02.10.2012

Best of 2012: Mit Deutschlands bekanntestem Groundhopper am Polarmeer

Asphalt Cowboy

Anfang August 2012 setzte sich Carlo Farsang in sein Auto und fuhr ans Polarmeer, um ein Spiel der dritten russischen Liga zu sehen. Verrückt, sagen die einen. Ein Traum, sagt der Groundhopper.

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Shooresh Fezoni

Carlo Farsang hat keine Zeit. Doch wen interessiert das hier? Hier ist niemand. Hier ist nur dieser verdammte Grenzübergang nach Russland, 580 Kilometer nördlich vom Polarkreis, weiter nach Norden geht es zum finnischen Wildreservat Tsarmitunturin Eräma. Es ist fünf Uhr morgens. Kein Mensch weit und breit, am Straßenrand ein paar verrostete Autowracks, komplett ausgenommen, sonst Wald, Zäune, Schilder. »Seis!« steht auf einem. »Stop!« Am großen Eisentor leuchtet die Ampel rot. Dazu der Hinweis: Open 7-21 h.

Der Groundhopper will nach Russland, Murmansk. Dort spielt heute der örtliche Klub Sever gegen Piter Sankt Petersburg. Dritte russische Liga. Harter Stoff. Carlo ist in Furtwangen im Schwarzwald gestartet, 3604 Kilometer bis zum Ziel, der Plan klang ziemlich großartig, doch jetzt läuft ihm die Zeit davon. »Wer hat sich das nur ausgedacht?«, schimpft Carlo und meint damit die Anstoßzeit: Das Spiel in Murmansk soll um 12 Uhr beginnen, an einem Montag.

Carlo Farsang hasst es, zu warten. Deshalb ist er nur ganz selten mit anderen Groundhoppern auf Tour. »Ballast«, nennt er sie. »Die müssen ständig auf Klo, dann rauchen, dann ihre Schnürsenkel zumachen«, sagt er. Manchen hat er Spitznamen gegeben. Einer, der ihn mal nach Südamerika begleitete, heißt »Hungermüdetaxi«. Seit einiger Zeit darf in seinem roten Kleinbus nur noch seine Frau Sophia mitfahren. Den Bus hat er umgebaut, die Sitzreihen rausgenommen und stattdessen ein paar Styroporscheiben hineingelegt, darüber einen Lattenrost und eine Matratze. So fährt er davon. Über endlose skandinavische Schnellstraßen, vorbei an Orten wie Kuivaniemi, Karsämäki oder Sodankylä. Den Fuß ständig auf dem Gaspedal, tagsüber, nachts, immer weiter. Im lappischen Wald wäre er beinahe in einen ausgewachsenen Elch gedonnert.

Man erklärt uns, wie man Feinde erschießt

Um Viertel nach sieben schreckt Carlo hoch. Er war eingeschlafen, und nun steht das Eisentor sperrangelweit offen. Sofort lenkt er seinen Bus hindurch. Auf der finnischen Seite läuft alles glatt: Papiere, Ausweis, weiterfahren. Auf der russischen Seite geht alles schief. Carlo verzweifelt an einem Formular, in dem er Angaben zum Fahrzeug machen muss. Er trägt versehentlich das Baujahr in das Hubraum-Feld ein. Dann streicht er das Geschriebene durch, das ist aber nicht erlaubt. Alles noch einmal von vorne. Eine Stunde vergeht.

>> Schweden, Finnland, Russland: Die Bilder der Tour

Draußen steht ein Grenzbeamter, Typ Captain Harris, Police Academy. Er zieht die Schultern hoch. Sever Murmansk? Piter Sankt Petersburg? Nie gehört. Er raucht jetzt und sagt, dass er Fußball nicht mag. Er mag Snipergewehre. Solche, die man mit einem Spiegel versehen kann, um damit um Ecken zu spähen. Er erzählt von einem Kameraden, der im Tschetschenienkrieg mit dieser Sniper-Spiegel-Technik einen Feind erschoss. Zur Demonstration hebt Captain Harris die rechte Hand, stellt mit der linken einen imaginären Spiegel ein und drückt den Zeigefinger herunter. Er macht: »tschik, tschik«. Dann sagt er: »We have best Snipers!«, und wünscht eine gute Reise. Carlo ruft: »Tempo! Tempo!«

Carlo Farsang war jahrelang Deutschlands bekanntester Groundhopper. Seit er 1989 seinen HSV erstmals auf eine Europapokalfahrt nach Göteborg begleitete, war er unterwegs. Über ihn wurden Filme gedreht und Bücher geschrieben. Er hat 119 Länder- und weit über 1800 Groundpunkte gesammelt. Das heißt, er hat Fußballspiele in 119 verschiedenen Ländern und in über 1800 Stadien gesehen. Einmal schaffte er elf Partien in fünf Tagen in sieben Ländern. Ein anderes Mal fuhr er mit dem Fahrrad von Niger aus über Burkina Faso nach Mali und schaute sich Spiele von Sahel SC oder Old Niamaey an. 6000 Kilometer in drei Monaten, ein Fahrrad ohne Bremsen, dafür mit einem Wassertank am Lenker, er fuhr dorthin, wo die Einheimischen noch nie einen Weißen gesehen hatten, jedenfalls noch nie einen Weißen auf einem Fahrrad. Er wollte sogar noch weiter, nach Sierra Leone, doch da war gerade der Bürgerkrieg ausgebrochen, also drehte er sein Fahrrad um und fuhr wieder zurück.

Der Abschied vom Groundhopping

Vor zehn Jahren, im Oktober 2002, hatte Carlo seine Groundhopper-Karriere eigentlich für beendet erklärt. Er war von einer Asientour heimgekehrt, inzwischen 31 Jahre, und wollte bodenständiger werden. Früher hatte er mal eine Bäckerausbildung angefangen und in einem Lager gearbeitet, später in einem Metallbetrieb oder bei einer Spedition, von Dauer war nichts.

Drei Tage nach seiner Rückkehr aus Asien, am 2. November 2002, kaufte er sich eine Werkzeugkiste und eine Bohrmaschine und pries sich in Furtwangen als Hausmeister-Full-Service-Firma an. Die Leute nahmen seine Hilfe an, und so hat er es zu Wohlstand gebracht. Er repariert Lichtanlagen, säubert Dachrinnen, putzt Fassaden. Er ist zur Stelle, wenn im Dorf jemand eine Schneefräse benötigt oder ein Wasserspiel für die Gartenanlage errichten möchte. Carlo und Sophia wohnen inzwischen in einem Haus am Hang, vor dem er schon als Kind häufig stand. Es gehörte damals einem berühmten Narkosearzt, es sah aus wie das Haus aus einem James-Bond-Film. Es zog sich über einen Felsvorsprung, hatte eine Wendeltreppe und der Eingang war nur durch einen kleinen Seitentunnel zu erreichen. Hier wollte er bleiben.

 
 
 
 
 
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