Bernd Schuster »bewirbt« sich beim HSV

Das Handtuch auf dem Trainerstuhl

Ein Punkt, 6:16 Tore, 18. Platz. Dem HSV geht es nicht gut. Nun hat sich Bernd Schuster als Oenning-Nachfolger beworben. So wird es jedenfalls vermeldet. Tatsächlich reservierte er nur schon mal einen Platz im sich bald drehenden Trainerkarussell. Bernd Schuster »bewirbt« sich beim HSVimago

Wer sich als Urlauber auf Mallorca durchsetzen will, braucht nicht nur eine gut funktionierende Leber, sondern vor allem einen gut funktionierenden Wecker. Dieser sollte bestenfalls zwischen 6 und 7 Uhr am Morgen klingeln und daran erinnern, noch das Handtuch auf einer Strandliege zu drapieren, um diese für den Rest des Tages vor eben jenen zu reservieren, die nicht wissen, wie man sich als Urlauber auf Mallorca durchsetzt.

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Wer sich als arbeitsloser Trainer ins Gespräch bringen will, hat verschiedene Möglichkeiten. Er kann sich zufällig im Stadion sichten lassen, was zwangsläufig in eine leicht hysterischen »Läuft da was mit Trainer X?«-Nachlese mündet. Oder er tritt gleich am Sonntagmorgen in der Sport1-Sendung »Doppelpass« auf, was wiederum einer Quasi-Bewerbung gleichkommt, selbst wenn der Trainer den potenziellen neuen Arbeitgeber nur am Rande erwähnt. Zum Reservieren bedarf es übrigens auch hier einer Art Handtuch, genauer: einem rechtzeitigen Anruf der Sekretärin des Beraters bei einem Praktikanten eines Mitarbeiters von Jörg Wontorra. Oder andersherum.

Und auch hier kommt es auf das richtige Timing an. Es wäre natürlich pietätlos schon nach zwei Niederlagen eines Trainers auf der Matte zu stehen. Indes wäre es zu spät, erst nach acht Spielen ohne Sieg anzufragen. Dann kann man schnell in der Schublade Trittbrettfahrer landen, denn es werden mit Sicherheit bereits andere Trainer gehandelt, die sich lange schon in Stadien von Kameras einfangen lassen. Etwa Peter Neururer und Michael Frontzeck. Oder Bernd Schuster.

Dieser Bernd Schuster hat nun scheinbar alles richtig gemacht. Er ist im Gespräch beim HSV, der nach fünf Spielen mit nur einem Punkt auf dem 18. Tabellenplatz steht. Die Hamburger Medien schrieben unlängst: »Warum darf Michael Oenning bleiben?« Das fragten sich gestern auch die Diskutanten im »Doppelpass«. Sie verpackten das nur ein bisschen umständlicher.

Schuster: »Natürlich muss man offen sein.«

Bernd Schuster zum Beispiel sagte recht wenig zu dem Thema, und wenn, blieb er allgemein: »Natürlich muss man offen sein.« Dann erzählte er, wie er sich als potenzieller Labbadia-Nachfolger vor über einem Jahr mit dem damaligen Vorstandschef Bernd Hoffmann getroffen hatte. Die Hamburger verpflichteten allerdings Armin Veh. Schuster freute das trotzdem, schließlich sei Veh ein alter Kumpel aus Augsburger Tagen.

Während der ehemalige Real-Trainer also ein bisschen von jenem und diesem berichtete, flimmerte im Hintergrund mal das Gesicht von Michael Oenning, mal das HSV-Wappen über einen Bildschirm. Mario Basler sagte noch etwas, Jörg Wontorra auch und schließlich wieder Bernd Schuster: »Für einen Trainer ohne Job ist Deutschland immer ein Thema. Spanien allerdings auch.«

Die Zeitungen titeln: »Bernd Schuster bietet sich an.«

Deutschland, Spanien – das klang gewollt unverbindlich, man spricht eben nicht nicht schlecht über Kollegen. Und dennoch war dank der Inszenierung am Ende alles klar, die Botschaft wurde ein wenig verklausuliert, es wurde ein bisschen zu den relevanten Fragen genickt, das Gesicht war wieder präsent, das mediale Echo schon hörbar.

Heute ist es dann auch lesbar. Die »Bild«-Zeitung schreibt: »Bernd Schuster bewirbt sich beim HSV.« Und die »Hamburger Morgenpost« zieht nach: »Bernd Schuster bietet sich an.« Richtige Zeit, richtiger Ort, wieder im kollektiven Gedächtnis, an der Außenalster, am Hafen, in Stellingen, in den U-Bahnen, der Pommesbude. Bernd Schuster, seit gefühlten 30 Jahren im Ausland tätig, wurde über Nacht der verdammte talk of town. Er ist nun vor allem eines: ein Trainer auf Jobsuche, der, sollte es mit Hamburg nichts werden, auch sich im sich bald drehenden Trainerkarussell schon mal einen Platz reserviert hat.

Nun ist dieser Mechanismus nichts Neues, und doch fasziniert er immer wieder, wie einfach er in Gang gerät. Man ist glatt geneigt, sich auch mal irgendwo anzubieten. Als Mittelstürmer beim HSV. Als Astronaut bei der NASA. Oder als König eines Karibikstaates. Man muss nur der Erste sein, der das Handtuch drapiert.

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