02.10.2012

Best of 2012: Mit Deutschlands bekanntestem Groundhopper am Polarmeer

Asphalt Cowboy

Seite 2/3: Der Traum von der UdSSR
Text:
Bild:
Shooresh Fezoni

Doch irgendwann rief ihn die Ferne wieder. Zwei andere Groundhopper haben ihn zwischenzeitlich im Länderpunkte-Ranking überholt, aber das ist Carlo egal. »Ich reise nicht für Rekorde, ich reise für mich«, sagt er. Momentan schafft er nur noch 50 Spiele pro Jahr. Die Touren sind allerdings ausgefallen wie eh und je. Für die Reise nach Murmansk ist er am Freitagmorgen gestartet. Auf dem Weg wollte er noch ein Spiel in Schweden und eines in Finnland mitnehmen. Er warf alles in seinen Bus, eine Tüte Studentenfutter, ein Sixpack Wasser, ein grünes Kissen mit Froschmotiv und dem Slogan »Küss mich!«

»Murmansk, wir kommen!«

Carlo ist Jahrgang 1971, er trägt eine blaue Jeans-Short, ein T-Shirt in Kaki. Mit seinen langen Haaren, den Falten um die hellblauen Augen sieht er ein bisschen aus wie eine Figur aus einem Karl-May-Roman. Manchmal spricht er sogar so. Er liebt Lebensweisheiten, wie sie auf Kalendern stehen: »Eine Hand wäscht die andere, zwei waschen ein Gesicht.« Oder: »Die meisten Leute vergessen, dass ihr letztes Hemd keine Tasche hat.« Wenn sich Dinge zum Guten wenden wie im schwedischen Kapellskär, wo er auf einer eigentlich ausgebuchten Fähre noch einen Platz bekommt, dann springt er auf und ab und ruft: »Murmansk, wir kommen!« Und seine Frau springt auch auf und ab, lacht und ruft: »Mein lieber Mann! Mein lieber Mann!«

Carlo erzählt gerne die Geschichte aus seiner Schulzeit, als ein Lehrer fragte, in welches Land die Schüler gerne mal reisen würden. Die Mädchen wollten in die USA, ein paar abenteuerlustige Jungs nach Kanada. Carlo antwortete: »UdSSR«. Das Land reizte ihn wegen der Größe, des Eisernen Vorhangs und geheimnisvoller Ortsangaben wie Wladiwostok oder Ural.

Doch er kam als Schüler nicht mal in die Nähe der UdSSR, denn seine Familie fuhr nie weg. Und wenn man es genau nimmt, hatte er damals nicht mal eine Familie. Seine Mutter hat er nur einmal in seinem Leben gesehen, kürzlich erfuhr er, dass sie vor sieben Jahren gestorben ist. Sie war Slowenin und kam in jungen Jahren mit einem Rucksack voller Hoffnungen nach Deutschland. Bald drohte sie ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren. Also ließ sie sich schwängern. Fünfmal. Von fünf verschiedenen Männern. Einen Sohn nannte sie Carlo.

Doch nicht sie, sondern der Mann zog den Jungen groß. Und der Mann trank. Carlo hatte viele Jahre keinen Kontakt zu ihm. Erst 2004 meldete sich ein Arzt bei ihm, denn sein Vater brauchte Pflege und die Verwandten wollten ihn nicht nehmen. Also holte Carlo ihn zu sich. »Als Kind konnte ich nicht begreifen, dass Alkoholismus eine Krankheit ist«, sagt er. »Doch in diesen letzten Jahren kamen wir uns näher, als wir es jemals zuvor waren.« Als sein Vater eines Tages eine Straße überqueren wollte, überfuhr ihn ein Auto. Das ist jetzt vier Jahre her.

Seitdem ist Sophia die Familie von Carlo. Sie ist eigentlich Deutschlehrerin, doch nun arbeitet sie in seiner Firma. Sie stammt aus einem 600-Einwohner-Dorf in Weißrussland. Die beiden lernten sich in der Ukraine kennen. »Danach habe ich seinen Namen gegoogelt und da stand: ›König der Groundhopper‹. Dann habe ich den Begriff Groundhopper gegoogelt, und ich dachte, er wird mich nie wiedersehen wollen«, sagt sie. So einer wie Carlo, der mal in Algerien verhaftet wurde, der in Argentinien lebte, der mehrere tausend Kilometer mit der Bahn durch Russland fuhr, um zur WM nach Südkorea zu kommen, der 1989 als einziger Fan zum HSV-Trainingslager nach Porto Alegre gereist war – was sollte sie so einem schon erzählen? Doch Carlo schrieb ihr, und ihr gefiel, dass er schöne und ganze Sätze schrieb. Also antwortete sie. Dann rief er sie an und sie verließ ihr Dorf. Im Februar dieses Jahres haben sie geheiratet. »Die Hochzeit führte zu einer Massenkarambolage«, sagt der Bräutigam. »Sie trug das kürzeste Kleid, das ich je gesehen habe.«

