Beim Theaterstück »Balls – Fußball ist unser Leben«

Dialoge auf Bierkästen

Sieht man mal vom Aufeinandertreffen von Norbert Meier und Albert Streit ab, dann lassen sich Fußball und Theater nur schwer miteinander assoziieren. Dem Schauspiel Essen ist es jetzt eindrucksvoll gelungen mit »Balls – Fußball ist unser Leben« den Sport auf die Bühne zu bringen. Beim Theaterstück »Balls – Fußball ist unser Leben«Diana Küster

In seiner Jugend gab es eine kurze Zeitspanne, die Dennis Heisterkamp fast komplett aus seinem Gedächtnis verdrängt hatte. Heute ist er Sänger der Punkband »The Platzwarts« und glühender Rot-Weiss-Essen-Fan. Damals gehörte er auch schon zu den RWE-Anhängern, verkehrte aber zeitweise mit Gestalten aus dem rechten Milieu und gehörte zu jenem Mob, der in der Kurve antisemitische Schlachtrufe anstimmte. »Nach einem Gespräch mit meiner Mutter, kam ich schließlich zur Erkenntnis, dass all das rechte Gedankengut überhaupt nicht meinem Wesen entspricht«, sagt Heisterkamp. Es war ihm peinlich, er stieg aus der Szene aus, bekam Drohungen und flüchtete sich trotz seiner Liebe zu Rot-Weiss Essen schließlich für einige Zeit zum VfL Bochum.  

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Wenn Heisterkamp diese Geschichte auf der Bühne im Casa Schauspiel Essen erzählt, dann ist ihm heute noch anzumerken, wie sehr ihn das alles beschäftigt. Denn er ist kein Schauspieler, er ist Fußballfan und diese Geschichte hat er wirklich so erlebt. Dass er jetzt als Darsteller des Stückes »Balls – Fußball ist unser Leben« auf der Bühne steht, war die Idee von Marc-Oliver Krampe. Der Regisseur und Autor hat sich in den Fanszenen im Ruhrgebiet nach Protagonisten für sein neuestes Projekt umgesehen und wurde schnell fündig. Sieben Fans von Rot-Weiss Essen, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach haben sich bereit erklärt, bei dem Theaterstück mitzuwirken. Krampe hat mit ihnen lange Interviews geführt und auf deren Basis das Skript geschrieben.

Ausländerfeindlichkeit ist im Stadion immer noch an der Tagesordnung

In der Eröffnungsszene sitzen die Darsteller noch vergnügt auf ihren Bierkästen, lassen sich das Pils schmecken und erzählen Anekdoten über ihre Anfänge als Fan, über die tolle Gemeinschaft in der Gruppe und was sie dazu antreibt, nächtelang an Choreografien zu arbeiten. Doch das Stück bedient längst nicht nur die Klischees der Sozialromantiker. »Fußball verbindet und grenzt zugleich aus«, sagt Krampe. So zeigen vor allem die beiden professionellen Schauspielerinnen des Ensembles immer wieder die hässliche Fratze des Fußballs auf. Homophobie, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Gewalt und Macho-Gehabe sind, trotz deutlichen Besserungen in den letzten Jahren, im Stadion immer noch an der Tagesordnung.

Während der Aufführung werden unangenehme Fragen in den Raum geworfen: Was wäre eigentlich, wenn sich ein deutscher Nationalspieler in nächster Zeit als schwul outen würde? Er wird sich mit Sicherheit den Spott auf den Rängen gefallen lassen. Aber müssen das die Schiedsrichter nicht auch Woche für Woche? Und was passiert dann bei der WM 2022 in Katar? Müsste man diesen Spieler aus Selbstschutz dann nicht aus dem Kader streichen, weil Homosexualität im Wüstenstaat strafbar ist? Es sind Fragen, deren Beantwortung sich auch die FIFA konsequent verweigert.

Authentizität durch biografische Erzählung

Der Fußball zeigt sich so zum einen als Vorreiter für Toleranz und Integration und zum anderen als konservatives Rückzugsfeld vom Alltag. Durch die Kehrseite der Medaille gelingt es dem Stück binnen der 90 Minuten in überragender Art und Weise, einen steten Spannungsbogen aufzubauen. Ergänzt wird das Schauspiel durch eindrucksvolle musikalische Beiträge, Videoanimationen und Zitate bekannter Fußballpersönlichkeiten. Neben der Unterstützung von Rot-Weiss Essen, deren Trainer Waldemar Wrobel beim Einstudieren einer Trainingschoreografie half, wurde das Projekt auch durch die DFB-Kulturstiftung gefördert. Dass es sich beim Großteil der Schauspieler um Laien handelt, sorgt zusätzlich für Authentizität, schließlich handelt es sich inhaltlich um nichts weniger als deren eigene Biografien.

Bei Dennis Heisterkamp hat man beinahe das Gefühl, als hätte das Stück für ihn selbst eine reinigende Wirkung gehabt, um sich noch einmal intensiv mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Sein Gastspiel beim VfL Bochum hat nur kurz angedauert. Schon lange steht er wieder bei Essen im Fanblock. Als er eines Tages einen bulligen RWE-Fan aus der rechten Szene ansprach, welchen geistigen Müll er da gerade aufs Spielfeld gebrüllt hat, bekam er als Antwort: »Du bist ganz schön mutig Junge, aber im Grunde hast du ja recht.« Den restlichen Tag hat er nur noch grinsend verbracht.


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