Begegnung mit Vic Kasule

Sympathy for the Devil

Gegen ihn war Paul Gascoigne ein Waisenknabe, er brachte den Punk in den englischen Fußball und spielte, als gäbe es kein Morgen: Vic Kasule. Unser Korrespondent Matthias Paskowsky traf sich mit ihm zum Interview – eine Grenzerfahrung. Begegnung mit Vic KasuleMatthew Ashton

«Wir können uns gar nicht verpassen. Ich werde der einzige Schwarze in dem Laden sein.« «Der Laden« war die Bahnhofskneipe am Glasgow Central Station. Der Mann, den ich nicht verpassen konnte, heißt Victor Kasule. Ein Name, der manchen Experten in meinem Bekanntenkreis schlaflose Nächte gekostet hatte. Selbst notorische Pubquiz-Absahner hatte ich mit der Frage nach den Stationen dieses Spielers in die Abgründe des Selbstzweifels getrieben. In Shrewsbury oder Coatbridge hätte das nicht passieren können. Jeder, der in diesen Nestern jenseits der 30 ist und «Penalty« stolperfrei buchstabieren kann, weiß mit dem Namen Kasule etwas anzufangen. Gerade haben ihn die Albion Rover Fans wieder zu ihrem «All Time Cult Hero« gewählt, mit immerhin 56% der Stimmen. Der zweitplatzierte Ray Franchetti hatte zu keinem Zeitpunkt eine Chance. Denn schließlich war es Kasule, der sie den Punk gelehrt hatte.

Ende der 80er Jahre gab er den Rebellen, der verschlafene Provinzbühnen des britischen Fußballs mit göttlichem Stiefel und dem Seelenfeuer eines Besessenen zum Kochen brachte. Die Parole «Keine Gefangenen!« beschriebe die Attitüde des Sohnes ugandischer Exilanten wohl am besten. «Vodka Vic« – so sein Kampfname – kannte kein Sparprogramm, weder auf dem Platz noch am Tresen. In Glasgow geboren und mit britischem Pass gesegnet, galt er einmal als eines der größten Talente im schottischen Fußball. Dem robusten Flügelstürmer schien eine rosige Zukunft zu winken. Doch Victors Leben nahm eine andere Ausfahrt und nun saß ich an der Bar im Pub am Glasgow Central zwischen ein paar traurigen Gestalten mit trübem Blick und wartete auf die Legende und darauf, sie mit der Frage nach dem «Warum« konfrontieren zu können.

«Stiefvater John« im Schlepptau

Ein Pint nach der verabredeten Zeit trat Victor durch die Tür, im Schlepptau hatte er einen hageren alten Mann mit weißem Haar und ebenso weißem Vollbart, der mir als «Stiefvater John« vorgestellt wurde. Mein Interviewpartner entschuldigte sich in Richtung der Toiletten und bot mir so die treffliche Gelegenheit, Bier zu bestellen und etwas Konversation mit John zu treiben. Es sollte beim Getränk bleiben. Johns Akzent erinnerte mich an meinen ersten Besuch in Glasgow Mitte der 90er Jahre, als mich der pickelige Verkäufer in einem Textilgeschäft das Scheitern an den Tücken der Fremdsprache lehrte. Dreimal hatte ich ihn nach dem Preis einer Jacke gefragt, dreimal musste ich das Kauderwelsch mit «Pardon?« quittieren. Am Ende schrieb der Verkäufer die Zahl auf einen Zettel: 120 Pfund. Ein Sonderangebot.

An der Theke des Glasgower Bahnhofspubs gab es keine Zettel. Und so balancierte ich ein paar Minuten später drei Bier an der Jukebox vorbei zu einem freien Ecktisch, und alles, was ich bis dahin hatte erfahren können, war, dass Victor ein wirklich feiner Junge ist.

