Begegnung mit Steve McClaren

Off the record

Für die aktuelle Ausgabe für 11FREUNDE sprachen unsere Redakteure Matthias Paskowsky und Alex Raack mit Wolfsburg-Trainer Steve McClaren. Und trafen einen Fußball-Verrückten, dem das Geschäft wohl nichts mehr an haben kann. Begegnung mit Steve McClaren
Heft#107 10/2010
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Der Trainer ist müde. Steve McClaren kommt direkt von der letzten Übungseinheit des Tages und sein ohnehin bemerkenswert mit Denkerfalten übersätes Gesicht wirkt noch eine Spur zerfurchter. Die Saison hat längst begonnen in Wolfsburg, aber zum Zeitpunkt des Interviews hat der mit zig Millionen erneuerte VfL die ersten drei Spiele verloren. Und in Deutschland erinnern sich die Medien wieder an den »wally with the brally«, den »Trottel mit dem Regenschirm«. Steve McClaren, im Frühjahr 2010 überraschend als neuer Chefcoach in Wolfsburg vorgestellt – nur zwei Jahre nachdem er als gescheiterter National-Trainer Englands den Wölfen der Boulevardzeitungen zum Fraß vorgeworfen wurde – ist ganz offensichtlich von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt worden.

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Auch deshalb sitzt er jetzt hier. Machen wir uns nichts vor: Ein ehemaliger Trottel mit einem Regenschirm wird immer interessanter sein als der strahlende Held mit glänzend weißer Weste. Steve McClaren hat eine Geschichte, ob er sie auch erzählen wird ist die Frage aller Journalisten, die in den vergangenen Wochen in Wolfsburg vorstellig geworden sind.
Ein Interviewtermin wird überraschend schnell gefunden. Ein gutes Zeichen: McClaren will reden, vielleicht muss er das auch. In seiner Heimat England hat ihn wahrscheinlich nie jemand wirklich verstanden, so weit soll es in Deutschland nicht kommen.  Deshalb sitzt McClaren jetzt an einem Tisch im VIP-Berich der Wolfsburger, deshalb ist das bei weitem nicht das erste Gespräch, das McClaren in den vergangenen Tagen und Wochen mit Journalisten geführt hat.

Der Dolmetscher ist die deutsche Stimme. Und steht ihm bei

Immer dabei: Sein Dolmetscher. Ein zurückhaltender Mensch, der so gar nicht in die auf Hochglanz polierte VW-Arena passen will, durch die Redakteure, Fotograf und Dolmetscher vor dem Gespräch geführt werden. Seit McClaren beim VfL arbeitet, ist dieser Mann seine deutsche Stimme. Er lässt den Trainer Vokabeln pauken und sitzt bei Interviews mit Journalisten stets im Hintergrund. Für etwaige Übersetzungsprobleme. Und um Steve McClaren beizustehen.

Hat er das nötig? Vermutlich nicht. Als ehemaliger Assistent von Manchester-Legende Alex Ferguson und Nationaltrainer der englischen Nationalmannschaft ist McClaren bereits durch ein Stahlbad des Business gegangen. Er ist noch keine 50, doch der Job hat ihn in den vergangenen Jahren altern lassen. Allerdings nur äußerlich. Nach wenigen einleitenden Fragen ist McClaren aufgetaut und jetzt blitzen die Augen: Fragend, taxierend, abwägend. Er sagt: »Ich habe noch genügend Energie.« Und man glaubt es ihm sofort.

Cricket? Das wirkt wie fauler Fisch

»Ihn kann man nicht mehr mit neuen Fragen überraschen«, hatte der Dolmetscher noch kurz vor dem Beginn des Interviews gesagt und den Besuchern aus der Berliner 11FREUNDE-Redaktion damit ein wenig Wind aus den Segeln genommen. Natürlich: England, die Medien, der deutsch-englische Vergleich, die Arbeit mit Dieter Hoeneß, die Saisonziele – die Antworten kennt McClaren ganz genau, er hat sie schon oft genug verwenden müssen. Also versucht es Kollege Paskowsky mit einer Frage nach Cricket, ein englischer Kollege hatte ihm noch auf der Hinfahrt verraten: Das sei McClarens frühere Leidenschaft gewesen. Stimmt nicht, sagt der und verzieht das Gesicht, als habe ihn jemand mit stinkendem Fisch beworfen.


