten. Ein ordentliches Leben. Doch dann, an dem Tag, als sein Trainer Kjell Schou-Andreassen vor ihm stand, nahm sein Leben Fahrt auf.

Er sagte: »Arne, du kannst etwas erreichen!« Økland zog die Schultern hoch und fragte: »wie?« Es waren einfache Worte, die Schou-Andreassen sprach, doch sie sollten Økland ein Leben lang begleiten. Der Trainer sagte: »Mach dir einen Plan!« Als er wieder zu Hause war, notierte Arne Larsen Økland auf einen Zettel ein Datum, den 31. Dezember 1979, und machte darunter Spiegelstriche. Neben einen schrieb er: »Ich möchte Fußballprofi werden«.

Er erfüllte den Plan mit dreimonatiger Verspätung. Zuvor hatte er einen Freund gefragt, ob dieser sich als sein Berater ausgeben wolle. Dieser verschaffte ihm Probetrainings bei Norwich City und bei Bayer Leverkusen. In Norwich glänzte er, doch er bekam kein Angebot. In Leverkusen spielte er dagegen nur durchschnittlich. Trainer Willibert Kremer war skeptisch, doch Torwart Fred-Werner Bockholt, 37, ein Mann, dessen Wort bei Bayer Gewicht hatte, sagte: »Der hat einen ordentlichen Wumms. Ich würde ihn nehmen.« Also verpflichtete Bayer Leverkusen im Sommer 1980 einen kaum bekannten 26-jährigen Norweger, der nun mit einem Mal fünfstellig verdiente. Er kaufte sich ein Auto, einen Ford Fiesta, und bezog ein Büro in den Büros des Bayer-Konzerns. Damals war es beim Werksklub üblich, dass die Profis in den Konzern eingebunden wurden. So arbeitete auch Økland Teilzeit als Steuerrevisor. Nebenbei züchtete er Kaninchen.

Die erste Saison verlief wie gemalt. Er traf schon im zweiten Spiel gegen den 1. FC Köln. Am siebten Spieltag machte er drei Tore gegen Borussia Dortmund. Dann kam das Spiel gegen Bayern München. Eine Woche zuvor hatte Leverkusen gegen Bayer Uerdingen mit 0:3 verloren und Max Merkel schrieb in der »Bild«-Zeitung: »Økland schlurft über das Feld, dass ein Schneider ihm beim Laufen einen Anzug nach Maß nähen könnte.« Er schnitt den Artikel aus und hängte ihn an die Wand.

 
 
 
 
 
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