Und dann, 147 Kilometer nördlich von Stavanger und wenige Schritte hinter einer Holzbrücke, endet die Straße. Es geht auf einem Trampelpfad weiter, hinter der Böschung steht ein Holzhäuschen, davor der Steg, Taue, Rettungsringe, sein Boot.
Nun schiebt sich endlich die Sonne durch die Wolken und kleinen Nebelfelder, die in den Hügeln der Inseln hängen. Das Wasser ist hier so klar, dass man bis auf den Grund sehen kann. Vor vielen Jahren gab es auf dem Festland mal einen Supermarkt, doch der hat mittlerweile zugemacht. Arne Larsen Økland sorgt deswegen stets vor, er hat eine Kühltruhe mit Essensvorräten dabei. Die wuchtet er über die Reling, dann macht er die Leinen los und legt ab zur Insel, die heißt wie sein Boot: Hillesøy.
Økland war mal einer der bekanntesten Fußballprofis in Norwegen. Er hat in den achtziger Jahren für Bayer Leverkusen und Racing Club Paris gespielt, später war er Co-Trainer der norwegischen Nationalelf. Eines Tages verabschiedete er sich aber vom Fußballgeschäft und baute sich ein neues Leben auf – bis er kürzlich, nach 18 Jahren, zurückkehrte. Er hat seit Sommer 2012 einen Job bei FK Viking Stavanger. Er ist Sportdirektor und Geschäftsführer in einem.
Heute trägt Økland Turnschuhe, einen blau-weiß gestreiften Strickpullover, darüber einen Windbreaker, seine grauen Haare hat der Wind ein wenig zerwühlt. Er sieht aus wie einer von diesen Männern in Outdoor-Prospekten oder auf Plakaten eines skandinavischen Tourismusverbandes: ein wenig abenteuerlustig, doch im Grunde tiefenentspannt und frei von Sorgen. So klingt er auch. Nach zwei, drei Sätzen hält er gerne inne. Dann spricht er in Hörspielerzählerstimme, auf Deutsch mit norwegischem Timbre: »Jo, so ist das!« Und seine Frau nickt dann oder sie sagt: »Jo, das stimmt!«
Eine Insel zum Spottpreis, Økland kaufte sie
Irgendwann 1997 hatte Arne Larsen Økland diese Anzeige in der Wirtschaftszeitung »Dagens Næringsliv« entdeckt. Darin stand: »Insel zu verkaufen. Rufen Sie an!« Also rief er an, und die Stimme am Ende der Leitung nannte einen Preis, der bei umgerechnet 125 000 Mark lag. Arne Larsen Økland informierte seine Frau und sagte zu. Er mag die Adresse. Sie lautet: Hillesøy 1. Er sagt: »Nummer 2 gibt es nicht.« Seine Frau nickt.
Arne Larsen Økland wuchs in einem Ort auf, der sich nur wenige Kilometer entfernt von Hillesøy befindet und der heißt wie er: Økland. Seine Mutter besaß dort einen Krämerladen, sein Vater war Koch und fuhr zur See. Als Junge interessierte er sich für Fußball und Fische. Er verbrachte Tage in den Fjorden und angelte nach Dorschen. Irgendwann trat er einem lokalen Fußballverein bei. Später, im Alter von 23 Jahren, ging er zu Bryne IL. Der Klub spielte damals in der ersten Liga und Økland war der Topstürmer. Doch im norwegischen Fußball war kein Geld zu verdienen, er bekam nicht mehr als umgerechnet 1500 Euro. Im Jahr. Fußball war nicht mehr als ein Hobby. Er arbeitete hauptberuflich als Steuerrevisor, denn er hatte rausgefunden, dass er Zahlen auch ganz interessant fand.
Eigentlich hätte es immer so weiter gehen können, Økland hätte irgendwann seine Fußballschuhe an den Nagel gehängt und dann in einer Seniorenelf gekickt, er hätte vielleicht die Mannschaft seines Sohnes trainiert und in einem Steuerbüro in Bryne oder wieder in Økland gearbeitet. Ein kleines Haus mit Garten. Ein ordentliches Leben. Doch dann, an dem Tag, als sein Trainer Kjell Schou-Andreassen vor ihm stand, nahm sein Leben Fahrt auf.
