Begegnung mit Hrubesch, Kaltz und Co.

»Um was geht es hier eigentlich?«

30 Jahre nach der letzten HSV-Meisterschaft trafen wir sechs Spieler der damaligen Erfolgsmannschaft zum großen Bundesliga-Roundtable. Ein paar Schläfen sind grauer geworden, ein paar Bäuche dicker – sonst ist alles wie früher.

Per Kasch
Heft: #
138

Manfred Kaltz muss noch einmal kurz wohin, und als er wiederkommt, sagt er: »So, um was geht’s hier eigentlich?« Die anderen grinsen, als wollten sie sagen: »Er nun wieder«, doch sie sagen erst einmal nichts.
 
Er, Kaltz, Teil des schönsten verblosen Satzes der Fußballgeschichte (»Manni Flanke, ich Kopf – Tor«), der mit den 581 Bundesligaspielen, der erfolgreichste HSV-Spieler aller Zeiten, der »Große Schweiger«. So jedenfalls nannten ihn die Hamburger Reporter früher, wenn Kaltz mal wieder keine Lust hatte mit ihnen über Formkrisen oder sein Privatleben zu sprechen. Kaltz fand das nicht gut. Später sagte er einmal: »Auf das, was die Presse schreibt, kannste dir ein Ei backen.«
 
Bislang hat Manfred Kaltz alle Interviewanfragen von 11FREUNDE abgelehnt. Oder besser: Er hat einfach nie geantwortet. Wenn man Weggefährten oder andere Journalisten auf Kaltz ansprach, sagten auch die: »Sympathischer Typ – spricht aber nicht gerne.«

Die alte Truppe, die 83er-Gang
 
Dieses Mal ist er aber dabei. Ein paar Tage vor dem Interviewtermin im Hamburger Volksparkstadion hat Bernd Wehmeyer ihn angerufen und gesagt, dass es doch schön wäre, mal wieder zusammenzukommen. »Der Horst kommt auch. Und der Holger. Und die anderen.« Die alte Truppe eben, die 83er-Gang, die ewigen Helden.
 
Ihre Pokale und ihre Fotos schmücken die Vitrinen auf den Fluren der Geschäftsstelle, doch erst wenn sie wirklich mal, in natura, hier entlang gehen, riecht es wieder nach nassem Gras auf Schienbeinen und Schweiß auf Baumwolltrikots. Nach einem wie auch immer gearteten Geheimwissen, das seit 1983 keine HSV-Mannschaft mehr besaß.
 
Kaltz sagte also zu. Und jetzt, wo er hier am Tisch sitzt, sieht er richtig entspannt aus, ein bisschen elegant, ein bisschen lässig. Er trägt eine Daunenjacke, einen eng anliegenden schwarzen Rollkragenpullover, beige Cordhose, Lederschuhe, er hat einen klaren Blick und immer noch volles Haar. Heute erzählt er viel. Trotzdem muss erst einmal diese eine Frage geklärt werden:
 
»Um was geht’s hier eigentlich?«
 
Es geht um die Bundesliga, meine Herren. Um die Erinnerungen an das Premierentor von Timo Konietzka, um Vereinstreue in den siebziger und achtziger Jahren, um den HSV, um die Erfolge unter Ernst Happel und Branko Zebec, um die epochale Wucht, die eine eingeschworene Mannschaft über Jahre entfalten kann.
 
Darum geht’s.
 
Die sechs Männer sitzen im Stadion-Restaurant »Die Raute«, schräg hinter der Nordtribüne. Sie trinken Wasser, Kaffee (schwarz) oder Latte Macchiato. Sie gucken auf den Rasen des Volksparkstadions, Manfred Kaltz, Horst Hrubesch, Ditmar Jakobs, Holger Hieronymus, Bernd Wehmeyer, Jürgen Milewski. Und wären da nicht ein paar graue Schläfen, ein paar Falten und ein paar kleine Bäuche – es wäre alles wie früher. Wie damals zwischen 1977 und 1983, diese Jahre, in denen sich die HSV-Spieler auf eine sechsjährige Klassenfahrt begaben, als das Leben so herrlich leicht und ohne Sorgen war. Wie damals in der Kabine, als die Jungs mit Branko Zebec oder Ernst Happel ihre Köpfe zusammensteckten und sich schworen, zusammen die Welt zu erobern.

Alles ist wie früher – fast
 
Da ist Jürgen Milewski, der smarte Typ, der heute erfolgreich eine Spieleragentur leitet und für die anderen heute immer noch der »kleine Mile« ist. Da ist Ditmar Jakobs, die Abwehrkante von einst, der sich immer in den Dienst der Mannschaft stellte und der heute manchmal ein wenig versonnen aus dem Fenster schaut. Er hält sich immer  noch zurück, wenn der Mann auf der anderen Seite des Tisches spricht. Denn dort sitzt Horst Hrubesch, Kind des Ruhrpotts zwar, doch vom Typ her eher Steuermann in der Nordseebrandung. Er ist heute noch der Kopf der Bande.
 
Vor dem Interview rief Holger Hieronymus in der 11FREUNDE-Redaktion an und fragte, wo denn das Treffen stattfinden solle. Als er erfuhr, dass Hrubesch ihm die Wahl des Treffpunkts anvertraut hatte, fragte er erstaunt: »Mein Kapitän will, dass ich ihm sage, wo er hinkommen soll?«

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