Einfach ist es nicht McClarens branchentypische Schale der Distanz gegenüber fremden Gesprächspartnern zu knacken und um in dieser Hinsicht Erfolg zu haben, ist eine Stunde Gesprächszeit fast zu kurz. Ja, er will reden, er muss reden. Aber eigentlich will er wieder zurück auf den Rasen. Den Trainingsanzug hat er ja noch an. In einem früheren Interview hatte er den Journalisten gesagt: »Ich hasse es in einem Büro zu sitzen, ich will draußen sein, bei meinen Jungs.«

Sir Alex war der Godfather. Und McClaren sein Consigliere

Jetzt sitzt hier, in einer der vielen VIP-Logen der VW-Arena. Wenn man aus dem großen Fenster schaut sieht man den Rasen, die Tribünen. Und einen kleinen Kinderspielplatz, der gleich hinter der Eckfahne in die Sitzplätze eingelassen ist. Ein Spielplatz im Stadion. Steve McClaren kommt aus einer anderen Zeit. Davon erzählt er. Wie er die eigene Karriere früher als erwartet beenden musste, wie er in die Lehre ging, vor allem bei Alex Ferguson, dem Trainer-Übervater der Premier League. Wie er 1999 fast alles an Titeln gewann, was ein englischer Klub eben so alles gewinnen kann. Vom Champions League Endspiel 1999 gegen die Bayern gibt es ein Foto. Es zeigt McClaren neben seinem Cheftrainer kurz vor Beginn des Spiels. Sir Alex trägt Anzug, Steve McClaren Trainingsanzug. »Sir Alex ist der Godfather«, sagt McClaren. Und er war sein Consigliere.

Ob er auch das von Alex Ferguson gelernt hat, dem er ja auch ansonsten »alles zu verdanken hat«? Erzählt McClaren eine Anekdote, die sich aus dem allgemeinen Wust der Normalo-Informationen heraus hebt, hängt er zumeist ein etwas schrilles »Off the record« dran. Unter uns, heißt das. Nicht veröffentlichen, sonst gibt es Ärger. Das schmeichelt den Journalisten, denn nun wissen sie mehr, als der normale Fußball-Fan. Aber eigentlich ärgert es die Journalisten, denn eigentlich sind sie ja hier, um genau diese Informationen ihren Lesern weiterzugeben.

25 Mal »Off the record« – mindestens

Es wird trotzdem ein angenehmes und informatives Gespräch. Den grob geschätzt 25 »Off the record«-Beisätzen zum Trotz. Auf dem Höhepunkt des Interviews spricht McClaren über die schlimmste Zeit seiner Karriere, die Monate des Scheiterns mit England in der EM-Qualifikation. Die Angriffe der Fans und Medien haben Wunden hinterlassen, jetzt sind sie vernarbt. »Mich kann nichts mehr erschüttern«, sagt McClaren und man glaubt es ihm. In einem Interview mit dem englischen »Guardian« hatte McClaren gesagt: »I´ve seen the ultimate.« Schlimmer kann es also nicht mehr werden und für den VfL Wolfsburg ist das eine wichtige Erkenntnis: Mit Steve McClaren haben sie auf jeden Fall einen krisenfesten Trainer eingekauft. Ob er auch ein Krisenbewältiger ist, muss er allerdings erst noch beweisen. Die Saison ist noch lang.

Das Gespräch beendet der Trainer selbst. »Last question«. Eine noch, und dann lasst mich wieder in Ruhe. Fotos? Müssen auch noch gemacht werden. McClaren wird ungeduldig. Will sich nicht an der Stelle fotografieren, die zuvor vereinbart wurde. Jetzt lehnt er an der weißen, etwas schäbigen Wand der Stadioneinfahrt und wundert sich über dieses Motiv. Dann ist der Termin mit dem neuen Trainer vom VfL Wolfsburg beendet. McClaren reicht die Hand zum Gruß und ist mit den Gedanken schon wieder ganz woanders. Er dreht sich um und geht. Die Schnürsenkel seiner Joggingsschuhe waren die ganze Zeit offen. Im leichten Laufschritt verschwindet er im Parkhaus.

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