31.01.2008

Begegnung mit Valérien Ismael

»Es ist nicht mehr wie früher«

Valérien Ismael hat einen Karriereknick hinter sich. Grund genug für viele seiner Kollegen, keine Interviews zu geben. Anders Ismael: Er erzählte uns offen, wie er beim FC Bayern München den Spaß an seinem Beruf verlor.

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Reinaldo Coddou H.
Bremen im Mai des Jahres 2004. Werder hatte soeben mit 3:1 bei den Bayern gewonnen und die Schale errungen. Thomas Schaaf, der sonst so ledergesichtige Coach, steckte bei der Landung in Bremen lausbübisch seinen Kopf durch die Dachluke des Flugzeugs und grinste, als dächte er: »Macht ja doch Spaß, sich zu freuen.«



Es war wohl das Maximum an Mimik, das uns der Bärbeiß in diesem Moment zeigte, und ein Indiz seiner totalen Verzückung. Denn er wusste: Es war ein sensationeller Coup, dass seine Mannschaft Meister geworden war. Diese Ansammlung von schrulligen Individualisten wie dem infantilen Ailton, dem manisch-depressiven Micoud oder dem tapsigen Keeper Andy Reinke hatte tatsächlich die Bayern hinter sich gelassen. Fünfter, sechster Rang, hatten die Prognosen vor der Saison gelautet, damit könne man zufrieden sein. Und Hauptsache, es gibt keinen Ärger.

Doch beinah unbemerkt hatte sich zu Beginn der Spielzeit jemand in dieses zum Auseinanderfallen neigende Mannschaftsgefüge gestellt, der es in den nächsten Monaten tragen sollte wie Atlas die Weltkugel. Einer, der es schaffte, die widerstrebenden Kräfte des Kaders in eine Richtung zu lenken, der die integrative Kompetenz, die Schaaf zweifellos zu eigen ist, in die Mannschaft hineintrug. Der Spaß verstand und zugleich sein Beruf ernst nahm. Ein Profi, der seine Kollegen auf ein gemeinsames Ziel eichte: Erster zu sein nach jenem Spiel im Mai. Dieser Mann war Valérien Ismael.

Den Mund haben schon viele voll genommen, auch bei Werder. Meister wolle er werden, sprach dieser bislang Unbekannte vom FC Straßburg. Mal abwarten, dachten die grundskeptischen Hanseaten. Schließlich galt Ismael auf seinen bisherigen Karrierestationen als Störenfried. Doch ziemlich schnell wurde offenbar, dass das nicht an ihm, sondern an den Vereinen gelegen haben musste. Bald gab er den souveränen Abwehrchef, und ebenso souverän stand er Rede und Antwort – nach erstaunlich kurzer Zeit in charmant fließendem Deutsch.

»Joe, mach weiter!«


Er war es, der die Exzentriker Ailton und Micoud in ihrem Wesen begriff, ihnen den Rückhalt gab und auch mal einen Tritt, wenn sie allzu pomadig herumtrabten. »Joe, mach weiter!«, heizte er dem Regisseur ein, wenn dieser sich hängen ließ, und tätschelte den possierlichen Ailton wie einen kleinen Bruder, wenn er ein Tor geschossen hatte. Das gelang ihm selbst nicht selten und immer dann, wenn es wichtig wurde. Mit seinem kantigen Schädel rammte er die Kugel in die Maschen, und dann grüßte er seine Fans, die ihn nicht von Ungefähr »Offizier« nannten, mit der flachen Hand an der Stirn.

Dieser »Offizier«, das wusste Thomas Schaaf, als er aus der Luke grinste, war sein Mann. Und das galt auch andersherum. »Schaaf war der Grund dafür, warum es bei mir von Anfang an so gut lief und ich in Bremen regelrecht aufblühte,« erzählt er uns heute, fast vier Jahre später. »Schaaf hat mir gezeigt, welche Qualitäten ich habe – nicht nur spielerisch, sondern auch charakterlich.« Wir treffen Ismael in den Katakomben des Stadions von Hannover 96. Viel ist geschehen seit jener triumphalen Saison mit Werder. Viel, aber irgendwie auch nichts: Seine Karriere ist stagniert.

Ein Jahr nach der Meisterschaft rief ihn der FC Bayern. »Jeder Spieler muss diese Chance nutzen, wenn sie sich ihm bietet«, sagt er. Ismael ging, wurde Stammspieler und holte das Double. Doch das war, im Gegensatz zur rauschhaften Erfahrung mit Werder, bloße Pflichterfüllung. Ismael wollte mehr, er wollte Nationalspieler werden, er wollte die Champions-League gewinnen. Er wollte, er wollte, er wollte – doch der Druck, der beim Rekordmeister herrschte, den die Verantwortlichen machten, den er sich selbst machte, war zu groß. »Am Ende habe ich bei all den Zielen den Spaß am Fußball verloren«, gesteht er uns. Selten erlebt man einen Profi, der so offen redet. Oft sind die Herren sehr reserviert und darauf bedacht, nichts Verfängliches zu sagen. Oder aber sie reden sich um Kopf und Kragen – und ihr Pressesprecher greift in einem Ausmaß korrigierend in die Abschrift des Interviews ein, dass man sich das Gespräch auch hätte sparen können. Ismael aber kann begründen, was er sagt. Er kann sich selbst als Mensch im Zirkus der Bundesliga verorten.

»Ich steckte in einer Schublade mit der Aufschrift: verletzt«


So offen und profund spricht er auch über etwas, was Fußballer eigentlich lieber verbergen, um ihren Marktwert ja nicht sinken zu lassen: seine Verletzung, die sein zweites Jahr bei den Bayern zur Höllentour machte. Im August 2006 brach er sich in Folge eines Tumors Schien- und Wadenbein. Und die Ziele rückten in unerreichbare Ferne. Ismael kam nicht mehr zurück. »Bei den Bayern wartet man nicht, dass ein Spieler zurückkommt. Letztlich steckte ich in einer Schublade mit der Aufschrift: verletzt.«

Im Januar ist Ismael zum aufstrebenden Hannover 96 gewechselt. Dort soll er, wie einst in Bremen, die Defensive und am liebsten gleich die ganze Truppe stabilisieren. Wir sehen ihn bei einer seiner ersten Trainingseinheiten mit seinen neuen Kollegen. Nicht schwer zu erkennen: Er läuft nicht rund, horcht in seinen Körper hinein: Tut noch was weh? »Es ist nicht mehr wie früher«, sagt er. »Ich brauche mehr Zeit und eine Massage mehr als ein junger Spieler.«

Und was ist, wenn die neue Mission misslingt? Wenn der alte Körper nicht mehr mitmacht? Gibt es einen Plan B? »Nein,« sagt Ismael. »Ich versuche jetzt, Erfolg zu haben, indem ich die Dinge auf mich zukommen lasse.« Wir wünschen ihm Glück, doch sehr wahrscheinlich scheint eine Rückkehr zu alter Stärke nicht. Sportlehrer habe er einmal werden wollen, damals in Straßburg, bevor es losging mit der Profikarriere, erzählt er. »Ein bisschen davon ist noch geblieben«, lächelt er. Vielleicht sieht man ihn eines Tages als Coach wieder, den Kopf aus einer Flugzeugluke gesteckt. Wie Thomas Schaaf, damals, im Mai 2004.

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Im neuen Heft findet Ihr das komplette Gespräch mit Valérien Ismael.




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