Best of 2010: Der qualvollste TV-Marathon der Welt

Clockwork Bundesliga

Unser englischer Mitarbeiter Titus Chalk kam vollkommen ahnungslos aus England. Bundesliga-Konferenz? Nie gehört. DSF-Doppelpass? What the hell... Höchste Zeit für einen Selbstversuch: 48 Stunden in der deutschen TV-Hölle. Best of 2010: Der qualvollste TV-Marathon der Welt
Heft#98 01/2010
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Sonntagabend. Nur noch eine Sendung, aber ich weiß wirklich nicht, ob ich durchhalte. Ich verwahrlose zusehends. Überall leere Bierflaschen und Krümel von Schweinekrusten, einer deutschen Spezialität, nach der ich inzwischen süchtig bin. Mir ist zum Heulen zumute. Mein rechtes Augenlid zuckt unkontrollierbar. Ich versuche verzweifelt, einen Freund zu erreichen, der von Fußball keinen blassen Schimmer hat. Denn wenn ich das F-Wort noch ein einziges Mal höre, breche ich zusammen.

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Mit Debussy und einer Tasse Tee bringe ich mich wieder in die Spur. Der Gedanke daran, in einem Konzert zu sitzen und mich Kultiviertheit und Kunst hinzugeben, an einem Ort, wo meine Seele für einige Zeit losschweben kann, ist extrem reizvoll. An diesem Wochenende schwebt meine Seele nirgendwohin. Stattdessen wird sie entmündigt, durch permanente Zwangsfütterungen mit etwas, das sie vermeintlich geliebt hat. Die Katholiken nennen es die Hölle. Wir nennen es Fußballmarathon.

Alles hat mit einem zwanglosen Gespräch in der 11 FREUNDE-Redaktion begonnen, es ging um die Unterschiede zwischen englischem und deutschem Fernsehen. Plötzlich klopften mir die Kollegen auf den Rücken und teilten mir mit, dass ich in meiner Eigenschaft als englischer Sportjournalist auserwählt worden sei, mir an einem einzigen zermürbenden Wochenende sämtliche Fußballübertragungen deutscher Sender anzuschauen. Es solle eine existentielle Erfahrung im Stile von »Clockwork Orange« sein. Alle grinsten. Sehr witzig. Wie sagt man auf Deutsch? Kollegenschweine!

TUTTI FRUTTI UND DER DOPPELPASS

Schon bevor es losgeht, wird mir klar: Die Deutschen lieben Fußball – und sie lieben Fußballsendungen. Mein Sendeplan ist vollgepackt wie mein Koffer, als ich aus England hierher kam: Freitagabend Bielefeld
gegen 1860; samstags die Bundesligakonferenz, die »Sportschau« und das »Aktuelle Sportstudio«; sonntags der »Doppelpass«, Bayern gegen Leverkusen, danach HSV - Bochum, wenn möglich (ist es nicht, ich werde zusammenbrechen), zum Abschluss eine Auswahl der regionalen Abendshows. Das sind 52 Stunden Fußball mit ein bisschen
Schlaf dazwischen. Verstoßen meine Kollegen eigentlich gegen die Genfer Konvention? 

Ich halte mich an einer Kindheitserinnerung fest. Meine erste prägende Erfahrung mit der deutschen Fernsehlandschaft war durchaus positiv. Als Zwölfjähriger sah ich mir mit einem Freund heimlich »Tutti Frutti« auf RTL an – das zweifache Wunder des Satellitenfernsehens und der europäischen Integration verschmolzen zu einem markanten Eindruck von Deutschland. Als sich das Fußballwochenende hinzieht, hoffe ich inständig auf tanzende Girls in briefmarkengroßen Bikinis. Vergeblich. Würde das den »Doppelpass« nicht etwas aufpeppen?

Schon während des schwülstigen »Sky«-Vorspanns am Freitagabend wird mir klar: Hier geht es um Spannung. Ein Phänomen, das sich in der ganzen Welt verbreitet hat. Ein sexy Zusammenschnitt, mit einem epischen Filmsoundtrack oder einer Indierockhymne unterlegt, der erhitzt das Fußballevent des Wochenendes ankündigt. Man muss nicht mal Deutsch sprechen, um zu erkennen, dass der Typ, der das Voice-Over spricht, WIRKLICH SEHR GESPANNT auf das ist, was da kommen mag.

