Ben Bareks tragische Karriere

»...wenn der Krieg nicht wäre«

Larbi Ben Barek war der Urvater aller Spielmacher. Auf den Straßen von Casablanca ausgebildetet, wurde aus ihm der große Lenker bei Atletico Madrid. Nur der Krieg verhinderte eine Welt-Karriere. Wir erzählen seine tragische Geschichte. Ben Bareks tragische Karriere

Am 16. Oktober 1954 trat im Niedersachsenstadion von Hannover die deutsche gegen die französische Nationalelf an. Hier debütierte Uwe Seeler, der noch vier Weltmeisterschaften, das Finale von Wembley und den befremdlichen Spitznamen »Uns« vor sich hatte. Und hier debütierte in gewisser Weise auch Larbi Ben Barek. Dieser rechte Läufer von Olympique Marseille war dem französischen Nationaltrainer Jules Bigot aufgefallen, als er nach Ergänzungen zu den Routiniers Kopa und Vincent gesucht hatte. Und er sah, dass Ben Barek, unüblich für seine Zeit, das ganze Feld in sein Denken mit einbezog und das Spiel durch weite, überraschende Pässe lenkte wie vor ihm nur der Weltmeister José Andrade. »Ein schwarze Perle!«, staunte Bigot, und er fragte: »Wer ist der Mann?« – »Das ist Larbi Ben Barek«, bekam er zur Antwort. »Der ist 40 Jahre alt.«

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Ob er tatsächlich 40 oder erst 37 Jahre alt war, vermag niemand mehr zu sagen. Larbi Ben Barek war in einer Zeit geboren worden, in der die Leute keine Bücher mehr besaßen, in denen sie es hätten festhalten können. Zwischen 1914 und 1917 (überaus unsicheren Quellen nach am 15. Juni 1915) muss es gewesen sein, im Chaos, als die Franzosen unter Hubert Lyautey seine Heimat Marokko eroberten und der Unabhängigkeitskrieg ausbrach. Vieles liegt im Dunkeln über sein Leben und sein Spiel, von dem diejenigen, die es noch erleben konnten, sagten, es sei einzigartig gewesen. Wenige unscharfe Fotos blieben uns von ihm, einige zweifelhafte Zahlen - und was ist das wert, nachdem es die Fernsehbilder sind, die Legenden erschaffen?

Das Land blieb unterjocht, als er aufwuchs, Fußball war zum Vergessen da. Und er vergaß alles, wenn er spielte. Auf Pantoffeln fegte er über die staubigen Plätze von Casablanca, ließ keinen Gegner je an den Ball kommen und lachte dabei. Als er 1928 beim FC El Ouatane anfing, weigerte er sich noch, Fußballschuhe zu tragen. Erst als ihm der erste neidische Verteidiger auf den Fuß gestiegen war, stellte er seine Pantoffeln fort, gewöhnte sich an die Galoschen, lachte wieder und dribbelte davon.

Die seichenden Bosse boten 40.000 Francs

1930 entdeckte ihn der US Marocaine. Nach einigen Jahren in der Jugend des Renommeeclubs stieß er in die erste Mannschaft vor und errang mit ihr 1937 die nordafrikanische Meisterschaft, die zwischen den jeweiligen Ligaersten der unter französischem Protektorat stehenden Maghreb (Marokko, Algerien, Tunesien) ausgespielt wurde. Nach dem Triumph führte er zudem eine marokkanische Auswahl gegen Frankreich zum Sieg. Auf der Tribüne saßen die Bosse von Olympique Marseille, ihnen lief der Seich das Kinn hinunter. Nur wenige Tage später landete ein Telegramm auf dem Schreibtisch des Präsidenten: Die seichenden Bosse boten 40.000 Francs für Ben Barek. Diese ungeheure Summe durfte er nicht ausschlagen und ließ seinen besten Spieler gehen. Zehntausende Anhänger sagten ihm betrübt Lebwohl.

Für Olympique schoss er 12 Tore in 30 Spielen, wurde Vizemeister und in die französische Nationalmannschaft berufen. Sein Debüt gab er im faschistischen Italien, und es wurde verbreitet, dass er sich, als die Zuschauer ihn auspfiffen und rassistisch beleidigten, in den Mittelkreis gestellt und laut die Marseillaise gesungen habe. Eine Legende, die veranschaulicht, wie Ben Barek im kolonialistischen Frankreich als Integrationsfigur benutzt wurde. Zwischen dem April des Jahres 1938 und dem darauf folgenden Mai absolvierte er vier Länderspiele, die aber für solange Zeit die letzten blieben, dass sie nicht nur Trainer Bigot entfielen. »Ach ja, die vier Spiele«, sagte Larbi Ben Barek lange nach seiner Karriere. »Es wären mehr geworden, wenn der Krieg nicht gekommen wäre.« Doch er kam, und Ben Barek musste nach Marokko zurückkehren.

