Begegnung mit Bernd Schuster (+ Bildergalerie)

Der Engel mit den hängenden Lidern

Der ewige Rebell. Der blonde Engel. Der Mann von Gaby. Bernd Schuster, die Titelfigur der neuen 11FREUNDE-Ausgabe, bekam schon so viele Etiketten, das selbst unser Autor Tim Jürgens (rechts im Bild) beinahe den Überblick verloren hätte. Aber eben nur beinahe. Begegnung mit Bernd Schuster (+ Bildergalerie)
Heft#120 11/2011
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Ein Blick kann ein unveränderliches Kennzeichen sein. Bernd Schuster plaudert am Eingang des Madrider Restaurants »La Maquina« mit den Bediensteten. Die Kellner reden so laut, als wollten sie auf die überdachte Terrasse rufen: »Schaut mal, wer da ist.« Obwohl Schuster über einen Witz des Oberkellners lacht, bleibt sein Blick seltsam indirekt. Für einen, der über zwei Jahrzehnte der prägende Spieler bei den besten Fußballklubs der Welt war und sich auf roten Teppichen bewegte, wirkt er auch mit 53 Jahren seltsam scheu. Seine hängenden Lider erinnern an den stillen Jungen aus der Schule, der nur auf Nachfrage dem Lehrer Antwort gab, daheim mit dem Chemie-Baukasten werkelte und in jeder Klassenarbeit am besten abschnitt.

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Schuster ist für deutsche Medien ein Missverständnis geblieben. Seine Genialität auf dem Rasen stand stets im krassen Widerspruch zu seiner öffentlichen Wahrnehmung. Im konservativen Milieu der Derwall-Ära wirkte er wie ein Discjockey aus dem Studio 54. Die blonde Mirelle-Mathieu-Frisur, das mondäne Mannequin Gaby an seiner Seite, der eigentbrötlerische Trotzkopf, der offenbar nur auf dem Rasen zu gedanklichen Höchstleistungen imstande war. Mit zwanzig Jahren streifte er als erster Deutscher das glamouröse Trikot der Blaugrana über. Schuster war der ungezogene Gegenentwurf zu Jung-Siegfried.

An Schuster scheiterte eine ganze Reporter-Generation

Es hieß, er könne bis zu drei Spielzüge voraus berechnen. Doch wenn ein Reporter ihm eine Frage stellte, bruddelte er im oberschwäbischen Idiom ohne zu überlegen drauflos. Es schien, als könne er jedem Gegenspieler entwischen, aber im Leben kein Fettnäpfchen austanzen. Eine ganze Sportreportergeneration ist daran gescheitert, der Öffentlichkeit ein überparteiliches Bild des Bernd Schuster zu liefern. Es blieb der »Rebell«, der »Querulant«, der »beratungsresistente Sturkopf«.

Nun sitzt er im dunkelblauen Oberhemd und in Modejeans an einem Restauranttisch im Madrider Reichenviertel Moraleja und stochert in einer abgekühlten Paella. Wasserzerstäuber fächern aus der Luft von Zeit zu Zeit eine hauchfeine Erfrischung auf die Kundschaft herab. Als wolle jemand dafür sorgen, dass Schuster hier beim Lunch kühlen Kopf bewahrt. Doch das ist gar nicht nötig.
Denn statt des Mysteriums sitzt hier ein geläuterter Mittfünfziger in der spätsommerlichen Mittagshitze und beömmelt sich über die Kapriolen, die seine Karriere immer wieder schlug.

Die Pässe von Maradona? »Schon ein gutes Gefühl«

Fast scheint es, als rede er über das Leben eines anderen. Schuster rekapituliert seinen Ausschluss aus der Nationalmannschaft 1981 und kann kaum glauben, wie es damals abgelaufen ist. Mit großer Ehrfurcht denkt er daran, wie Diego Maradona ihm die Bälle zur gemeinsamen Zeit in Barcelona servierte und sagt mit Wehmut in der Stimme: »Wenn ich mich ausnahmsweise mal freigelaufen hatte und plötzlich kam da wie aus dem Nichts der Ball, war das schon ein gutes Gefühl.« 
Spätestens in seiner Zeit als Real-Trainer, als aus dem blonden Engel zwischenzeitlich Antje, das Walross, zu werden drohte, hat er Demut gelern. Er, der als sich Spieler sogar mit Legenden wie Helenio Herrera anlegte, ist nun selbst ein Coach, der die Launen der Aktiven ertragen muss, und dabei feststellt: »Robben ist ein absoluter Egoist, kein klassischer Mannschaftsspieler.« 



Als das Interview nach etwa dreieinhalb Stunden zuende geht, ist klar geworden: Bernd Schuster steht am Scheideweg. Als Vereinsspieler hat er fast alles erreicht, als Coach hat er seinen Traumverein Real zur Meisterschaft geführt. Wie soll es weitergehen? 31 Jahre nach seinem Umzug nach Katalonien erinnert er sich an Deutschland, an sein altes Leben. Ja, der blonde Bengel hat Sehnsucht. »Da ist noch was offen.« 
Und als die letzte Frage fast gestellt ist, offenbart Schuster etwas, was ihm keiner zugetraut hätte: Marketinggeschick. Für einen Moment weicht der distanzierte Blick, die Augenbrauen tanzen fröhlich über den flachen Lider. Der Zerstäuber sprüht noch einmal kräftig Wasserdampf über den mit Tapas gedeckten Tisch und Bernd Schuster sagt: »Der Trainer Schuster zählt bis zehn, der Spieler hat immer nur bis zwei gezählt.«

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