KEINE STUDIOS, DAFÜR TROMMELN

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Vorfreude des Voice-Over-Mannes wirklich gerechtfertigt war. Beide Spiele, die ich mir in voller Länge ansehe, beginnen gut, die Mannschaften bieten ansehnlichen Fußball mit hohem Tempo. Nach der Pause jedoch fällt das Niveau stark ab. In diesen Momenten kann der Kommentar das TV-Erlebnis ausmachen oder aber zerstören. Leider reicht mein Deutsch nicht aus, um alles zu verstehen, aber mir fehlt doch der Co-Kommentator, der in England bei wichtigen Spielen immer dabei ist – ein ausgebildeter Profikommentator auf der einen und ein onkelhafter Trainer oder Ex-Spieler auf der anderen Seite, der vernichtende Kritik und fachliche Analysen beisteuert. Eine Kombination mit Erfolgsgarantie.

In Großbritannien und Irland gibt es ungefähr 4,8 Millionen Menschen, die »Sky« abonniert haben. Hierzulande können es kaum so viele sein, denn anscheinend kann sich der Sender nicht mal ein Studio leisten. Fast alles findet am Spielfeldrand statt. Der erfreuliche Nebeneffekt ist, dass die Atmosphäre im Stadion vor dem Spiel dadurch gut übertragen wird. Die Stimmung in der Bundesliga ist sehr beeindruckend, und mir wird klar, wie gut die Partien besucht sind.

Die deutschen Fans sind zweifelsohne Marktführer im Trommeln, Fahnenwedeln und Ins-Megafon-Brüllen. Ein Studio bietet dagegen eine sichere Zuflucht für die Experten und einen Ort, um das Spiel zu analysieren. Ich habe nichts dagegen, Kluboffizielle in ein fettes schwarzes Mikro sprechen zu sehen. Aber in der Halbzeit will ich auch verlässliche und überzeugende Kritik von Leuten, die wirklich wissen, wovon sie reden. Das ist natürlich das Idealbild. Nicht alle sogenannten Experten können ein Spiel profund erklären, selbst wenn sie herausragende Spieler oder Trainer waren. Aber es bringt doch Substanz in das Sendeformat; Substanz, die den deutschen Übertragungen fehlt. 

Was mich hingegen beeindruckt ist die Tatsache, dass die beiden Trainer nach dem Spiel zusammen die wichtigen Szenen diskutieren. Ich halte das für einen äußerst zivilisierten Ausklang der Gegnerschaft auf dem Rasen. Ich kann zwar mangels Sprachkenntnis nicht beurteilen, ob sie irgendetwas außer Plattitüden von sich geben. Aber was ich weiß ist, dass man Sir Alex Ferguson und Rafael Benitez sicher nicht dazu bekommen würde, nach einem Duell zwischen Manchester United und dem FC Liverpool vergnügt miteinander am »Sky«-Tisch zu plaudern. Außer vielleicht, man erlaubt Rafa, das »Dossier«, das er angeblich über Fergies Entgleisungen angefertigt hat, von Anfang bis Ende vorzulesen. 

PORNO-FEELING IN DER SKY-KONFERENZ

Am Samstagnachmittag wird meine Empfindsamkeit allerdings heftig gestört, als ich zum ersten Mal in meinem Leben der Bundesliga-Konferenz ausgesetzt werde. Ich erlebe sie als entsetzlichen, hirnzersetzenden Mischmasch, den nicht einmal die zwar leicht pferdeartige, jedoch nicht unattraktive Moderatorin aufwerten kann. 

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Leute zahlen hier also nicht für Live-Sport, sondern für Fast-Live-Sport? Ein Tor, das vor einem Moment gefallen ist, dann noch eins und noch eins, und dann verschwimmt man zusammen mit den verrinnenden Minuten im Raum-Zeit-Kontinuum und löst sich immer mehr von der Realität. Ich merke, wie ich in eine fremde, apokalyptische Dimension entgleite, wie Marty McFly in »Zurück in die Zukunft II«, in der ein unstillbarer Appetit auf Sportwetten die Gesellschaft verdorben und das Böse die Weltherrschaft an sich gerissen hat. Science-Fiction? Ein Fiebertraum? Oder doch nur: die »Sky«-Konferenz?