Der war in der Zwischenzeit von den Restrooms zurückgekehrt und riss erleichtert die Gesprächsführung an sich. Diktiergerät? Kein Problem. Hin und wieder würde ich es aber ausschalten müssen. Zudem gab es Erklärungsbedarf. Wie viel würde 11Freunde eigentlich für das Interview zahlen? Die Antwort trugen beide mit Fassung. John spülte die Enttäuschung mit einem kräftigen Schluck Guinness herunter. Schaum blieb in seinem Bart hängen. Hinter ihm eierte einer der Bahnhofs-Melancholiker zur Jukebox und fummelte etwas Kleingeld in den Schlitz des Automaten. «Sympathy for the Devil« begannen die Stones zu fordern. Victor sagte etwas, das ich nun auch nicht mehr verstand. Das Interview fing prima an.


Doch der Fehlstart war schnell vergessen. Langsam hörte ich mich in den sehr speziellen Kasule-Rhythmus ein, der bestes Glasgow-Englisch mit ostafrikanischem Zungenschlag verschmelzen ließ. Victor hatte ohne Frage viel zu erzählen und ließ sich nicht lange bitten. Über seine Kindheit in Afrika, in der ihn sein Vater mit seinen verrauschten Filmvorführungen wider Willen mit dem Fußballvirus infizierte. Über seine Jugend in Glasgow, in der er zunächst ahnungslos durch den Dschungel der Religionskonflikte stolperte und an deren Ende er für die schottische Jugendmannschaft auflief. Über sein Leben als Profi, über Rassismus, die Missverständnisse, die Disziplinar- und Gerichtsverfahren, die Entgleisungen und sportlichen Höhepunkte. Und über das Ende des Fußballerprofis Kasule und die unsentimentale Erkenntnis, dass es anders hätte laufen können. Doch nach Reue suchte ich vergeblich. Mit derselben Alles-oder-Nichts-Attitüde, mit der er in seinen besten Tagen auf den Platz gelaufen ist, blickt er auch auf seine Karriere zurück. Und es ist nicht die bemühte «I did it my way« Fassade des Versagers, sondern das echte und ungekünstelte Bewusstsein, das Gericht bekommen zu haben, was er bestellt hatte und sich leisten konnte.

Ich verstand nur «fucking«

Wir verließen die Kneipe, um essen zu gehen. «Ich kenne ein sehr gutes Restaurant«, hatte Victor gesagt. Vor dem Bahnhof kam eine Gestalt auf uns zugelaufen, deren Äußeres eine Mitgliedschaft beim schottischen Blutspenderverband kategorisch ausschloss. Zu meiner Furcht um das 11Freunde Spesenkonto gesellte sich die flaue Unsicherheit über die Vollständigkeit meines Impfkalenders. Victor Kasule jedoch umarmte die Figur und stellte mir Kenny vor. Kenny hing ganz offensichtlich an der Nadel, und sein Anblick ließ erahnen, warum Männer im Libanon, Iran oder in Nordkorea im Durchschnitt älter werden, als ihre Zeitgenossen im Zentrum Glasgows. «Wir haben letztes Jahr zusammen Weihnachten gefeiert. Hast Du vielleicht ein bisschen Kleingeld für ihn?« Manchmal ist «Nein« keine echte Option. Victor ist ein Mann der großen Gesten. «Man kennt mich hier«, sagte er dann auch staatsmännisch, als wir Minuten später das Restaurant betraten. Damit war das Problem gut umrissen. Denn der Kellner schüttelte nur bedauernd mit dem Kopf, als er Victor erkannte. Ohne Reservierung lief gar nichts, ließ er uns wissen, alles sei hoffnungslos ausgebucht. Hinter ihm lag das Restaurant nahezu menschenleer im Halbdunkel. Zwei Tische waren von älteren Pärchen besetzt. Eines davon zog sich gerade die Mäntel an. John murmelte etwas in seinen Bart, von dem ich nur «fucking« verstand.