Er sagte: »Arne, du kannst etwas erreichen!« Økland zog die Schultern hoch und fragte: »wie?« Es waren einfache Worte, die Schou-Andreassen sprach, doch sie sollten Økland ein Leben lang begleiten. Der Trainer sagte: »Mach dir einen Plan!« Als er wieder zu Hause war, notierte Arne Larsen Økland auf einen Zettel ein Datum, den 31. Dezember 1979, und machte darunter Spiegelstriche. Neben einen schrieb er: »Ich möchte Fußballprofi werden«.
Er erfüllte den Plan mit dreimonatiger Verspätung. Zuvor hatte er einen Freund gefragt, ob dieser sich als sein Berater ausgeben wolle. Dieser verschaffte ihm Probetrainings bei Norwich City und bei Bayer Leverkusen. In Norwich glänzte er, doch er bekam kein Angebot. In Leverkusen spielte er dagegen nur durchschnittlich. Trainer Willibert Kremer war skeptisch, doch Torwart Fred-Werner Bockholt, 37, ein Mann, dessen Wort bei Bayer Gewicht hatte, sagte: »Der hat einen ordentlichen Wumms. Ich würde ihn nehmen.« Also verpflichtete Bayer Leverkusen im Sommer 1980 einen kaum bekannten 26-jährigen Norweger, der nun mit einem Mal fünfstellig verdiente. Er kaufte sich ein Auto, einen Ford Fiesta, und bezog ein Büro in den Büros des Bayer-Konzerns. Damals war es beim Werksklub üblich, dass die Profis in den Konzern eingebunden wurden. So arbeitete auch Økland Teilzeit als Steuerrevisor. Nebenbei züchtete er Kaninchen.
Die erste Saison verlief wie gemalt. Er traf schon im zweiten Spiel gegen den 1. FC Köln. Am siebten Spieltag machte er drei Tore gegen Borussia Dortmund. Dann kam das Spiel gegen Bayern München. Eine Woche zuvor hatte Leverkusen gegen Bayer Uerdingen mit 0:3 verloren und Max Merkel schrieb in der »Bild«-Zeitung: »Økland schlurft über das Feld, dass ein Schneider ihm beim Laufen einen Anzug nach Maß nähen könnte.« Er schnitt den Artikel aus und hängte ihn an die Wand.
Drei Tore gegen den FC Bayern
Der FC Bayern kam damals als Tabellenzweiter nach Leverkusen. Es war kalt, nur 15 000 Zuschauer verirrten sich ins Ulrich-Haberland-Stadion, und der unbekannte Norweger zerlegte den haushohen Favoriten im Alleingang. Zwischen der vierten und der 24. Minute gelang ihm ein lupenreiner Hattrick. In der zweiten Halbzeit schoss er sogar noch ein Tor – so entschied zumindest Schiedsrichter Udo Horeis. Als daraufhin die Bayern protestierten, kam Økland ins Grübeln. Er sagte dem Schiedsrichter, dass er nur das Außennetz getroffen hatte. Damit wurde er über Nacht zum Inbegriff des fairen Sportsmannes. Er erhielt säckeweise Fanpost. Nur der damalige HSV-Manager Günter Netzer echauffierte sich: »Das war unprofessionell.«
Jedes Mal, wenn Leverkusen auf Bayern trifft, wird Økland wegen dieses Spiels angerufen. Er soll erklären, wie das damals war. Er sagt dann: »Ich hatte das Glück, dass ich ein paar Minuten Zeit hatte, um über die Situation nachzudenken.« In Leverkusen lieben sie ihn deswegen bis heute. Kontakt zu den Mitspielern von damals hat er allerdings nicht mehr – es ist zu viel zu tun.
In den vergangenen Monaten hat er täglich zwölf bis 15 Stunden gearbeitet. »Ich liebe die Arbeit«, sagt er. Er hat in seinem Leben so viele Tätigkeiten ausgeübt, dass er beim Aufzählen oft durcheinander kommt.
