Begegnung mit Diego

„Er wohnt nicht für immer hier“

In der Wohnung unseres geschätzten Kollegen Arnd Zeigler wollen wir in aller Ruhe mit Werders Spielmacher Diego sprechen. Ein naiver Plan. Denn schon nach wenigen Augenblicken weiß jedes Kind im Viertel bescheid: ER ist da! Imago
Heft #76 03 / 2008
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Wer das Wohnzimmer von Arnd Zeigler in Bremen betritt, steht mit einem Bein in einem Fernsehstudio. Der langjährige 11-Freunde-Kolumnist produziert seine TV-Show „Wunderbare Welt des Fußballs“ von zuhause aus. Zeigler hat uns seine Wohnung für die Begegnung mit Diego zur Verfügung gestellt, nicht ganz uneigennützig, wie sich später herausstellen wird. Rein zufällig, wie es zunächst scheint, sind zwei WDR-Kollegen vor Ort, um die Technik eines monströsen Mischpultes zu überprüfen, das die Hälfte des Raumes einnimmt, in dem sowohl das Shooting des Magazincovers als auch das Interview stattfinden sollen.

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Auch das gemütliche Sofa, auf dem Diego hätte Platz nehmen sollen, verliert seinen Reiz, weil es direkt hinter dem brummenden Riesenmischpult steht, Platz für Fotos ist nicht vorhanden. Wir ersetzen das Sofa durch eine weiße Leinwand. Der Gedanke, Diego auf der Auswechselbank zu inszenieren, die in Zeiglers mit Fanartikeln aller Art voll gestopften Produktionsstudio steht, wird aus nachvollziehbaren Gründen verworfen. Das Interview verlegen wir in die winzige Küche, Hauptsache Ruhe.

„Papa, lass mich einfach ein bisschen hier liegen!“


20 Minuten zu früh fährt der Star vor. Statt seinen Berater Leonardo Scheinkman hat er seine Freundin Bruna im Schlepptau, die gerade zu Besuch aus Brasilien ist. Leicht verschüchtert blickt sich Diego in der Wohnung um, wo auf engstem Raum Arnd Zeigler, Arnd Zeiglers äußerst erregter siebenjähriger Sohn, Arnd Zeiglers Zugehfrau, zwei 11-Freunde-Redakteure, ein 11-Freunde-Fotograf, der Assistent des 11-Freunde-Fotografen und die beiden WDR-Techniker durcheinander laufen. Vorsichtshalber bewundert Diego erst mal Zeiglers Fußballaltar. Sein Sohn hat sich vor Aufregung unter einen Tisch verkrochen. Der Papa ermuntert ihn, doch dem berühmten Gast „Guten Tag“ zu sagen, aber Zeigler jr. ist fix und fertig und stammelt: „Papa, lass mich einfach ein bisschen hier liegen!“

Zunächst mal gehen wir für weitere Fotos auf einen Bolzplatz in der Nachbarschaft. Diego streift sich ein Werder-Shirt aus Arnd Zeiglers Fundus über. Draußen ist es kalt, der brasilianische Kicker friert. Nicht, dass Thomas Schaaf uns demnächst die Männer mit den großen Pistolen vorbeischickt, weil Werders wichtigster Mann eine Lungenentzündung hat. Auf dem Bolzplatz kicken zwei Jungs. Als sie Diego sehen, erstarren sie zur Salzsäule. Dann sehen sie gebannt zu, wie ihr Idol einen schlappen Lederball mit beeindruckender Lässigkeit auf dem Fuß tanzen lässt. Wenige Minuten später belagern plötzlich mehr als ein Dutzend Kinder den Platz, eine Szene wie aus Hitchcocks „Die Vögel“.

Auf dem Rückweg in die Wohnung werden wir in respektvollem Abstand von der Minderjährigenhorde verfolgt. Das Zimmer gleicht jetzt der Rumpelkammer einer Medienproduktionsfirma. Diego soll ein weißes Hemd tragen, doch sein mittlerweile ebenfalls eingetroffener Berater Scheinkman hat den Oberkörper seines Schützlings unterschätzt. In dieses Hemd hätte nicht einmal Zeigler jr. gepasst, der sich inzwischen gefangen hat und aus dem offenen Fenster des Obergeschosses heraus eine Presseerklärung nach der anderen für die Kinder auf der Straße abgibt: „Ja, er ist es wirklich! Nein, er wohnt nicht für immer hier!“

Später wird der Siebenjährige einen Rückfall erleiden. Als er während des Interviews unter dem Vorwand in die Küche kommt, sich ein Glas Wasser zu holen, tätschelt Diego ihm den Kopf, und für einen Moment sieht es so aus, als würde sein junger Kreislauf versagen.

Nach 90 Minuten ist das Gespräch beendet, und auch die beiden Techniker vom WDR können ihrer eigentlichen Bestimmung nachgehen. Diego wird für einen Gastauftritt in der „Wunderbaren Welt“ des Fußballs engagiert, so dass am Ende alle etwas von diesem Nachmittag haben, mit Ausnahme der Lebensgefährtin des Fußballers, die sich an die letzten Worte Tucholskys erinnert haben könnte: „Es war zu laut und ich habe nicht alles verstanden.“

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Im aktuellen Heft findet Ihr das große Interview mit Diego.



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