Begegnung mit Lasogga

Der letzte Bulle

Echte Mittelstürmer sind vom Aussterben bedroht. Nur Pierre-Michel Lasogga geht es besser denn je. Führt er den HSV zurück nach gestern?

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Es gibt Fußballer, die nehmen bei einem Interview so manierlich Platz wie in einer mündlichen Abiturprüfung. Und es gibt Pierre-Michel Lasogga. Der kann im Sitzen rennen, springen und köpfen. Eine Frage ist für ihn wie eine Flanke, die er verwandeln will, und wenn sie abgerutscht ist, dann ärgert er sich. Ein junger Mann von spätpubertärer Lulatschhaftigkeit, der noch nicht so recht weiß, wohin mit seiner Kraft. Deshalb legt er sie einfach in alles, was er tut. Auch in dieses Gespräch in einer VIP-Loge des Hamburger Volksparkstadions.  

»So viele Typen von meiner Art gibt es in Deutschland nicht mehr«, sagt Lasogga. Als wäre er einer, der einem eigentlich ausgestorbenen, vorindustriellen, irgendwie gefährlichen Beruf nachgeht, ein Holzfäller vielleicht, Hufschmied oder Walfänger. »Deswegen können wir froh sein, dass …« Er scheut vor der Vervollständigung dieses Satzes zurück, der mit einem Mal ein bisschen zu groß zu werden droht. Man will ihm dabei helfen: Deswegen können wir froh sein, dass …

es Sie gibt, Herr Lasogga? Da lacht er verlegen: »So drastisch wollte ich es jetzt nicht sagen. Bin ja bescheiden.« Er ist ja nur Mittelstürmer. Aber auch dieser Beruf, das alte Handwerk des Budenmachens, das so simpel erscheint und doch von nur wenigen beherrscht wird, ist im Verschwinden begriffen. Viel Mut gehört dazu, Kraft eben und die Gabe, nicht allzu viel nachzudenken.

Mit dem Kopf durch die Wand

Mit dem Kopf durch die Wand: Das war der Weg, den die Mittelstürmer gingen. Mit Brechstangen bewaffnet, erzwangen sie Entscheidungen, indem sie ihren Zweizentnerkörper in jeden Ball warfen, um ihn noch irgendwie ins verdammte Tor zu lenken. Hauptsache, das Ding war drin. Die Neun auf dem Rücken trugen sie mit einem Stolz, als wäre sie der Gürtel des Box-Weltmeisters im Superschwergewicht. Fußball war schließlich ein Kampfsport damals – und kein Nonnenhockey, wie es hieß. Wenn diese Kerle nicht mit zerrissenem Trikot vom Platz gingen, ohne Blutturban oder Blumenkohlohren, fühlten sie sich, als hätten sie überhaupt nicht gearbeitet. Sie waren immer da, wo es weh tat. Und wo sie waren, da tat es immer weh.

In Hamburg lebt die letzte echte Neun

Heute aber kommen einem diese urgewaltigen Malocher tatsächlich vor wie Angehörige einer untergegangenen Zunft. Die Vordenker des modernen Fußballs, Trainer, Analysten, Scouts und Sportdirektoren, glauben, dass es sie nicht mehr braucht. Jede Wand hat doch irgendwo eine Tür, durch die man ganz bequem gehen kann. Ihre Matchpläne gebieten es, so lange wie möglich danach zu suchen. Bloß nicht in archaische Muster zurückfallen! Das könnte den Verdacht erwecken, man verlasse sich auf den Zufall und nicht auf sein ausgeklügeltes Konzept. Schön und schlau muss es aussehen, das 1:1 in der letzten Minute gegen Ingolstadt. Dafür belagern polyvalente Westentaschen-Iniestas stundenlang die Strafräume. Nach einem Mittelstürmer halten sie vergeblich Ausschau. Es gibt ihn ja nicht mehr.

Außer in Hamburg. Da lebt die letzte echte Neun: Pierre-Michel Lasogga. Der lange Kerl, der kaum stillsitzen kann vor lauter Kraft und Bewegungsdrang. Er ist erst 24 Jahre alt – und doch schon eine nostalgische Figur. Dank ihm träumen sie in Hamburg wieder von Europa. Von der schlichten Schönheit des Erfolgs. Und einer Zeit, da Horst Hrubesch mit seinem genial einfachen Rezept »Manni Bananenflanke, ich Kopf, Tor«, der prominenteste Akteur des HSV war. Und nicht ein Sportdirektor, dem der Rucksack abhandengekommen ist.

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