Ben Barek machte di Stefano erst möglich

Wieder in Casablanca, führte er den Club zu vier weiteren Nordafrikameisterschaften. Als 1947 aber der Spielbetrieb in Frankreich wieder aufgenommen wurde, erinnerte man sich in Frankreich an ihn. Bei Stade Française in Paris war Trainerfuchs Helenio Herrera im Begriff, eine hochkarätige Mannschaft aufzubauen, mit der er in die neu zu ordnende europäische Spitze vordringen wollte. Alfred Aston und István Nyers hatte er schon verpflichtet, dann holte er den begnadeten ungarischen Rechtsaußen Joseph Ujlaki. Nun fehlte nur noch ein Ideengeber, und ein solcher war zweifellos Larbi Ben Barek. Doch war ihr Zusammenspiel bisweilen auch noch so berückend schön, der exzentrische »Monsieur Joseph« zerstörte allzu oft das, was Ben Barek präzise vorbereitet hatte. Obwohl sie als das beste Offensivgespann ihrer Zeit galten, errangen sie keinen zählbaren Erfolg.

Doch Ben Bareks Ruf war bis nach Madrid vorgedrungen. Bei Atletico suchte man nach Wegen, dem von Franco protegierten Real und dem aufstrebenden FC Barcelona Paroli bieten zu können. Ein Mann wie Ben Barek, der die taktische Dimension des Spiels verstanden hatte wie außer ihm nur der Argentinier Alfredo di Stefano, von dem man Wunderdinge von jenseits des Atlantiks hörte, war in diesem Fall genau der richtige. Er führte den Verein zu zwei spanischen Meisterschaften, einem Husarenstück angesichts der eigentlich übermächtigen Konkurrenz. In Frankreich indes geriet er in Vergessenheit und wurde nicht mehr in die Equipe tricolore berufen. So ging sein Schaffen beinah spurlos an ihr vorüber. Für die Entwicklung des spanischen Fußballs jedoch leistete er Großes: Man kann wohl behaupten, dass die Real-Manager erst durch Larbi Ben Barek auf die Idee kamen, Alfredo di Stefano zu verpflichten, um endlich auch so spielen zu können wie Atletico in seinen besten Serien mit dem marokkanischen Spielmacher - und dass er es war, der das spanische Publikum auf eine neue Art des Fußballs vorbereitete, die in den Jahren danach durch di Stefano zur Vollendung gebracht wurde.

Er blieb im Schatten

Doch als der »blonde Pfeil« dann kam, als Gento, Puskas und Rial kamen und mit ihnen der große Trubel, war Larbi Ben Barek schon 35 bzw. 38 Jahre alt. Er kehrte zurück nach Marseille und spielte dort noch zwei Jahre, dribbelte - immer verwirrend, aber nie sinnlos - und lachte dabei. Hier fiel er Trainer Jules Bigot auf - und wie gesagt: Der staunte. Noch einmal berief er den ihm bis dahin unbekannten Ben Barek in die Nationalmannschaft. Aber das Spiel im nasskalten Hannover des Herbstes 1954 war sein letztes: Er verletzte sich in einem Zweikampf mit dem deutschen Verteidiger Herbert Erhardt und wurde nach einer halben Stunde ausgewechselt.

Und während Jacques Foix, der für ihn ins Spiel gekommen war, seine Mannschaft mit zwei Toren zum Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland schoss, endete die heute noch längste Nationalmannschaftskarriere in der Geschichte des französischen Fußballs. 15 Jahre und zehn Monate dauerte sie, und doch blieb Larbi Ben Barek die Krönung seiner Karriere verwehrt, die Weltmeisterschaft - und mit ihr die Aufnahme in den Kreis der Größten seiner Zeit, Andrade eben, Sindelar oder Leonidas. Larbi Ben Barek blieb im Schatten, und uns bleiben die drei, vier vergilbten Fotos von ihm und ein paar Zahlen, von denen niemand weiß, ob sie überhaupt stimmen.

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