Das Problem an der Konferenz ist, dass sie die Währung des Fußballs vollständig entwertet: die Tore. Wie Nick Hornby in »Fever Pitch« schreibt: »Tore haben einen Raritätswert, den Punkte, Runs und Sätze schlicht nicht haben. Deswegen wird es immer faszinierend sein zu erleben, wie jemand etwas tut, das nur drei oder vier Mal pro Spiel möglich ist, wenn es gut läuft – und kein einziges Mal, wenn es nicht gut läuft.«

Der flüchtige Charakter von Toren baut Anspannung und Erwartung in uns auf, eine Hoffnung, dass irgendjemand uns diesen so wertvollen Schatz überreichen kann. Diese Momente einfach aneinanderzureihen, Minute um Minute, macht aus einem intimen, liebevollen Stelldichein zwischen Fans und Spielern eine pornografische Tor-Orgie, die extrem anstrengend ist. Als die Konferenz endlich vorbei ist, fühle ich mich schmutzig.

WO SIND DIE PFEILE, WO DIE KRINGEL?

Warum soll man dafür zahlen, wenn man doch die Highlights schon um 18:30 Uhr frei Haus geliefert bekommt? Die »Sportschau« – welch ein wunderschönes Geschenk! Tanzgirls in Bikinis vielleicht hier? Anscheinend nicht. Analysen? Nicht wirklich.

Aber das Filetstück des Fußballwochenendes bekommen wir immerhin kostenlos vorgesetzt, zur Prime Time. Da ist es noch frisch. Die Marktposition von »Sky« ist in England unangefochten, und das Rechtepaket, das der Sender von der Premier League für die fürstliche Summe von 1,62 Milliarden Pfund erworben hat, beinhaltet ein Paket mit umfassenden Höhepunkten, das »Sky« vor allen anderen Sendern zeigen darf. Die BBC-Kultsendung »Match of the Day« geht erst um 22:30 Uhr am Samstagabend los. Im Moment wird die Sendung von der englischen Sturmlegende Gary Lineker moderiert, an dessen Seite in der Regel der ehemalige Liverpool-Verteidiger Alan Hansen und eine rotierende Zahl weiterer Ex-Profis wie Alan Shearer, Mark Lawrenson und Lee Dixon sitzen. Da die Zuschauer zu dieser späten Stunde die Höhepunkte der Partien bereits gesehen haben könnten, muss sich »Match of the Day« mehr anstrengen als die »Sportschau« und qualitativ hochwertige Analysen des Studioteams zu den Begegnungen des Tages anbieten.

Vielleicht kann sich die Sportschau keine hochqualifizierten Experten leisten, weil der Sender so viel Geld für die frühen Übertragungsrechte ausgegeben hat. Wenn man die Analysen von »Match of the Day« mit der frühen Sendezeit kombinieren könnte, hätte man vermutlich die ultimative Fußballsendung. 

Stattdessen bin ich nach dem Samstagabend eher ein bisschen enttäuscht. Ich muss fairerweise zugeben, dass ich immer noch unter dem Schock der Konferenz stehe, aber nichtsdestotrotz ist es doch eine Schande, dass überhaupt keine Verteidiger mit Kringeln versehen und für ihr schlechtes Stellungsspiel kritisiert und auch keine Pfeile auf den Bildschirm gemalt worden sind, um die intelligenten Laufwege der Stürmer hervorzuheben. 

WIE BEI OMA UND OPA

Das »Aktuelle Sportstudio« kann damit nämlich ebenfalls nicht dienen. Selbst die ausführlichen Interviews scheinen mir – der Sprachmelodie nach – nicht sonderlich kontrovers zu sein. Man will offenbar gastfreundlich sein, es entfaltet sich eine Stimmung wie bei Oma und Opa in der guten Stube. Erstaunlich, dass es nicht auch noch Kaffee und Kuchen gibt. Und hinterher fünf Euro für die gute Note in Sport. 

Nicht nur das »Sportstudio«, sondern auch der »Doppelpass« am nächsten Morgen drängt mir die Frage nach der Motivation des Studiopublikums auf. Es muss doch selbst im beschaulichen Mainz an einem Samstagabend Besseres zu tun geben, als in einem ZDF-Studio herumzusitzen! Als sich mein Wochenende immer mehr in die Länge zieht und sich, je länger ich vor der Glotze sitze, mein leicht halluzinierender Sinneszustand verschlimmert, beginne ich mir vorzustellen, dass es in Deutschland vielleicht nur ein einziges Fußballpublikum gibt, das in einem Marathon ähnlich dem meinen von Studio zu Studio chauffiert wird und überall höflich applaudiert, mit dem einzigen Anreiz, am Sonntagmorgen als Belohnung ein Weizenbier beim »Doppelpass« trinken zu dürfen.

WARTEN AUF DIE TRACHTENMÄDELS

Irgendwie habe ich auf mehr Witze im »Aktuellen Sportstudio« gehofft. Genau kann ich es nicht erklären, aber ich war innerlich um diese Uhrzeit auf Spaß eingestellt. Natürlich habe ich mir nicht gerade das lustigste aller Wochenenden ausgesucht, um das »Sportstudio«-Erlebnis zu erforschen, da über den Partien die würdevolle Erinnerung an den verstorbenen Robert Enke und der sich entfaltende Wettskandal schweben. Von der Torwand habe ich vorher gewusst, und in meinem Kopf hat sich die fixe Idee eingenistet, wonach die Sendung eine Aneinanderreihung von Unterhaltungselementen wie bei einem Volksfest sei, angereichert mit deutschen Trachtenmädels und vielleicht einem Akkordeon spielenden Spaßvogel, der hin und wieder seinen Auftritt hat.

Doch weit gefehlt: Es gibt leider nicht einmal einen Programmpunkt wie »Third Eye« bei der englischen Sendung »Soccer AM«, in dem zur allgemeinen Erheiterung komische Szenen aus den Fankurven oder von den Auswechselbänken gezeigt werden, die während der Spiele eingefangen wurden.

EIN BRETT, ZWEI LÖCHER

Während ich mich dieser Abwesenheit jeglichen Humors gegenüber sehe, fühle ich mich wie Bart Simpson im Büro von Rektor Skinner, als er zur Strafe für einen Streich Tausende Briefmarken anlecken muss: Der Sekundenzeiger der Uhr beginnt rückwärts zu laufen. Die Wartezeit auf die Torwand zieht sich entsetzlich in die Länge, und am Ende bin ich bitter enttäuscht, dass statt eines Starspielers nur ein nicht gerade weltberühmter Trainer teilnimmt – und zu allem Überfluss gegen einen vollkommen chancenlosen Knallkopf aus dem Publikum antritt. 

Immerhin: Die Tradition der Torwand an sich fasziniert mich – schließlich scheint es für die Deutschen die einzige Möglichkeit zu sein, die wahre Größe eines Fußballers zu messen. Auch dass sich mittlerweile Außenstehende mit den Stars des Sports vergleichen können, gefällt mir. Wenn man es schafft, öfter zu treffen als, sagen wir: Rudi Völler, Jürgen Klinsmann oder Günter Netzer, kann man vor seinen Kumpels zum Helden werden. Einen besseren Ansporn, ihren Idolen nachzueifern, kann es für den Nachwuchs nicht geben. Und auch für stämmige Väter bietet die Torwand die Möglichkeit, dem ständigen Herumgerenne herkömmlicher Fußballspiele zu entfliehen und nur ihr edles Ballgefühl für sich sprechen zu lassen. Also: ein Sympathiepunkt für das »Sportstudio«. Wegen eines Riesenbretts mit zwei Löchern drin.

RÄKELN UNTER PALMEN

Neben der Torwand ein ebenso unverzichtbares Stück des deutschen Fußballinventars: Udo Lattek, der im »Doppelpass« thront wie ein runzliger Staatsmann. Jedes Mal, wenn Lattek sich an diesem Sonntagmorgen zu einer Äußerung herablässt, kann ich sehen, wie der ebenfalls anwesende Werder-Coach Thomas Schaaf fast unmerklich zusammenzuckt. Ungläubigkeit zerfurcht seine Stirn.

Lattek kannte ich vorher als Trainer, der strahlenden Erfolg hatte. Als jemand, der wie festbetoniert in einem roten Lacksessel vor sich hin palavert, verliert er diese Strahlkraft. Das »Doppelpass«-Publikum (wahrscheinlich dasselbe wie zwölf Stunden zuvor im »Sportstudio«), das sich inmitten von Palmbeständen räkelt, scheint sich jedoch bestens zu unterhalten. Als Erklärung dafür könnte man aber auch den Alkoholzuspruch zur Frühstückszeit heranziehen, den man in dieser Form im englischen Fernsehen sicher nicht zu sehen bekäme. Auch ich spiele mit dem Gedanken, an der Schnapsflasche zu naschen. Noch zwölf Stunden liegen vor mir. 

