20.03.2012

Begegnung mit Carsten Jancker

Vollsperrung auf der Stadtautobahn

Als Aktiver war Carsten Jancker oftmals umstritten und galt als arrogant. Im Gespräch für unsere Rubrik »Der Fußball, mein Leben und ich« war davon wenig zu spüren. Doch der Wiener Straßenverkehr hätte dem Treffen fast einen Strich durch die Rechnung gemacht...

Text:
Jens Kirschneck
Bild:
Imago

Nun haben wir schon so viele Pferde sich vor Apotheken erbrechen sehen, dass wir es eigentlich hätten besser wissen müssen. Doch das Vertrauen in die eigene logistische Kompetenz ist unerschütterlich und wir lieben es, wenn ein Plan funktioniert. 

Der Plan ist der: Um 12 Uhr Start in London-Heathrow wegen einer anderen Geschichte, die hier nichts weiter zur Sache tut, 14.15 Uhr Landung in Wien, 15 Uhr Interview mit Carsten Jancker in der Geschäftsstelle des SK Rapid. Sollte eine geringfügige Verspätung eintreten, möge der Fotograf doch bitte zunächst die Fotos machen.

Nebel in Heathrow, Regen in Wien, Unfall auf der Stadtautobahn


Schuld ist am Ende nicht der Nebel in Heathrow, den es nämlich nicht gibt. Ebenso kein Fehlverhalten der Fluggesellschaft. Und auch nicht der ergiebige Regen in Wien oder höchstens indirekt, weil ein möglicherweise wetterbedingter Verkehrsunfall für jene Vollsperrung der Wiener Stadtautobahn verantwortlich ist, die dem Taxifahrer tiefe Sorgenfalten ins Gesicht gräbt.

»Hmh«, sagt der Fahrer, »was machen wir jetzt?« Dann nennt er eine verwirrende Kombination von Straßen, die unter Umständen geeignet sei, uns unter Vermeidung der Autobahn vom Flughafen (gelegen im Südosten der österreichischen Hauptstadt) zur Geschäftsstelle von Rapid (Nordwesten) zu bringen. Mittlerweile ist es kurz nach halb drei. »Hmh«, sage ich, »ich muss um 15 Uhr da sein.« – »Wird eng«, sagt der Taxifahrer.

Ein Taxifahrer wie Niki Lauda

Doch er stellt sich als Fahrer heraus, wie ihn Österreich seit dem feuerinfernobedingten Karriereende von Niki Lauda nicht mehr gesehen hat. Schon zwanzig Minuten nach dem vereinbarten Interviewtermin kommen wir an. »Wir haben dann zuerst die Fotos gemacht«, sagt der Fotograf. Neben ihm steht Carsten Jancker in einem gestreiften Hemd mit grauer Weste – einerseits das vertraute Gesicht aus unzähligen Fußballschlachten, andererseits schon ein wenig dem aktuellen Geschehen entrückt. Obwohl dieser kantige Schädel noch vor gut zwei Jahren dem Ball hinterher gejagt ist, verströmt er bereits das Charisma eines Mannes aus einer anderen Ära. Man kann ihn sich schwerlich in einer Mannschaft mit, sagen wir mal, Mesut Özil oder Mario Götze vorstellen.

»Sind Sie wirklich erst um 14 Uhr gelandet?«, fragt Jancker und zieht die Augenbraue hoch. »14.15 Uhr«, lautet die Replik. »Sportlich«, sagt Jancker. Er sagt das nach einer kurzen Pause und so läuft nachher auch das Interview. Carsten Jancker ist kein Mensch, der wie aus der Pistole geschossen antwortet. Er überlegt, bevor er etwas sagt. Wälzt die Frage hin und her, bis er ihr Gefahrenpotential einschätzen kann. Und wenn er spricht, spricht er bedächtig. Aber durchaus pointiert.

Halb Deutschland hielt den glatzköpfigen Jancker für einen Nazi

Nach einer Weile bröckelt die Deckung ein wenig. Jancker erzählt, wie einst »Kaiser Franz« höchstpersönlich auf seine Mailbox sprach, um ihn zu den Bayern zu lotsen. Wie es sich anfühlte, als halb Deutschland den glatzköpfigen Stürmer für einen Nazi hielt. Und warum er einstmals Berti Vogts vor laufender Kamera ein schneidiges »Vogts, du Arschloch!« ins Gesicht brüllte. »Das muss ich mir aber noch mal überlegen, ob ich das mit dem Vogts drin lasse«, sagt Jancker. Am Ende wird es drin bleiben.

Während seiner aktiven Zeit hatte Carsten Jancker oft den Ruf des Arroganten, dessen Aufstieg vom einfachen Jungen aus Mecklenburg zum Nationalspieler ihn überheblich gemacht und dem einfachen Fan entfremdet hat. Im Interview ist von dieser angeblichen Attitüde nichts zu spüren: Jancker, der heute als Sportmanager im Nachwuchsbereich von Rapid Wien arbeitet, antwortet höflich, geduldig und gelegentlich sogar charmant.

Nur ganz am Schluss ist er überfordert. Das 60-Euro-Taxi vom Hinweg noch im Kopf, fragen wir nach der besten Möglichkeit, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Flughafen zu gelangen. Janckers Blick ist leer, diese Frage hat er sich erkennbar noch nie gestellt. Doch das erledigt dann der Pressesprecher von Rapid. Fünf Stunden nach der Ankunft haben wir Wien wieder verlassen und sind pünktlich in Berlin gelandet. Wir lieben es, wenn ein Plan funktioniert.

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