Draußen steuerten Victor und John auf das «TGI Friday’s« zu. Widerwillig folgte ich ihnen, innerlich mit meiner Abneigung gegen Systemgastronomie ringend. Doch im Windschatten von «Vodka« Vic Kasule sollte die Glasgower Filiale der amerikanischen Kette zum Ort der Erkenntnis werden. Schon im Eingangsbereich wartete die erste Grenzerfahrung. Der Modellathlet a.D. begrüßte die ungefähr vierzigjährige Rezeptionistin ausgesprochen körperlich auf eine Art und Weise, die in den meisten Ländern der Welt den Tatbestand der öffentlichen Unzucht erfüllt hätte. «Ich habe mal ihren Sohn trainiert«, flüsterte Victor augenzwinkernd, während er der Dame einen letzten schmachtenden Blick zuwarf. «Gottlob war es nicht die Tochter«, dachte ich bei mir, als sie zurück an ihr Pult trat und dabei versuchte, ihre Garderobe notdürftig zu richten.

Im Restaurant trat eine junge Kellnerin an unseren Tisch. «Ich bin Lucy und werde Sie heute Abend betreuen.« «Okay, Liebes, aber ich würde viel lieber Dich betreuen. Gib mir Deine Telefonnummer!« Lucy lächelte souverän. «Darf ich schon etwas zu trinken bringen?« John fingerte sich durch die Weinkarte. Ich bestellte ein Bier. John ließ eine Flasche Cabernet aus dem oberen Preissegment kommen. Während ich über eine Ausrede für die 11Freunde-Buchhaltung nachdachte, hörte ich Victor sagen «Bring zwei Flaschen. Und Deine Telefonnummer.«


Manchmal wird man mit Geschichten konfrontiert, die nicht gewesen sein können, weil sie nicht gewesen sein dürfen. Eine dieser Geschichten aus dem Dunstkreis Victor Kasules erzählt davon, wie er, volltrunken in der Mitte eines Billardtisches stehend, eine Wette gewann, indem er nacheinander in alle 6 Löcher des Tisches pinkelte. Am Ende jenes Abends im «TGI Friday's« zu Glasgow begann ich, die Phantasie für ein solches Szenario zu entwickeln.

«Nichts für ungut, Bruder!«

Als ich mich zwei Stunden später verabschiedete, hatte unsere Kellnerin zweimal gewechselt, und die Tische um uns herum waren leer geworden. Johns Akzent bereitete mir keine Schwierigkeiten mehr, obwohl seine Zunge schwer wie schottischer Wintertweed geworden war. Ich stand mit Victor vor der Tür des Kantinenbetriebes. Ein Penner trat auf uns zu und fragte nach einer Zigarette. «Siehst Du nicht, dass ich mich gerade mit meinem deutschen Freund unterhalte?« Den Bittsteller interessierte das wenig, das Interesse am Tabak ließ ihn die gute Kinderstube vergessen. Victor wurde lauter. Es roch nach einer Prügelei. Schnell gab der Penner klein bei. Er hatte es gar nicht so gemeint. Victor auch nicht. Er spuckte in seine hohle Hand und reichte sie seinem Gegenüber. «Nichts für ungut, Bruder!« Der Penner tat es ihm nach, schlug ein und suchte mit drei Zigaretten glücklich das Weite in der Nacht.

Es war spät, ich hatte leichten Seegang, und es zog wie Hechtsuppe. So streckte auch ich Victor die Hand entgegen. Den beschäftigte jedoch noch eine logistische Frage. «Ich brauch’ noch 50 Pfund fürs Taxi.« In meiner Tasche fühlte ich die Rechnung aus dem «Friday’s«, und mir fiel ein, dass ich von Victor Kasule ja eigentlich mal eine Antwort hatte haben wollen auf die Frage nach dem «Warum«. John navigierte seinen hageren Körper wankend die Treppe herunter. Sein unsteter Blick streifte Victor und blieb an mir kleben. «Ein feiner Junge«, lallte er in die Glasgower Nacht und zeigte auf seinen Stiefsohn. Was für eine bescheuerte Idee diese Frage nach dem «Warum« doch gewesen war. Ich musste grinsen. Und Victor Kasule, den sie in Shrewsbury noch heute den «King« nennen, schüttelte lachend meine Hand und sagte «Okay, Mann. Gib mir einen Fünfer für den Bus.«

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