Begegnung mit Michael Zorc

Mission completed

Für unsere aktuelle Ausgabe #109 trafen wir BVB-Sportdirektor Michael Zorc zum Interview. Vor dem Topspiel gegen Mainz plauderte der Ex-Profi locker über seinen steinigen Weg und kämpfte nebenbei mit einem kleinen Problem. Begegnung mit Michael Zorc
Heft#109 12/2010
Heft: #
109
Manchmal ist Fußball absolute Nebensache.

Sonntag, 11.00 Uhr, Rheinufer in Mainz. Die Empfangshalle des Hyatt-Hotels wird von warmen Herbstsonnenstrahlen durchflutet. In den Rattanmöbeln fläzen sich Herren mit Schlips und Smartphone. Über die Lautsprecher klimpert ruhige Klaviermusik in die großzügige Halle. Am Tresen poliert ein Angestellter Gläser. Gemeinhin nennt man das wohl loungig. Nun ja.

[ad]

Michael Zorc trifft heute mit seiner Dortmunder Borussia auf den FSV Mainz 05. Das Spitzenspiel der Bundesliga, so schwer einem das auch immer noch über die Lippen kommen mag. Doch vorher steht Zorc uns noch Rede und Antwort. Eine Stunde ist ausgemacht. Wenig Zeit. Es könnte hektisch werden.  

Zorc geht lässig über den schwarzen Granitboden oder besser: er schwebt. Die Leichtigkeit seiner jungen Dortmunder Mannschaft scheint dem oft zurückhaltend wirkenden Ex-Profi in jede Faser übergegangen zu sein. Ein kurzes Hallo, Getränke, los geht's. Die Uhr läuft. 60 Minuten. Doch bevor das Gespräch über seine Karriere, seinen harten Weg der Anerkennung und die derzeitigen tollen Tage startet, brennt Zorc etwas auf der Seele: »Hat einer von Ihnen Rasierschaum?« Bitte was? »Ich habe meinen vergessen und so kann ich heute nicht ins Fernsehen.« Er streicht über seinen Drei-Tage-Bart und grinst. »Aus der Mannschaft kann ich niemanden fragen. Die meisten sind so jung, dass sie keinen Bartwuchs haben.« Volltreffer. Und es geht weiter. Kloppo: Trockenrasierer (wenn überhaupt). Geschäftsführer Watzke: Kam heute morgen frisch rasiert herein. Die letzte Rettung: Teddy de Beer. Doch sein Handy ist aus.

Der Retter naht

Wollten wir nicht über Fußball sprechen? Na klar. Zorc wirkt zufrieden, gefestigt, er hat auch eine Menge erlebt. Die Konfrontation mit Anfeindungen aus vergangenen Tagen lässt ihn kalt, nur als er sein eigenes Zitat vom »flaschenhalsförmigen Vereinsstrukturen« hört, wirkt er etwas peinlich berührt: »Habe ich das wirklich gesagt«, will er wissen und spricht offen über seine schweren Jahre in Dortmund, Fehlentscheidungen auf dem Trainerstuhl, die immens hohe Erwartungshaltung beim BVB, seine Mission Impossible. Er ist stolz auf seine Leistungen, den Umbruch, weiß jedoch auch um seine Machtlosigkeit: »Im Fußball arbeitet man doch sowieso immer nur mit Wahrscheinlichkeiten«, gibt er zu.

Derweil schlurfen im Hintergrund die BVB-Jungprofis zum obligatorischen Spaziergang. Mats Hummels, Kevin Großkreutz und Mario Götze glucksen, Patrick Owomoyela telefoniert, Jürgen Klopp zieht eine Grimasse, über die selbst Michael Zorc kurz lachen muss. Doch plötzlich erstarrt seine Miene. Der Retter naht: Teddy de Beer. Zorc springt auf: »Teddy«, ruft er durch die Lounge-Schrägstrich-Empfangshalle. De Beer, ein Hüne, tritt heran: groß, breitschultrig – glattrasiert. Rasierschaum hat er allerdings keinen. Zorc hat ein Problem. Das Spiel gegen Mainz ist sehr weit weg. Drei Punkte: Nebensache. Fußball: gerade egal.

Das Gespräch endet mit ein paar Anekdoten aus der Karriere des Spielers Zorc. Er weiß Kurioses zu berichten über die Diva Paulo Sousa, den Journalistentrainer Udo Lattek und seinen Spitznamen »Susi«. Dann muss Zorc los, er streicht sich noch einmal über den Bart. Noch drei Stunden bis zum Anpfiff in Mainz. Seine neue Mission Impossible steht bevor: Wo kriegt man am Sonntag Nachmittag in dieser Kleinstadt Rasierschaum her?

Sonntag, 20.15 Uhr, Berlin-Alexanderplatz. In einer Bahnhofspinte flimmern die letzten Sekunden der Spieltagszusammenfassung. Lucas Barrios trifft zum 2:0-Siegtreffer gegen Mainz und hüpft jubelnd über das Feld. Kloppo macht die Säge und Michael Zorc reißt die Arme in die Luft. Sein Gesicht strahlt vor Freude. Er ist glatt rasiert. Mission completed.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!