Begegnung mit Bernd Trautmann

Zwei Finger breit

Für das 11FREUNDE SPEZIAL »Das waren die Fünfziger«, das seit dem 9. September im Handel ist, besuchten wir die Torwartlegende Bernd Trautmann in seiner neuen Heimat Spanien. Doch beinahe wäre der Termin geplatzt. Begegnung Bernd Trautmann

Zwei Finger reichen manchmal aus, um über Wohl und Übel zu entscheiden. Vor allem dann, wenn man kein Wort spanisch spricht. Nach drei Runden in einem Kreisverkehr irgendwo vor den Toren von Valencia erwartet der Taxifahrer eine Entscheidung von mir. Ausfahrt eins? Oder doch lieber Nummer zwei? EIn Blick auf den Zettel hilft da auch nicht weiter, denn da steht eine Adresse, die es laut meines iberischen Teilzeit-Chauffeurs nicht gibt.

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Schöne Scheiße. Eins oder zwei? Kopf oder Zahl? Barfuss oder Lackschuh? Eiiiiiiiiiiiiiiin… zwei. Zwei Finger, ein Blinker und raus aus dem runden Ungetüm. Neben einer hektargroßen Orangenplantage lässt der gute Mann mich dann raus. Er hat genug. Ich habe zumindest eine Telefonnummer.

Natürlich hole sie mich ab, sagt eine freundliche Stimme am anderen Ende. Fünf Minuten später kommt ein kleiner, weißer Renault Clio angeknattert. Am Steuer sitzt eine freundliche Dame in ihren besten Jahren. Meine Rettung.

Tausend Fragen fahren ein Wettrennen durch die Synapsen

Vorbei an den endlosen Orangenbaumreihen klärt sie mich auf: DIe Straße in der das Haus steht, habe keinen Namen, die Taxifahrer aus der Stadt haben keine Ahnung vom Umland und Bernd – der sei gerade sehr müde.

Müde? So ein Mist. Tausend Fragen brettern durch die Synapsen: Wie weckt man eine müde Legende? Was ist, wenn er nach zehn Minuten genug hat? Und überhaupt, wie begrüßt man einen Mann, der sowohl den Zweiten Weltkrieg als auch einen Genickbruch überlebt hat? 

Ein Ausblick wie eine Fototapete


Der Kleinwagen rollt auf den Hof. Da steht keine Luxusvilla, sondern ein schnuckeliger Bungalow. 90 Quadratmeter. Das reicht. Draußen knallt die Sonne, 30 Grad im Schatten. Durch das abgedunkelte Wohnzimmer zieht sich ein Lichtkegel. Bernd Trautmann sitzt auf der Terrasse und genießt den Ausblick, der nur durch eine kleine Palme verdeckt wird. Dahinter: Viel weißer Sandstrand und noch mehr türkises Mittelmeer. Trautmann ist entspannt, trägt Shorts, Sonnenbrille, ein blaues Hemd. »Habe ich mir extra für Sie angezogen«, lächelt der Mann mit dem Kühlschrankkreuz und reicht seine rechte Hand aus seinem Stuhl. 

Zu Tisch mit einem Halbgott


Es folgt ein Gespräch über den Fußball der Fünfziger, sein England, den Weltkrieg und öffentliche Auftritte im Smoking. »Das mache ich nicht mehr«, sagt Trautmann, für den sich vor einigen Wochen noch Tausende Menschen in Manchester vor einem Buchladen drängelten. Vom Schulkind bis zum alten Greis, alle wollten ein Autogramm. Er gesteht: »Ich litt unter Minderwertigkeitskomplexen«, und erzählt dann, wie er das Herz seiner Mutter brechen musste, um selbst glücklich werden zu können. Er schimpft auf das City von heute und denkt an Dennis Viollet und Stanley Matthews.

Trautmann hört gerne zu und redet ungern über seine eigenen Heldentaten. Er ist eine Legende, die keine sein will. Ein sanfter Mensch, der hart sein musste. Ein Gentleman im Körper eines Preisboxers . Ein Vorbild. Für jeden. Ohne Umschweife. Nach vier Stunden fährt er plötzlich hoch: »So! Jetzt reicht es mir!« Doch von Abschied kein Wort. »Ich habe Hunger.« Es gibt Quiche Lorraine und ein kühles Bier. Wenn es einen Moment gibt, den es sich einzufrieren lohnt, dann ist es wohl dieser.

Alles Kopfsache


Kurz vor dem Abschied rückt Trautmann nah heran. Es geht um das Pokalfinale 1956, der Genickbruch, die Legende, die alles überschattet, was er geleistet hat. Fluch und Segen zugleich. »Geben Sie mir mal bitte ihre zwei Finger«, sagt der 86-Jährige und führt sie auf seine Schädeldecke. Da ist alternde Haut, lichtes Haar, da sind zwei Löcher. Zwei Finger versinken millimetertief in seinem Kopf. »Hier wurde mir eine U-Haken aus Stahl eingebohrt, der über ein Gestell mit meinem Körper verbunden wurde. Darüber kam Gips. Nur so konnte ich den Unfall überleben. Das ist es, was ich aus diesem Finale mitnehme.« Zwei Finger. Wohl und Übel erreichen eine neue Dimension.

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