Begegnung mit Stanislawski und Trulsen

»Ein Kopf, ein Arsch!«

Im Frühjahr, nur wenige Wochen vor dem Aufstieg, interviewten wir Holger Stanislawski und André Trulsen, das Trainergespann des FC St. Pauli. Eine Begegnung weit abseits des Hochglanzfußballs, zwischen Schutthalden und Wimpelwänden. Begegnung mit Stanislawski und Trulsen
Heft#102 05/2010
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Der FC St. Pauli ist auf dem Sprung in die erste Liga. Das Trainingsgelände an der Kollaustraße nicht. Nun gut, Trainingsgelände im Allgemeinen hat man selten springen sehen, aber selbst wenn sie es könnten, das Trainingsgelände an der Kollaustraße wäre wohl der Dicke im Sportunterricht, der die Latte bei 40 Zentimetern reißt.

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Morastiger Boden, längst ausgewaschene Kreide, Löcher im Zaun, die jeder Straßenköter zwischen Niendorf und Lokstedt als geile Abkürzung kennt. Die 11FREUNDE-Redakteure Kirschneck und Gieselmann passen nicht hindurch. Sie müssen außen rum, vorbei an Schrebergärten, vergessenen Containern und abgeladenem Schutt unter Schildern, auf denen steht, dass das Abladen von Schutt nicht erlaubt sei.

Kollaustraße also. Trainer Holger Stanislawski hat seine Spieler nach Niederlagen gegen Lautern und Bielefeld Anfang März hierher strafversetzt. Und man könnte meinen, er erteile damit auch den Journalisten eine Lektion. Nicht dass noch jemand auf die Idee kommt, der FC St. Pauli gehöre zum Establishment.

Zwischen Glasbausteintheke und Wimpelwand

Und falls wir's noch nicht glauben wollen, unterstreicht Co-Trainer André Trulsen es im Interview nach dem Training noch mal ganz dick: »Auch in Liga eins werden wir uns nicht in Nadelstreifenanzüge werfen«, sagt er im angrenzenden Vereinsheim, wo man zwischen Glasbausteintheke und Wimpelwand im schicken Zwirn ohnehin unangenehm auffallen würde. »Wir behalten die Badelatschen an.«

Das könnte sogar stimmen. Oder besser gesagt: Man will es glauben, so schön ist die Vorstellung, dass ein bisschen Bolzplatz- und Fußpilz-Romantik wieder Einzug hält in die Beletage mit ihren »Event-Ottos und krabbenfressenden VIPs«, wie St. Pauli-Erzfan Sven Brux sie gallig nennt.

»Hehehe, Stani!« – »Höhöhö, Truller!«

Und doch ist die Konstellation gefährlich paradox: Trulsen und sein Chef Stanislawski sind mit ihrer bärbeißigen Art eben jene Typen, mit denen sich die oberen Zehntausend so gern schmücken, um ein wenig Streetcredibility zu inhalieren. »Ich bin Stani«, sagt Stanislawski zur Begrüßung. »Ich bin Truller«, sagt Trulsen. Das erzeugt Nähe, die zur Vereinnahmung einlädt. »Hehehe, Stani!« – »Höhöhö, Truller!« Schon sieht man die Geldscheinklammerbesitzer, wie sie dem Trainergespann die Krabbenreste auf die Ballonseide husten.

Der FC St. Pauli vor der Unterwanderung durch den Armani-Mob? Stanislawski ist alarmiert: »Auf einmal sind sie dann alle da, haben 'ne Dauerkarte und sagen: Hol mal den Thomforde raus!« Und dann fügt er, nach einigem Überlegen, hinzu: »Damit muss man leben.«

Das klingt wie Fatalismus, ist aber mehr: die Fähigkeit, mit etwas überhaupt leben zu können. Eine Resistenz, die Trulsen und Stanislawski vor allem aus ihrer jahrelangen Freundschaft ziehen. Sie erzählen uns, wie sie als Innenverteidiger gemeinsam die Bälle rauskloppten, wie sie lernten, einander zu vertrauen, von nächtelangen Diskussionen, das heißt, der Chef spricht und spricht und spricht, und der Co hört zu, und was ihre Frauen eigentlich dazu sagen. »Wenn Trulla Brüste hätte, hätte ich ihn geheiratet!«, scherzt der Chef. »Zum Glück hab ich keine«, druckst Truller leicht verlegen.

Zwei wie Pech und Schwefel. »Ein Kopf, ein Arsch!«, wie sie selbst es ausdrücken. Zum Abschluss posieren sie noch für unseren Fotografen, Stanislawski nimmt auf dem Rasenmäher Platz, Trulsen greift zur Harke. Sie wären sich wohl auch für den Platzwart-Job hier an der Kollaustraße nicht zu schade. Ein bisschen Heckeschneiden, Fegen, Vertikutieren. Und vielleicht mal den Schutt wegräumen, der da draußen unerlaubt abgeladen wurde. Es würde dem alten Trainingsgelände gut tun. Und die Event-Ottos, sie fänden es garantiert »kultig«.

Aber Achtung, liebe Krabbenfresser: An den zerfransten Zäunen in der Kollaustraße kann man sich ganz schön den Nadelstreifenanzug aufreißen.

Das komplette Interview mit Stanislawski und Trulsen findet Ihr in 11FREUNDE #102 – jetzt im Handel!

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