13.02.2013

Berlin, Heimat des besten Lokalderbys Deutschlands

Schuld ist nur das Nazimausoleum

In keiner anderen Stadt Deutschlands blicken die Einwohner mit so viel Verachtung auf ihre Fußballklubs wie in Berlin. Eine fatale Fehleinschätzung, meint Christoph Biermann. Er findet: Das attraktivste Lokalderby des Landes wird längst in Berlin ausgetragen.

Text:
Bild:
Imago

Die wahren Experten haben sich am Montagabend natürlich auch von einem ausverkauften Olympiastadion nicht verunsichern lassen. Ist doch klar, dass in Berlin mit seinen dreieinhalb Millionen Einwohnern schnell mal 75.000 Verwirrte zusammenkommen. Und sei es an einem Montagabend bei Temperaturen wie in der Tundra. Man kann hier sowieso den größten Unsinn an den aberwitzigsten Orten veranstalten, und die Warteschlangen gehen bis zum Horizont. Nein, diese Aufregung von irgendwelchen Sektierern in Blau-Weiß oder Rot-Weiß ändert nichts an dem Umstand: Berlin ist einfach keine Fußballstadt.

Berlins Einwohner haben für ihre Fußballklubs größtenteils nur Verachtung übrig

Vor allem in einigen Teilen Berlins (und etlichen Zimmern dieser Redaktion) wird diese feste Überzeugung sorgsam gehegt. Denn selbst wenn Hertha in der Champions League kicken würde, wäre das irgendwie kein richtiger Fußball. Jedenfalls nicht so einer, wie ihn die Expats aus allen Landesteilen von zu Hause kennen. Also aus dem Ruhrgebiet, wo das Herz des Fußballs schlägt. Oder aus München, wo man weiß, wie er richtig gespielt wird (jedenfalls im roten Teil der Stadt). Oder in Bremen, wo man das zwar nicht mehr weiß, aber irgendwie moralisch überlegen ist. Wie auch in Mainz oder Freiburg. Man kann das endlos durchgehen, Frankfurt, Hamburg, Bielefeld, und am Ende ist wahrscheinlich selbst Oldenburg noch eher eine richtige Fußballstadt als Berlin. Oder anders gesagt: Wahrscheinlich gibt es keine Stadt in Deutschland, in der so viele Bewohner mit solcher Verachtung auf den lokalen Fußball schauen wie Berlin.

Die trifft Union Berlin vielleicht nicht ganz. Dafür hat man aber achselzuckend das Gefühl, dass der Klub so ein Ding zur Ostalgiepflege am Rande der Stadt ist, wohin man sowieso nur mit Expeditionsgeschirr aufbrechen kann. Hertha hingegen ist einfach indiskutabel. Dass sie am Montag beim Derby die notorisch kriselnde S-Bahn als »Sponsor des Tages« präsentierten, hätte man sich kaum auszudenken gewagt. Besser noch wäre nur gewesen, wenn es der Flughafen BER gewesen wäre. Hertha mit seinen Spitzenleistungen im Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag ist ja so was von berlinerisch, das kapiert man auch in den echten Fußballstädten Itzehoe und Bayreuth sofort.

 
 
 
 
 
12
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden