Best of 2012: Sechs Jahre Pizza-Boykott: Ein Fan macht Ernst

3.147.840 Minuten Nachspielzeit

Nach dem verlorenen WM-Halbfinale 2006 zwischen Deutschland und Italien schwor sich André, nicht mehr beim Italiener zu essen. Sein Protest hält bis heute an.

Am Anfang war es nur ein Gag. Kein schlechter, keine Frage. Es ist Dienstag, der 4. Juli 2006, und die deutsche Nationalmannschaft spielt im Halbfinale des WM-Sommermärchens im Dortmunder Westfalenstadion gegen Italien. André sitzt mit drei Freunden in einer Kneipe in Osnabrück. Kurz vor dem Anpfiff, irgendwann zwischen Bier Nummer zwei und drei, kommt ihm der Geistesblitz: »Wenn wir heute gegen Italien verlieren, essen wir nicht mehr beim Italiener«, sagt er. Ein Lacher. Alle stimmen zu. Kein Problem. Prost. Der Gruppenschwur steht. Das nächste Bier kommt. Dann der Anpfiff. Dann die Nachtspielzeit. Dann Fabio Grosso. Dann Alessandro del Piero. Und dann der Frust. In der Pizzeria gegenüber liegen sich die Tifosi jubelnd in den Armen und als André später vorbeigeht, schallen Schmährufe durch die Straßen von Osnabrück. Ein Schlüsselerlebnis.

Andere essen Eis, er guckt zu

Und André ahnt, was er nun zu tun hat. Er hat Quentin Tarantinos »Kill Bill« gesehen und weiß: Rache ist ein Gericht, das man am besten eiskalt serviert. 2185 Tage ist jener Abend im Juli jetzt her und seit 2185 Tagen hat André keinen Fuß mehr in ein italienisches Restaurant oder in eine Eisdiele gesetzt. »Auf einer Härteskala von 1 bis 10 würde ich dem Ganzen eine neun geben«, sagt André. Denn er liebte Pizza, liebte Pasta, liebte Eis. Um seinen Stammitaliener musste er anfangs einen Bogen macht, um »nicht rückfällig zu werden«. Vor allem heiße Sommertage tun weh. Denn während alle lustvoll an ihrem Eis schlecken, steht er im Abseits und schwitzt. Warum tut sich jemand so etwas an? »Ich habe damals eine so tiefe Enttäuschung empfunden wie selten zuvor. Vielleicht ist das immer noch meine Form der Verarbeitung«, sagt er heute. Von seinen Kumpels sind alle irgendwann schwach geworden. Reumütig gestanden sie der Reihe nach, nicht länger Teil des Schwurs sein zu können. Heute ist André der letzte Protestler.

Seinen Stammitaliener gibt es nicht mehr

Erklärt hat er sich seitdem bereits Hunderte Male. Verstehen tun ihn eigentlich nur Männer, Frauen quittieren seinen Protest mit Kopfschütteln und schwingen sich lieber ins nächste Eiscafé. Und oft genug brachte ihm sein Schwur auch in echte Bedrängnis. Einmal bat ihn sein Arbeitgeber, für mehrere Tage nach Italien zu fahren – André sagte ab. »Das kam mittelmäßig an«, erinnert er sich. Und als er einmal mit ein paar Bekannten zum Essen verabredet war, erfuhr er erst auf dem Weg dorthin, dass es zum Italiener gehen sollte. André ließ sich unterwegs an der Pommesbude absetzen. Seine Kollegen fuhren weiter und hatten einen schönen Abend. Mit Pizza. Und ohne André. »Mittlerweile könnte ich auch wieder an meinem Stammitaliener vorbeigehen«, sagt er lächelnd. Der einfache Grund: Das Restaurant gibt es nicht mehr. Vor Monaten hat hier ein Inder eröffnet.

Donnerstagabend trifft Deutschland auf Italien. Ungefähr 3.147.840 Minuten dauert Andrés kulinarische Nachspielzeit im Moment des Anpfiffs an. Die Karten werden dann neu gemischt. Auch wenn es nur die Karten der örtlichen Restaurantbetreiber sind. » Falls Deutschland verliert, bin ich bereit, weiterzumachen«, sagt er. Und falls die Löw-Elf gewinnt? »Dann gibt es Pizza!«

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