Begegnung mit dem Titan

„Groß, bitte!“

Das neue 11FREUNDE-Heft wirft seinen Schatten voraus. Darin zieht Oliver Kahn die Bilanz seiner denkwürdigen Karriere. Redakteur Tim Jürgens traf ihn zum Gespräch in München. Hier berichtet er von dieser nicht alltäglichen Begegnung. Imago
Heft #66 05 / 2007
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66
Vom Münchner Zentrum führt nur eine Straße nach Grünwald, in dieses Paradies der Reichen, in dem Bayern-Profis in italienischen Eisdielen Ciabatta essen, ein Kaffee Latte sechs Euro kostet und ein Audi A6 das Fahrzeug mit der niedrigsten PS-Leistung ist, das auf der Hauptstraße kreuzt.



Der Taxifahrer fragt: „Was wollens denn in Grünwald?“
„Bin Journalist. Interview. Olli Kahn.“
Darauf der Fahrer: „Was i mich immer frage: Was ist das für a Mensch?“


20 Jahre Bundesliga, und immer noch stellt alle Welt dieselbe alte Frage.

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Der Mann, den sie „Titan“ nennen, hat in eine dieser schmucklosen Bars geladen. Die Preise sind so hoch wie der Lärmpegel. Das Interieur schlicht, die Kellner kurz angebunden. Oliver Kahn trägt schwarze Cowboy-Pieken und möchte lieber an einem Tisch sitzen als in der vornehmen weißen Leder-Garnitur. „Die Rippen geprellt, sie wissen schon, das letzte Spiel.“ Verteidiger Lucio sitzt am Nebentisch mit den Kindern. Die Kids stochern in ihrer Pasta, der Kicker blickt verloren auf seinen riesigen Salat.

„Zehn, elf Minuten können wir schon machen.“

Kahn bestellt eine Tasse Kaffee und Apfelschorle. „Groß, bitte!“ Wie sonst?! Seine Hände sind fleischig, fast wurstig, die Finger eines Mannes, der in kritischen Momenten dazu neigt, auf den Nägeln zu kauen. Keine Pianistenhände wie bei Jens Lehmann, keine knöchrigen Steinbrüche wie die Pranken von Toni Schumacher. Auf die Routinefrage zu Beginn, wie lange er denn Zeit habe, witzelt er: „Zehn, elf Minuten können wir schon machen.“ Da ist er, dieser Blick ziellos in die Ferne, dieses abwesende Schmunzeln, das Ironie signalisiert und auf manche arrogant wirkt. Auf dem Golfplatz soll Kahn manchmal insgeheim zu seinen Gunsten zählen und ungeduldig Bälle riskant über die Köpfe parlierender Rentner lupfen. Hier hat es den Anschein, als sei er anderthalb Stunden lang um Ehrlichkeit bemüht. Anders als viele Jungprofis gebraucht Kahn keine Platitüden und angelernte Floskeln. Nur, wenn er zu emotional wird, flüchtet er sich in Formulierungen aus seinem Buch „Nummer 1“, in dem er sich als zwanghaft erfolgbesessenen Shaolin-Mönch stilisiert. Jede private Frage lässt er zu und gibt einem das Gefühl, die Distanz zu ihm sei denkbar gering.

Fast nostalgisch blickt er auf seine Jahre in Karlsruhe zurück, als nach dem Spiel die Mannschaft noch gemeinsam in die Kneipe zog. Oder die Anfangsjahre in München, als Mannschaftsabende freiwillig stattfanden und nicht von der Vereinsführung angeordnet werden mussten. Auch wenn er mal nicht Stellung beziehen will, verrät ihn seine viel gerühmte Körpersprache und verdeutlicht seinen Respekt gegenüber Ottmar Hitzfeld, den Gegensatz zwischen ihm und Stefan Effenberg, wie er Lothar Matthäus gering schätzt und seine unendliche Wut auf Jürgen Klinsmann. Wenn er über Fußball spricht, ist er in seinem Element. Es hat den Anschein, als könne er sich an jeden Reflex seiner Karriere erinnern. Es sind Momente, die ihn mehr faszinieren, als jede Meisterschaft, jedes WM-Finale.

Zum Abschied sagt Kahn kumpelhaft: „Ich pack’s dann.“ In Druckbuchstaben notiert er sorgfältig die Email, an die die Druckfassung des Gesprächs zur Freigabe geschickt werden soll. Die Mail-Adresse ironisiert inhaltlich Kahns Image als Übermensch. „Ist das wirklich Ihre Mail?,“ frage ich. Er grinst wie ein Lausbub, wenn ein Passant nach dem Portemonnaie an der Angelschnur greift.

Tja, was ist er für ein Mensch? Er ist einer, soviel ist sicher. 1,88 Meter Ehrgeiz, Melancholie, Stolz, Erfolg, Sport, Image und eine scharfe Prise Unsicherheit. Kurz – und platt: Ein Mann, der dem Fußball fehlen wird.

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Das neue 11FREUNDE-Heft ist ab Donnerstag im Handel erhältlich. Die Themen außerdem:

Leverkusen 2002 - Albtraum eines Sommers
Profis nach der Karriere - Knietief im Dispo
Sex & Suff - Englands Anti-Held Vic Kasule
Stadionposter Stuttgarter Kickers
uvm.


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