21.03.2012

Best of 2012: VfB-Lübeck-Ultras beim Berliner AK

Nordberlin Maskulin

Seite 2/2: Stadionverbot?
Text:
Andreas Bock
Bild:
Imago

Er guckt nun etwas enttäuscht. Denn der Engländer ist kein 120-Kilo-Bushwacker-Hool aus London-Millwall, nicht mal Hool, nicht mal dick. Er ist mit dem Mountainbike nach Moabit gekommen und trägt eine Radlerhose. Die unruhigen Jungs ziehen von dannen, stromern vorbei an den Kindern, Rentnern und Müttern. Sie sind zu dritt. Das Bier fest umklammert. Sie sind auf dem Weg. Auf der Suche nach dem Abenteuer. Nach Leuten, die ihre Männlichkeitsrituale goutieren. Doch es ist wenig los hier im Poststadion. Es ist nichts los. Es ist ein Regionallligakick im Norden Berlins. Es ist, ja, es ist Fußball, und das ist für so einen Sonntagnachmittag im Grunde genommen völlig ausreichend.  

Das Wort »Pisser« fällt

Die Drei entern mit einem Satz die Sitzplatztribüne. Dort, wo eine Gruppe von Kindern sitzt, dort, wo drei Victoria Beckhams ihre Nägel vergleichen. Am Fuße der Tribüne versammeln sich prompt verschiedene Sicherheitskräfte. Sie fordern die drei Ausreißer auf, zurück auf die Stehplätze zu gehen, zurück in ihren Block. Mit einem Mal stehen dort drei Ordner, sieben Polizisten und die drei Jungs. Sie diskutieren. Etwa darüber, wer wen angefasst hat und wer wen nicht hätte anfassen sollen. Oder darüber, wer denn nun eine feuchte Aussprache hätte und dass man doch von Anfang an gesagt habe: »Kein Ärger!« Und dann stellt jemand die Frage, ob die Drei abgeführt werden sollen, weil sie keine Sitzplatzkarten gekauft hätten. Da werden sie wütend. Das wäre ja schließlich ein Stadionverbot. Das Wort »Pisser« fällt.

Nun wird der Fanbeauftragte des VfB Lübeck um Hilfe gebeten. Er tritt väterlich auf. Beruhigend. »Pisser«, sagt er zu den Jugendlichen. »Pisser sind das schon mal gar nicht!« Dann schiebt er den Kastenmann, den Blonden und einen dritten Jungen zurück in ihren Block. Der Engländer trinkt Kaffee und unterhält sich mit einem Antiquitätenhändler über Holzmaserung. Dann fragt er: »Kehren die Jugendlichen nun als Helden heim?«  

Der Kastenmann täuscht einen Schlag an – in die Luft

Das Spiel endet 0:0. Die Mannschaften werden beklatscht. Die VfB-Spieler bedanken sich beim mitgereisten Anhang. Ich gehe auf Toilette in der angrenzenden Turnhalle. Die verletzten Spieler drücken sich in ihre Autos und die Victoria Beckhams achten darauf, dass sie mit ihren Absätzen nicht im rissigen Asphalt hängenbleiben. Am Eingang steht wieder Polizei, sie begleitet die VfB-Ultragruppe zum Hauptbahnhof. Die Fans singen »Blau-Weiß Berlin!«, Blau-Weiß Berlin spielte in der Saison 1986/87 in der Bundesliga. Danach ging es bergab, der Klub löste sich auf. Ein Nachfolgeverein spielt heute in der Bezirksliga. Noch einmal: »Blau-Weiß Berlin!«  

Der Kastenmann taucht mit einem Mal zehn Meter von uns entfernt auf. Er taumelt. Er versucht, seinen Bierbecher zum Mund zu führen. Er ruft: »Und nun? Und nun?« Wir sagen nichts. Dafür spricht er. Mit einem Mal fallen die Worte aus seinem Mund. Er schreit: »Mach dich mal gerade!« Und dann täuscht er einen Schlag an. Seine Schulter zuckt dabei so langsam, dass man das Gefühl hat, er habe sich selbst in Superzeitlupe abgespielt. Wir schließen die Fahrräder auf. Dann flüstert der Engländer: »Kein Ärger.«

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