Früher hat er manchmal überlegt, alles hinter sich zu lassen, die Zahlen, den Fußball, die Hektik, die Stadt. Einmal, als sie ihn in Norwegen bereits den »Pizzakönig« nannten, weil er mit einer Pizzakette sehr viel Geld gemacht hatte, sagte er zu seiner Frau, dass er mit 50 in Rente gehen wolle. Doch die Jahre vergingen schnell, zu schnell, und Økland wurde nervös. Als er 49 war, bekam er es mit der Angst zu tun, und am Tag seines 50. Geburtstags sagte er, dass er nie wieder Versprechungen machen werde. Mittlerweile ist er 58.
Kann er mit der Faust auf den Tisch hauen?
Bei Viking Stavanger ist er nicht nur Sportdirektor und Geschäftsführer, er ist Aushängeschild. Einer, an den sie ihre Hoffnungen geknüpft haben. An seiner Bürotür steht auf einem Schild »Direktøren«, sein Schreibtisch ist aufgeräumt, in einem Regal stehen 20, 30 Ordner, davor zwei schwarze Ledersofas, an der Wand ein Bild mit einem Leuchtturm. In den siebziger Jahren gewann der Klub viermal die Meisterschaft, der letzte Titelgewinn ist jedoch über 20 Jahre her. 2002 feierte man den letzten großen Erfolg. Viking schoss Chelsea aus dem UEFA-Cup. Danach kam nicht mehr viel. Der neue Sportdirektor soll den Klub wieder zu Norwegens Nummer zwei hinter Rosenborg machen, denn Stavanger hat großes Potential. Viele Ölfirmen sind in der Stadt ansässig, es gibt so gut wie keine Arbeitslosigkeit. Die Stadt ist aufgeräumt, an manchen Stellen sieht sie unwirklich aus, wie ein Modell.
Seit Arne Larsen Økland hier ist, spielt Stavanger gut. Kurz nach seinem Antritt legte das Team eine Serie von fünf Siegen in Folge hin. Die Fans mögen ihn, auch wenn er in den vergangenen 18 Jahren höchstens als TV-Experte mit dem Fußball in Berührung kam. Er gilt als integer und ehrlich. Er sagt: »Ich kenne sicherlich nicht alle Spieler, doch ich kann sie kennenlernen.« Nur: Kann jemand wie er auch unpopuläre Entscheidungen fällen? Kann er mit der Faust auf den Tisch hauen und sagen: »Such dir einen anderen Verein, Junge«?
Als er an diesem Freitag nach Hillesøy aufbrach, saßen die Spieler beim gemeinsamen Mittagessen. Gyan King, der Mann aus Ghana, sagte kumpelhaft: »Have fun!« Und Økland sagte väterlich: »Have luck!«
Zweimal hat er selbst erlebt, wie es ist, nicht mehr gebraucht zu werden. Einmal beim RC Paris, dort musste er nach zwei Spielzeiten gehen, weil das Rüstungsunternehmen »Matra« die beste Fußballmannschaft der Welt aufbauen wollte, und der norwegische Stürmer dafür zu verletzungsanfällig war. Ein anderes Mal hatte er als Trainer gearbeitet, 1992, ebenfalls bei Viking. Das Team hatte im Jahr zuvor die bis dato letzte Meisterschaft gewonnen, doch die Spieler waren jung, sie scheiterten an den Erwartungen. Økland wurde entlassen. »Das hat mich viele Wochen sehr beschäftigt«, sagt er. Sein Sohn, damals Teenager, hat bis heute nicht seinen Frieden mit Stavanger gemacht. Er ist Bryne-Fan und fand es nicht gut, als sein Vater zu Viking zurückkehrte.