UDO LATTEK WIRD ZU DEAN MARTIN

Wie den Alkohol sucht man auch eine Liveband in englischen Fußballsendungen vergebens – eine echte Schande! Die »Doppelpass«-Band und auch die »Sportstudio«-Melodie sorgen dafür, dass der Sound meines Wochenendes eindeutig jazzig ist. Warum also bringt man nicht noch mehr Jazz im Fußballfernsehen unter? So wie im »Doppelpass«, wo sich Udo Lattek als Lounge-Sänger im Dean-Martin-Stil neu erfindet. Ein Weißbier in der einen, das Mikrofon in der anderen Hand, gibt er nun »Everybody Loves Somebody« zum Besten und zwinkert den Ladys zu. Das »Trio la Haze« läuft zur Hochform auf, Jörg Wontorra setzt sich zum Bandleader ans Klavier und improvisiert sich in den Jazz-Olymp, statt immer weiter die immergleichen Fragen zu stellen. Und die »Tutti Frutti«-Girls tanzen selbstvergessen. Ohne diese Einlage würde mir der »Doppelpass« endlos vorkommen. Was? Ich bin eingenickt? Was? Der »Doppelpass« IST endlos? So wie dieser
verdammte Fußballmarathon?

TROSTPREIS: GLÜCKSHORMONE

Er endete dann doch, und zwar mit den Regionalsendungen aus dem ganzen Land am Sonntagabend. Diese Formate genoss ich in vollen Zügen, vielleicht wegen der Euphorie, die mich so kurz vor der Ziellinie überfiel. So muss sich wohl auch ein Marathonläufer fühlen, wenn sein geknechteter Körper bei Kilometer 38 endlich die Glückshormone ausstößt. Ich schwebte ins Ziel. In England gibt es keine Sendung, die mit dem »NDR-Sportclub« oder dem »RBB-Sportplatz« vergleichbar wäre. Der lokalen Berichterstattung drohen ständig Kürzungen, und einen Regionalismus wie in Deutschland gibt es bei uns in dieser Form wegen der zentral organisierten Staatsform nicht.

Erneut erstaunte mich das zahlreich anwesende Publikum im Studio des Sportclubs – sie kriegen einfach nicht genug! Der »RBB-Sportplatz« gefiel mir von allen Abendprogrammen am Besten – vermutlich wegen der gnädigen Kürze der Sendung. Sehr aufschlussreich war die Tatsache, dass die Höhepunkte aus der Frauenbundesliga gezeigt wurden – etwas, das man im britischen TV sehr selten sieht. Die Bilder vom Spiel der Damen des FC Bayern München waren besonders unterhaltsam: zwei oder drei Ultras mit mindestens doppelt so vielen Fahnen und Bannern auf den ansonsten verwaisten Tribünen. Wenn das keine Hingabe ist!

DIE GEBURT EINES KALBS

Im »Sportplatz« wird jetzt zum Turnen geschaltet. Vor Aufregung springe ich aus dem Sessel, als würde ich einen atemberaubenden Konter meiner Lieblingsmannschaft verfolgen. Die Spannung macht mich fertig – kann das wirklich das Ende meiner Qualen sein? Oder vielleicht doch eine trügerische Hoffnung, die zerstört wird, sobald die nächste Fußballstory über die Mattscheibe flimmert?

Nein! Nein! Das war’s! Es ist wirklich vorbei. Ich schreie vor Freude »Toooooorrrr!«, schnappe mir die Fernbedienung, um mich zu vergewissern, dass tatsächlich kein Fußball mehr gezeigt wird. Ich schalte zum MDR um. Eine Handvoll Menschen zieht ein Kalb aus der geweiteten Vagina einer Kuh. Welch herrlicher Anblick!  Das Ende meiner Qualen ist besiegelt. Ich sinke ins Bett. Nach 52 Stunden Fußball, davon 960 Minuten reine Spielzeit, 10 verschiedenen Biersorten, sechs Poch-Attacken in meinem rechten Augenlid, null Momenten, in denen ich etwas zu lachen hatte, und nur einem Spiel, dessen Ergebnis ich mir merken konnte. Es war das 6:0 von Werder Bremen. Den Gegner habe ich vergessen. Zum Glück bin ich zu müde, um von Udo Lattek zu träumen.

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