Begegnung mit Martin Jol

Leinen los!

Für die Juni-Ausgabe von 11 FREUNDE trafen wir HSV-Trainer Martin Jol wenige Tage vor dem letzten Saisonspiel. Das Problem: Jol war kurz vor dem Absprung zu Ajax Amsterdam, durfte es uns aber nicht verraten. Ein Menetekel. Begegnung mit Martin JolImago
Heft #91 06/2009
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Machen wir uns nichts vor, Fußballtrainer sind wie Seefahrer. So sehr sie ihrem Mädchen, sprich: dem aktuellen Klub, auch ewigliche Treue schwören, so genau wissen sie doch, dass ein paar Tore und Punkte zu wenig sie schon bald wieder in einen anderen Hafen spülen. Heimatlose Gesellen. So sind die Gesetze des Geschäfts.

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Manchen hat sich das Unstete des Berufs tief in die Gesichtszüge gebrannt. Männern wie Jörg Berger oder Ewald Lienen würde jeder unbesehen mal ein dauerhaftes Engagement wie dem Kollegen Wenger drüben in London gönnen. Hingegen haben Drifter wie Peter Neururer den Weg längst als Ziel erkannt und sich mit ihrer Rolle als Wandersmann arrangiert. Andere Väter haben auch schöne Töchter. Andere Städte haben auch attraktive Vereine.

Hätten wir also aufhorchen müssen, als uns HSV-Coach Martin Jol beim Interview am 11. Mai 2009 davon erzählte, dass er früher ein »Beachboy« war, der schon nach seinem Wechsel zum FC  Bayern in den späten Siebzigern schlimmes Heimweh nach der Nordseeküste verspürte. War nicht allein diese Aussage schon eine Blaupause für das Fernweh, das in ihm brodelte?

Heute sind wir schlauer. Martin Jol verlässt nach nur einer Saison Hamburg und sitzt fortan auf der Bank von Ajax Amsterdam. Dem Klub, dessen große Tradition vom Offensivfußball er uns gegenüber ebenfalls ausgiebig pries. Zufall? Das kann Jol nur selbst beantworten, aber jetzt ist er weg, und wir können ihn nicht mehr fragen. Niemand hätte damit gerechnet, dass der Niederländer seinen Vertrag in Hamburg nicht erfüllt. Und wir sind die Dummen. Denn zwischen der Durchführung eines Interviews in 11 FREUNDE und der Veröffentlichung liegen im Idealfall zwei Wochen.

Hat der Seemann gelogen?

Nun lesen wir in unserer neuen Ausgabe, dass Martin Jol es sich unter bestimmten Umständen vorstellen könnte, noch »drei, vier Jahre« in Hamburg zu arbeiten. Hat er uns belogen? Und die Fans gleich mit? Lügt der Seemann, wenn er seinem Mädchen am Kai seine Liebe gesteht, sich losreißt und von der Reling mit Tränen in den Augen winkt? Hamburger wissen, dass man Treue in kein Wohnzimmer sperren kann und Schwüre nicht in Öl gegossen sind. Und mal ehrlich, hat Jol nicht angesichts der Tatsache, dass nach dem Gespräch noch zwei entscheidende Bundesliga-Spiele um den Einzug in die Europaliga bevorstanden, uns gegenüber nicht mit genug Zaunpfählen gewunken? Er hat gesagt, dass sich der HSV »innovativ verstärken müsse, mit viel Geld.«. Hat gesagt: »Man kann nicht groß denken und klein handeln.« Sonst sei er »enttäuscht, böse, frustriert«. Und wenn sein Manager weiterhin Freigabeoptionen in die Verträge von Top-Spielern schreiben würde, habe er ein Problem. Jol war ehrlich genug zuzugeben, dass in der spektakulärsten Saison in Hamburg seit gut 20 Jahren, längst nicht alles optimal für ihn gelaufen ist. Von der keimfreien Rhetorik der Liga-Protaonisten sind wir sonst weitaus weniger Meinungsfreude gewohnt.

Nun ist das Interview von seinen Rahmenbedingungen her überholt. Dennoch ist es ein Nachweis für die Schnelllebigkeit des Fußballzirkus, die Mechanismen des Geschäfts. Trainer wie der Beachboy Martin Jol segeln hart am Wind. Launen des Business spülen sie an die nächste Küste. Wenn Ihr wissen wollt, wie einer spricht, dessen letzte Nacht mit der Geliebten vor der Abreise bevorsteht, lest die neue Ausgabe von 11 FREUNDE.

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