>> Schweden, Finnland, Russland: Die Bilder der Tour

In Södertälje, 30 Kilometer südlich von Stockholm, findet am Samstagnachmittag das erste Spiel auf der Tour statt. Eine Partie zwischen dem FC Syrianska und Gefle IF, Abstiegskampf in Schwedens erster Liga. Carlo kommt bereits am frühen Morgen an. Zunächst streift er durch die schwedische Hauptstadt, es ist teuer hier, in den Restaurants kostet ein Cheeseburger 25 Euro. Deshalb fährt er schon jetzt nach Södertälje, er geht mit Sophia in ein Einkaufszentrum, das sich an einem Verkehrskreisel befindet, gegenüber Ikea, daneben ein Autohaus. Hinter dem Parkplatz hüpfen Kinder auf Trampolinen. Vorort-Tristesse. Carlo isst ein Stück Fleisch. Von der Rolltreppe aus beobachtet er eine Wasserfontäne, die in bunten Farben beleuchtet wird. Mit fachmännischem Blick sagt er: »Gut gemacht. Die Düsen bewegen sich auch noch!« Dann legt er sich in den roten Autobus und schläft.

In die Södertälje Fotbollsarena verirren sich an diesem Nachmittag 1476 Zuschauer. Carlo sitzt ein wenig abseits vom Pulk und macht Fotos. In der zweiten Minute fliegt ein Ball direkt in seine Arme.

1992, als Groundhopping in Deutschland populär wurde, gründete sich die Vereinigung der Groundhopper Deutschlands. Dort werden alle Hopper geführt, die mindestens 30 Länderpunkte gesammelt haben. Daneben gibt es auch solche, die Untersysteme haben. Zum Beispiel die Benelux-Hopper, die sämtliche Ligen in Holland, Belgien und Luxemburg abgrasen. Oder jene Hopper, die nur Stadien zählen, in denen sie den Ball direkt ins Spielfeld zurückgeköpft haben. »Kopfballhopper« nennt man sie. Ein anderer, Stephan Schlei aus Düsseldorf, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Spiele ausschließlich per Anhalter zu erreichen. Seit 30 Jahren macht er das. Er schläft in Hauseingängen, das Geld erbettelt er sich auf der Straße. Er steht im Guinness Buch für die meisten getrampten Kilometer. »Wenn man solche Geschichten hört, denkt man sich: Zum Glück bin ich normal«, sagt Carlo.

Kein Handy, kein Auto, kein Fernseher, keine Stereoanlage

Früher lebte auch er von der Hand in den Mund. Als er Südamerika bereiste und schließlich nach Buenos Aires zog, um die dortigen Ligen zu komplettieren, trat er als Straßenkünstler auf. Er hatte sich zuvor eine Handpuppe gekauft, die er Casanova taufte. Vor seinem Trip studierte er vor dem Spiegel sein Programm ein. Dann machte er sich auf den Weg. Er ging mit der Puppe in Schnellrestaurants oder stand in Einkaufsstraßen von Buenos Aires. Manchmal landeten über 100 Dollar im Topf.

Viele Jahre besaß Carlo kein Handy, kein Auto, keinen Fernseher, keine Stereoanlage. Er hatte nur seine vier Wände, ein paar Klamotten und Andenken an die Reisen. Die Heizkörper wurden nur bei extremen Minusgraden angeworfen. In der Groundhopper-Szene galt er deswegen als Lebenskünstler. Als ein Chef ihm einmal keinen Urlaub genehmigte, kündigte er seinen Job. Der Chef erzählte was von Arbeitsmarkt und sicherem Verdienst. Doch Carlo schüttelte den Kopf. Unter solchen Bedingungen wollte er nicht arbeiten. »Das war ein Knebelvertrag!«, sagt er. War das Spiel denn so wichtig? »Es war das erste Spiel in Sarajevo nach dem Jugoslawienkrieg.«

 
 
 
 
 
123
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden