21.03.2012

Best of 2012: VfB-Lübeck-Ultras beim Berliner AK

Nordberlin Maskulin

Spiele des Berliner Viertligisten BAK besuchen in der Regel türkische Familien, es gibt eine Sorte Wurst und eine Toilette in der angrenzenden Turnhalle. Am Sonntag gastierte der VfB Lübeck und brachte 30 Ultras mit. Ein groteskes Aufeinandertreffen.

Text:
Andreas Bock
Bild:
Imago

Ich trage die richtigen Schuhe. Vielleicht auch die richtigen Narben. Allein, der Junge mit der grün-weißen Trainingsjacke weiß nicht, dass ich mir die Verletzung an der Stirn zuzog, als ich einmal vom Schreibtisch meines Vaters auf die Lehne eines Holzstuhls fiel. Ich war damals vier Jahre alt.

»Du bist doch auch Fußball«, sagt der Junge, der vom Alter her mein Sohn sein könnte und vor dem Berliner Poststadion herumstreunt. An der Backsteinfassade steht seine Gruppe, grün-weiße Schals, noch mehr Trainingsjacken, Ultras, Anhänger, Fans, was auch immer. Daneben ein paar Polizisten. Heute spielt hier der Berliner AK gegen den VfB Lübeck, Vierte Liga. Ich warte am Kassenhäuschen. Bin ich also Fußball? »Ich bin HSV-Fan«, sage ich.

»Stellt euch nicht in unseren Block, könnte böse enden«

»Hab ich gleich erkannt«, sagt er. »Fußball. Casual. Adidas-Sneaker.« Dann grinst er und ich denke, dass er mit Fußball nicht Fußball, sondern »Fußball« meint, und dass ich Glück habe, nicht Fan von Holstein Kiel zu sein. »Wie wär's: Kleines 10 gegen 10?«, fragt er dann. Ich sage, es käme nur noch ein Freund, und dass ein 10 gegen 10 so nicht möglich sei. »Ein Freund? Auch Hamburger?« – »Nein, Engländer. London.« – »Stellt euch nicht in unseren Block, könnte böse enden. Wie das letzte Mal mit den Typen aus Neumünster.«

Sein Kumpel, der sich unmerklich neben uns gestellt hat, trägt auch grün-weiß. Trainingsjacke. Er tut nichts weiter, als mich zu mustern. Ich trinke Limonade, er Bier. 1:0 für ihn. Schließlich blickt er einem ausgemergelten Senioren hinterher, der mit seinem sehr rostigen Hollandrad über das Kopfsteinpflaster durch das Stadiontor fährt, Schultheiss-Fahne, tiefe Augenhöhlen. Bekannt aus jeder x-beliebigen Eckkneipe und doch irgendwie aus der Zeit gefallen. Der Junge ruft: »Zum KZ geht’s in die andere Richtung!« Gelächter. Der Junge, bekannt aus jedem x-beliebigen Stadion, ist vielleicht 18, 19. Er sieht kastenförmig aus, kompakt.

Die neue Kampagne: RUN BAK!

Das Poststadion liegt im Berliner Stadtteil Moabit, hier fanden in den dreißiger Jahren Endspiele um die Deutsche Meisterschaft statt. Damals hatten 45.000 Zuschauer Platz. Heute passen 10.000 hinein. Bis vor vier Jahren kooperierte der BAK mit dem türkischen Verein Ankaraspor, zwischen 2006 und 2011 hieß der Klub deswegen Berlin Ankaraspor Kulübü. Vor eineinhalb Jahren erreichte die Mannschaft die erste Runde des DFB-Pokals, das Spiel gegen Mainz 05 ging knapp mit 1:2 verloren. Damals, im August 2010, stand der Teheraner Bahman Foroutan an der Seitenlinie. Ein Star-Coach. Er hatte in den achtziger Jahren mal die iranische Nationalmannschaft trainiert.

Seit April 2011 steht BAK wieder für Berliner Athletik Klub. Die Mannschaft hält sich wacker im Mittelfeld der Regionalliga-Nord, zu den Spielen kommen selten mehr als 100 Fans. Heute sind es immerhin 350. Es ist gutes Wetter, der Gegner hat einen attraktiven Namen. Auf der Haupttribüne stehen Männer mit Migrationshintergrund, mit Schnurrbärten, mit Bäuchen, daneben Kinder, Mütter, ein paar Touristen, eine Handvoll Fans.

Der Kaffee ist okay, die Wurst ledrig. Die Kartenverkäuferin steht eine Minute nach dem Anpfiff an der Bude und drückt die Senftube. Daneben ein Stand, an dem sie die neue Merchandise-Kollektion des Klubs feilbieten. Es gibt T-Shirts, auf denen »RUN BAK« zu lesen ist, nachempfunden dem Schriftzug der HipHop-Band RUN DMC. Ein etwa vierjähriger Knirps streift sich das kleinste Shirt über, es sieht aus wie ein Nachthemd.

Die verletzten Spieler, die heute auf der Sitzplatztribüne Platz nehmen, tragen ähnliche Frisuren wie Marco Reus, ihre Spielerfrauen ähnliche Klamotten wie Victoria Beckham. Nur die Autos sind kleiner und die Frauen balancieren auf ihren hohen Absätzen eher, als dass sie elegant den Weg zum VIP-Raum entlang stöckeln. Irgendwo da hinten auf der anderen Seite, hinter einem Zaun zwischen Gegengerade und Kurve, stehen die Ultras vom VfB Lübeck. Der Engländer sagt: »Fußballfans! Jugendliche! Ach!« Wir gucken das Spiel. Ein wendiger Mittelfeldmann trifft mit einem Fernschuss die Latte. Applaus.

»Kein Ärger, können Sie mir sagen, wo ich Gurken im Glas finde?«

Zur Halbzeit steht es 0:0. Drüben bei den VfB-Ultras weiterhin Gesänge. Fahnen, Transparente. Aber auch: Langeweile. Viertliga-Tristesse. Der Blonde und der Kastenförmige stehen auf einmal wieder neben uns. »Kein Ärger! Ist das dein Kumpel aus England?«, sagt der Blonde. Ob er sich auch im Supermarkt so erkundigt: »Kein Ärger! Aber können Sie mir sagen, wo ich Gurken im Glas finde?«


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