Werber, Pizzaketten-Inhaber, Angelmeister
Nach seiner Kündigung 1992 verabschiedete sich Økland langsam vom Fußball. Zwei Jahre lang betreute er nebenher die Nationalelf, doch noch während sich ehemalige Mitspieler von ihm in die Post-Fußballkarriere, in Sportschulen oder Lotto-Toto-Lokale verabschiedeten, nahm sein Leben richtig Fahrt auf. Er traf zwei alte Bekannte wieder und der eine sagte: »Lass uns eine Werbeagentur gründen«, und Økland nickte. Dabei hatte er keine Ahnung von Werbung. Sie nannten ihr Unternehmen »Pro et Contra« und sie veränderten die Werbung in Norwegen. Einmal, vor einer Wahl, ließen sie im »Stavanger Aftenblad« eine Anzeige drucken, in der nichts weiter stand als: »Auf zur Urne!« Dass es sich außerdem um ein Produkt handelte, das beworben wurde, war nicht sofort zu erkennen.
Der Chef der Pizzakette war so begeistert, dass er fragte, ob Økland bei ihm einsteigen wolle. Er sagte ja, dabei hatte er auch keine Ahnung von Gastronomie. Doch er wusste, dass die Norweger Pizza lieben, und so gehörte ihm plötzlich die Kette »Dolly Dimple’s«. Er verließ sie erst vor wenigen Jahren, als ihm über 80 Filialen und 1600 Mitarbeiter unterstanden. Zwischenzeitlich war er noch Chef einer Computerfirma und saß im Vorstand von über zehn verschiedenen Unternehmen.
Das Themeninterview: Arne Larsen Økland über Pizza >>>
Auf Hillesøy ist das alles weit weg. Bis vor kurzem hatten sie hier nicht mal einen Telefonanschluss. Das Haus befindet sich auf einer kleinen Anhöhe, früher stand an der Stelle der Bauernhof von Lauritz Klubben, einem bekannten norwegischen Widerstandskämpfer. Im Zweiten Weltkrieg gehörte Klubben einer Gruppe an, die Waffen von den britischen Shetlandinseln auf die umliegenden Fjorde schmuggelte. Zwei Wochen vor Ende des Krieges sandten die Nazis Boote zu der 200 000 Quadratmeter großen Insel aus, um Klubben festzunehmen. Eine Bekannte hatte ihn allerdings rechtzeitig informiert, und so flüchtete er über die andere Seite der Insel. Die Nazis brannten das Haus komplett nieder. Als Klubben nach dem Krieg heimkehrte, baute er es wieder auf. Økland hat ein Foto von ihm in der Wohnstube hängen.
Vom höchsten Punkt aus kann man über die Fjorde von Bømlo gucken. Der Aufstieg ist beschwerlich, denn die Insel ist sehr verwachsen. Wenn es geregnet hat und das Moos noch feucht und rutschig ist, muss man besonders auf den Steinen aufpassen. Doch wenn Arne Larsen Økland es geschafft hat, bleibt er manchmal Stunden hier. Die Landschaft sieht aus, als hätte jemand einen Filter darüber gelegt, wie das Setting von »Highlander« oder »Der Herr der Ringe«. »Schön«, sagt Økland, doch eigentlich ist das kein Ausdruck dafür.
Den Bauernhof hat er mit seinem Bruder restauriert. Im Schuppen steht ein 50 Jahre alter Trecker, im Bootshaus hängt seine Angelausrüstung. Økland hat mal die Europameisterschaft im Hochseeangeln gewonnen, irgendwo im Norden, am Polarmeer. Sein Lieblingsfisch ist der Dorsch, sein dickstes Exemplar wog 18 Kilogramm. Im Haus stehen Pokale von Angelwettbewerben, ein wenig versteckt hinter einer Treppe. Seine Frau mag die Pokale nicht. »Hochseeangeln ist manchmal echt gefährlich«, erzählt er dann. Vorgestern wäre in der Nähe beinahe ein deutscher Angler ertrunken, sein Boot war umgekippt, und er wurde erst nach zehn Stunden auf dem offenen Meer gefunden.
Schließlich holt er eine Angel aus dem Schuppen und gleitet zurück aufs Meer. Er stellt den Motor aus. Er sagt, er angele auch gerne Lachse. Sein Traum ist Alaska. Dann ist es ruhig. Arne Larsen Økland wirft die Schnur ins Wasser und wartet.