Beim ersten Länderspiel des Kosovo

Kosova! Kampion!

Sechs Jahre gibt es das Kosovo, doch die Anerkennung des kleinen Landes verläuft schleppend. Das erste offizielle Länderspiel geriet deswegen zum Volksfest. Auch wenn der Gegner nur Haiti hieß. Unsere große Reportage aus 11FREUNDE #149.

Jetmir Idrizi

»Eine Haiti-Flagge!«, ruft Alban. »Wäre es nicht großartig, wenn wir jetzt eine Haiti-Flagge hätten?«

Mit breiten Schritten geht er durch die Innenstadt von Mitrovica, der Regen kommt in feinen Fäden herunter, vor dem alten Kaufhaus trommeln und singen sie schon, und Alban Muja freut sich über seinen Einfall. Haiti, klar, ohne Gegner kannst du kein Fußballspiel machen, und noch gibt es auf der Welt nicht viele, die mit dem Kosovo spielen wollen. Haiti aber will, als Gegner, also eigentlich: Verbündeter, und hat damit das erste offizielle FIFA-Länderspiel des kleinen Balkanlandes ermöglicht, seit sechs Jahren erklärtermaßen unabhängig, aber noch kein Mitglied der internationalen Gemeinschaft, auch nicht im Fußball.

Ein erster Schritt ist das, dank Beschluss des Weltverbands. Da muss man dabei sein.

Nicht nur ein Fußballspiel, sondern ein historisches Datum

»Willkommen in meiner Heimatstadt, Mann!«, hat Alban nach dem Aussteigen gesagt, die Arme so weit, als müsste die ganze Welt hineinpassen. Ein glücklicher Kosovare mit Schiebermütze, Vollbart und buntem Halstüchlein. Vorher war er in seinem klapprigen Fiat Punto die 50 Kilometer von der Hauptstadt Pristina nach Mitrovica gefahren, mit kreischenden Scheibenwischern, in der rechten Hand eine qualmende Lucky, in der linken meist das Telefon, alle fünf Minuten rief jemand an, wo treffen wir uns, seid ihr schon unterwegs, auf der Ablage über dem Handschuhfach die Sportzeitung mit den großen Lettern auf dem Titelblatt: Auf geht’s, Kosovo!

»Es ist nicht nur ein Fußballspiel«, sagt Alban. »Für uns ist das ein historisches Datum. Für mich sowieso, ich kenne das Stadion, ich habe dort ja selbst gespielt.«

Es regnet also, am Morgen des historischen Tages, aber das Wetter muss ja nicht immer ein Zeichen sein für irgendwas. Braune Bäche laufen quer über die abschüssigen Straßen, die Scheiben beschlagen von innen. Der Uni hat Alban heute abgesagt, nicht zum ersten Mal fällt sein Seminar aus, aber zum ersten Mal, wenn er im Land ist und nicht in Berlin, New York oder Ljubljana, er ist viel gereist in den letzten Jahren.

Alban Muja, geboren am 10. September 1980 in Kosovska Mitrovica, ist einer der bekanntesten jungen Künstler seines jungen Landes, im Mai vergangenen Jahres hat ihm die Nationalgalerie in Pristina eine Einzelausstellung gewidmet, sein Name stand auf Plakaten in der ganzen Stadt. Nicht dass ihn nicht auch vorher schon jeder gekannt hätte. Geht er durch die Straßen der Hauptstadt, vergehen kaum je fünf Minuten, bevor er kurz anhalten muss, hallo, wie geht’s, si jeni? A jeni mirë?

Alban Mujas Kunst erzählt viel vom Kosovo: Er hat die neun Jungen fotografiert, die alle den gleichen Vornamen tragen, Tonibler, benannt nach Großbritanniens ehemaligem Premier, albanische Version, Tony Blair wird hier als Retter verehrt, genau wie Bill Clinton, dem sie gleich ein Denkmal gebaut haben in Pristina. Alban hat die junge Frau interviewt, deren Vater sie Palestina genannt hat. Und eines seiner Werke zeigt auch die Ibar-Brücke seiner Heimatstadt, über die niemand mehr gehen will. »Museum of Contemporary History«, so hat Alban das Bild genannt. »Sie verbindet nicht«, sagt er, »sie trennt.«

Die Brücke mit dem aufgeschütteten Erdwall mitten auf der Fahrbahn ist das Symbol geworden für Mitrovica, den Spielort, geteilt zwischen Albanern im Süden und Serben im Norden, und für den langen Weg, den das Kosovo noch vor sich hat. Serbien erkennt die Unabhängigkeit seiner alten Provinz nicht an, Serbien hat Russland im Rücken, und Russland ist UN-Veto-Macht. FIFA-Mitglied werden kann aber nur, wer Mitglied in einer Konföderation ist. Und UEFA-Mitglied werden kann nur, wer UNO-Mitglied ist. So sind die Statuten.

Deswegen wehen auch nur drei Flaggen an den vier Masten des alten Trepca-Stadions, die rote von Haiti, die blaue der FIFA und das gelbe Fair-Play-Banner. Der linke Mast aber bleibt kahl, die blaue Fahne mit dem gelben Umriss des Kosovo nicht aufzuhängen, das war der Kompromiss. »Aber ich habe eine«, ruft Alban und schwenkt sein kleines Papierfähnchen, das sie an alle verteilt haben, die eins wollten. Und dann geht das Feuerwerk los, blau und gelb schießt das Pulver hinter der Tribüne hervor, untermalt von lauten Krachern, und die Leute zücken ihre Handys. Kaum ist der letzte Kanonenschlag verhallt, kommen die beiden Mannschaften auf den matschigen Platz gelaufen, die elf Kosovaren ganz in Weiß, das sieht schön aus im Grau des Tages.

Als spiele die ganze Nation

»Es fühlt sich so an«, sagt Enis Alushi, »als würden nicht wir elf Fußball spielen, sondern die ganze Nation.« Der Tag vor dem Spiel: Alushi, 28 Jahre alter Mittelfeldspieler des 1. FC Kaiserslautern, sitzt am Kopfende eines Betts im Hotel Emerald, wo das Team Kosovo untergebracht ist, 15 Kilometer außerhalb von Pristina, direkt an der Ausfallstraße, hinter einer Tankstelle. »Wir machen das auf dem Zimmer«, hat er gesagt. »Eigentlich sollen wir zwischen den Einheiten keine Interviews geben.«

Das Treffen hat also ein bisschen was Konspiratives, Alushi zuppelt noch schnell die Tagesdecke über das Bett, über dem Fußhocker liegen zwei Stutzen zum Trocknen. Es ist eigentlich das Zimmer von Albert Bunjaku, ebenfalls 1.  FCK. Der kommt nach ein paar Minuten hereingeschlendert, Kaffeetasse in der Hand, auch er in weißer Trainingsjacke. »Kosova« steht auf dem Rücken.

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