Begegnung mit Robert Enke

»Ich bin kein Träumer«

Für die Dezember-Ausgabe trafen wir uns mit Robert Enke im Sprengel-Museum in Hannover. Plötzlich werden die Exponate nebensächlich und elegant gekleidete Kunst-Kenner outen sich mit Autogrammwünschen als Fußballfans. Begegnung mit Robert Enke
Heft #85 12/2008
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Als wir in Hannover aus dem Zug steigen, hat uns die Vorfreude auf das Treffen mit Robert Enke vollends eingenommen. Wir bestellen uns ein Taxi und nennen als Ziel die Geschäftsstelle von 96. »Vertrag unterschreiben?« witzelt der Fahrer. Ich nicke – und deute auf die Rückbank. Der schnurrbärtige Alte blickt in den Rückspiegel und mustert meinen Kollegen Andreas Bock. »Ehrlich?« fragt er erschrocken. »Ein Millionentransfer«, sage ich. Die Ampel springt auf grün.

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In der Geschäftsstelle vor dem Stadion stürzt uns ein hektischer Martin Kind in die Arme. »Meine Herren«, ruft der Präsident des Bundesligisten und zieht einen Hut, den er gar nicht aufhat. Putzig, denken wir, diese Hannoveraner. Auch Pressesprecher Andreas Kuhnt ist in Eile. Die Mannschaft spielt in ein paar Stunden in Berlin – ein weiteres Mal ohne Stammtorhüter Robert Enke, der sich im Oktober das Kahnbein seiner linken Hand brach.

Minuten später treffen wir im Kabinengang des Stadions auf unseren Interviewpartner. Als er uns sieht, zuckt er mit den Schultern und guckt unschuldig wie einer seiner sieben Hunde. Wir sollen uns gedulden. Zusammen mit dem verletzten Michael Tarnat und dem gesperrten Arnold Bruggink muss Enke noch für den 96-Weihnachtskatalog posieren. »Kein Problem«, ruft ihm unser Fotograf Heiko Laschitzki zu. »Ich muss sowieso noch aufbauen.«

Wir gehen durch den Spielertunnel in das Innere des Stadions. Laschitzki verteilt sein Equipment auf dem Rasen, kramt in immer neuen Taschen nach immer neuen Dingen, steckt Stative hoch in den dunklen Himmel. Ich setze mich auf die rote Trainerbank und versuche so auszusehen wie Peter Neururer aussah, als er noch hier in Hannover tätig war. Kollege Bock versenkt in seinem Kopf derweil einen Fallrückzieher nach dem anderen. Das leere Stadion ist für ihn in diesem Moment bis auf den letzten Platz gefüllt. Er ist der Millionentransfer. Laschitzki blitzt.

Robert Enke hat nicht viele Gesichter. Ein ernstes – und ein noch ernsteres. Uns ist es recht, denn wir spinnen uns kurz ein boulevardeskes 11Freunde Cover zusammen: Enke steht kampfeslustig im Trikot der deutschen Nationalmannschaft auf dem Rasen, darunter die Zeile: »Ich stutze dem Bundes-Adler die Flügel!« Enke jedoch möchte das Trikot nicht überziehen – und Flügel stutzen will er auch nicht. Später sagt er: »René und ich wissen, dass man den Kontrahenten nicht öffentlich zur Minna macht.« Sympathisch.

Zum Interview wechseln wir den Ort. Am kurzen Ufer des Maschsees gehen wir zum Sprengel-Museum hinüber. Enke muss noch einen Happen essen, wir holen die fehlende Fotogenehmigung ein. Für die gelangweilte Belegschaft des Museums erhellt sich mit unserer Ankunft ein grauer Arbeitstag. »Robert Enke? Der Robert Enke?«, werden wir von allen Seiten gefragt. »Ja. Der Robert Enke.« Wir genießen Privilegien. »Natürlich müssen Sie keinen Eintritt zahlen. Natürlich können Sie sich alles in Ruhe anschauen. Natürlich können Sie sich mit Herrn Enke in einem der Ausstellungsräume unterhalten.« Wir gehen eine Zigarette rauchen.

Später sitzen wir mit Robert Enke im Hans Arp-Raum auf einer Holzbank, sprechen über Fußball, natürlich, über seine Karriere, auch über Kunst, die gebrochene Hand, Konkurrenz, Pferde, seltsame Worte. Zwischendurch ein paar erstaunte Blicke der Besucher, die Satzfetzen aufschnappen. Dadaistisch. Die wachen Blicke des Torhüters durchsuchen den Raum. Er ist kein Kunstsammler, aber er mag Kunst.

Enke erzählt Geschichten aus einer fast vergessenen Zeit, als er in der Blüte seiner Laufbahn plötzlich ohne Verein da stand, über einen untypischen Lebensentwurf, der erfrischend wenig von all den Profi-Klischees erfüllt ist, über seine Jugend in der DDR, und am Ende über die WM 2010. Natürlich will er im Tor stehen, bestenfalls als Nummer 1. Ist das ein Traum? Nein, ein Träumer sei er nicht, sagt Enke immer wieder. Selbst als Kind habe er nie davon geträumt, eines Tages Fußballer zu werden. Es kam einfach so. Doch dann überlegt er. Blicke schweifen über die Bilder. Robert Enke greift nach seiner Jacke. Er lächelt. »Na ja, wenn Sie es so schreiben wollen: Ja, es wäre ein Traum.«
 

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