Begegnung mit Uli Borowka

Trockener Sieg

Für die neue Ausgabe von 11FREUNDE baten wir Uli Borowka zum Interview. Der einst härteste Verteidiger der Liga war auch ihr härtester Säufer – und erzählte uns von seinem Kampf gegen den Alkoholismus, den er beinah verloren hätte. Begegnung mit Uli Borowka
Heft#114 05/2011
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Wie müssen wir uns das Leben eines Alkoholikers vorstellen? Lange Jahre war es geprägt von Maß- und Zügellosigkeit. Bezahlt isses, weg musses – das Halali an der Theke erklang jeden Abend. Und dann Prost, Prost und noch mal Prost. So auch im Leben des Bundesligaprofis Uli Borowka. »Der Fußball bietet sieben Gründe zu saufen«, sagt er uns. »Jeder Wochentag ist einer.«  

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20 Jahre lang habe er getrunken und gegen Ende »mit anderthalb Beinen im Grab gestanden«, erzählt Borowka beim Gespräch in einem Café in Berlin-Friedrichshain. Er berichtet vom unstillbaren Durst, einer Nacht in der Ausnüchterungszelle, dem riesigen Cut im Schädel, mit dem er eines Morgens aufgewacht sei und von dem er nicht mehr gewusst habe, woher er eigentlich stammte. War er etwa von einer Brücke gestürzt? Hatte ihm jemand einen übergezogen?  

Es gibt viele Fragen, die sich Uli Borowka auftun, wenn er zurückblickt. Nicht alle kann er beantworten. So viele Filmrisse, schwarze Löcher, Täler – und ohnehin ist Borowka keiner, der so tut, als wisse er alles. 

Wenn in einer Existenz scheinbar logisch eins auf dem anderen aufbaut, nennt man das wohl Karriere. Wenn diese Logik fehlt, heißt es Schicksal. Borowka traf es hart, ja: ER traf sich hart. Heute sagt er: »Ich weiß, was ich falsch gemacht habe.« Es war nicht wenig.

Es wurde verdammt viel unter den Teppich gekehrt

Das Schicksal des Uli Borowka birgt Träume und Alpträume gleichermaßen, Triumphe und Delirien, Länderspiele und Tage in der Gosse. Dass jemand überhaupt Nationalspieler werden kann, der an der Flasche hängt, ist allemal erstaunlich. Noch erstaunlicher ist jedoch, dass ihm in all den Jahren niemand diese Flasche weggenommen hat. »Co-Abhängigkeit«, nennt Borowka selbst dieses Geflecht aus Ignoranz, Duldung und Verharmlosung. Bei aller Glorifizierung der Mannschaften vergangener Jahrzehnte zu Biotopen der Kameradschaft muss man auch diese Eigenheit mitbedenken: Es wurde verdammt viel unter den Teppich gekehrt.  

Borowkas alte Gladbacher Kumpels Christian Hochstätter und Winfried Jacobs verfrachteten ihn 2000 schließlich in höchster Not in eine Entzugsklinik. »Das war mein persönliches Dschungelcamp«, sagt Borowka. »Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, habe ich gedacht: Uli, in deinem Leben ist aber einiges schief gelaufen.« Vier Monate blieb er dort. Seitdem hat er nicht mehr gesoffen.  

Selbstrettung durch Vermeidung

Wie müssen wir uns nun das Leben eines trockenen Alkoholikers vorstellen? An die Stelle der willenlosen Passivität, die bei Uli Borowka dazu führte, dass er »den Alkohol vernichtete, wo immer er mir in die Quere kam« , ist eine entschlossene Passivität getreten: Er trinkt nicht mehr. Selbstrettung durch Vermeidung. So wie eine alte Mutter, die sich an den Küchentisch setzt und sagt: »So, jetzt spare ich«, lauscht auch der trockene Alkoholiker dem Ticken der Uhr: »So, jetzt bin ich abstinent.«  

Warten, bis Zeit und immer mehr Zeit vergangen ist, die die Wunden heilt. Bei Uli Borowka sind es nun schon elf Jahre. Ein trockener Sieg.

An diesem Morgen in Berlin trinkt er drei Tassen Milchkaffee, isst dazu drei Kekse mit Zimtgeschmack. Der einst härteste Zweikämpfer der Bundesliga, der auch ihr härtester Säufer war, rührt im Lieblingsgetränk der Metrosexuellen. Es ist gleichwohl geeignet, um auf einen Sieg anzustoßen. »Mein größter Erfolg ist«, sagt Uli Borowka, »dass ich noch lebe.«    

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Das komplette Interview mit Uli Borowka findet Ihr in 11FREUNDE #114 – jetzt im Handel!

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