Begegnung mit Thomas Schaaf

»Der kann sich nicht freuen«

Ein Interview mit Thomas Schaaf – darauf freut man sich und fürchtet sich zugleich. Kann man sich nur über Brummtöne mit ihm verständigen? Gieselmann und Jonas trafen ihn. Sprachen mit ihm. Und gingen sogar spazieren! Begegnung mit Thomas SchaafHeiko Laschitzki
Heft #94 09/2009
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Eine Baustelle: ursprünglich war das mal ein Bagger und ein Loch und zwei Arbeiter, die rauchen. Mittlerweile ist »Baustelle« zu einem Synonym geworden für alles, was sich verändert. Deutschland ist eine Baustelle, Menschen auch, und wenn sie mal für einen Moment keine sein wollen, dann blaffen sie einem entgegen: »Das ist nicht meine Baustelle«. Das Leben ist eine Baustelle, so heißt sogar ein Film, dessen Dreharbeiten bestimmt ebenfalls eine einzige Baustelle waren. 

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Überall Baustellen. Selbst der SV Werder Bremen sei eine, so hieß es im Sommer. Diego weg, Baumann weg, Systemumstellung, und wie kriegt man überhaupt Konstanz in diesen verrückten Laden? Da muss umgebaut werden. Bauleiter: Thomas Schaaf. »Ich war immer auch an Architektur interessiert, am Planen, Entwerfen, Zusammenbauen«, sagt er uns im Interview kurz vorm Richtfest Anfang August. »Soweit bin ich davon ja heute nicht entfernt.«

Und dann erzählt er, wie es ist, eine Mannschaft zu bauen, wie er Mesut Özil aufpäppelte, dass er immer noch an Carlos Alberto glaubt und von seiner Wohngemeinschaft mit Paul Stalteri. Ob Sarah Connor ihn verändert hat. Von SMS an Tim Borowski. Bricht lachend zusammen, als wir mit den Begriffen »Raute« und »Doppelsechs« hantieren, und erteilt uns geduldig Nachhilfe in Systemkunde. Morgens, nach tollen Europapokal-Fights, die er im Fernsehen gesehen hat, kann es durchaus passieren, dass er Spielzüge »mit Milchdosen, Löffeln und Gläsern« nachstellt, »um es selber zu begreifen.«

Vom Griesgram zum Weltmann

Ganz schön witzig, dieser Schaaf. Dabei hatten Kollege Fabian Jonas und ich einander noch im Taxi unsere Angst gestanden, wir würden uns nur über Brummgeräusche ihm mit verständigen können. »Der kann sich nicht freuen, geht zum Lachen in den Keller«, sagt Schaaf selbst, »die Klischees sind mir geläufig.« Er berichtet von der Metamorphose vom Griesgram zum Weltmann, die er in nunmehr zehn Jahren als Cheftrainer durchlebt hat. »Damals habe ich meine Worte noch länger abgewogen – auch aus der Befürchtung heraus, dass alles, was ich sage, zur Riesengeschichte aufgeblasen wird. Heute gehe ich lockerer an die Dinge heran.«  

Schaaf – auch er eine Baustelle? Nein. »Ich wollte nie jemand Anderes sein als Thomas Schaaf.« Ein Programm. Ein lächelndes Ihr-könnt-mich-mal. Der Satz, der über unserem Interview steht, dem Dokument eines Mannes, der – sich wandelnd – in sich selbst ruht. Die Anti-Baustelle.  

Fast zwei Stunden nimmt Schaaf sich Zeit. »Ich könnte sie jetzt noch fragen, ob...«, setze ich schließlich an, auf meinem Katalog ist jetzt nur noch einer von 200 Punkten nicht abgehakt. »Fragen Sie mich nun wirklich, oder tun Sie nur so, als ob?«, kontert Schaaf. Ich frage tatsächlich, er antwortet ein letztes Mal ausgiebig. Und auch für den Rundgang durchs Stadion hat er noch die Muße, das gerade umgebaut wird. Dort stehen Bagger, sieht man Löcher, rauchen Arbeiter.

Einfach nur eine echte Baustelle, wie früher? Oder auch wieder eine Metapher für die Baustelle Werder Bremen? Für Deutschland? Das Leben an sich? Wir Journalisten denken ja immer so kompliziert. Bauleiter Thomas Schaaf lässt seinen Blick über das Rund schweifen. Dann sagt er: »Bis Samstag wird das fertig.«


Das Interview mit Thomas Schaaf findet Ihr im neuen 11FREUNDE-Heft. Ab 27. August im Handel!

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