Bayern Müchen nach dem van-Gaal-Rauswurf

Der Klub der Verlierer

Der FC Bayern München hat sich von Trainer Louis van Gaal getrennt. Zurück bleiben Hoeneß, Rummenigge und ihre panische Angst vorm »Cup der Verlierer«. Doch hat, wer ängstlich ist, nicht schon längst verloren? Bayern Müchen nach dem van-Gaal-Rauswurf

Franz Beckenbauer ist schuld. Die sogenannte Lichtgestalt hat dem FC Bayern München in seinen zahllosen Nebentätigkeiten als Fernsehexperte und Boulevardkolumnist schon manchen Bärendienst erwiesen. So bezeichnete er amtierende Trainer als »sehr stur« (Magath) oder gar als »wahnwitzig« (Rehhagel). Für einen Präsidenten bzw. Ehrenpräsidenten war es um seine Loyalität zum Klub seit je her erstaunlich schlecht bestellt.  

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Doch man verzieh ihm. Oder nahm man ihn etwa gar nicht ernst? Mehr Hofnarr als Kaiser, wurde er am eigenen Hof eher belächelt denn erhört. Der Firlefranz hat was gesagt? Ach, sei's drum.  

Ein Wort Beckenbauers aber, ausgesprochen vor beinah 20 Jahren, ist zum Menetekel des FC Bayern München geworden: »Der UEFA-Cup ist der Cup der Verlierer.« Ein Wettbewerb also, in dem der Rekordmeister qua Selbstverständnis nichts zu suchen hat. In dem er sich beschmutzt, allein durch die Berührung mit verlausten Kellerkindern. Gibt es in Brügge überhaupt Duschen?  

Beckenbauer selbst störte sich nicht daran, diesen »Cup der Verlierer« zu holen. 1996 war das, im Finale gegen Girondins de Bordeaux, kurz nachdem er Otto Rehhagel als Trainer abgelöst hatte. Ja gut, äh, er hatte das wohl mal gesagt: »Cup der Verlierer«. Aber was kümmerten ihn Worte? Wie sollte einer, der größer ist als alles andere, sich an einer Reihe von Buchstaben messen lassen?  

Der FC Bayern München hat sich seinen eigenen Abstiegkampf kreiert

Der allen Verbindlichkeiten entschwebte Ehrenpräsident hat auch sein Geschwätz längst hinter sich gelassen. Für den FC Bayern München aber vertont das Diktum des Überfranzes bis heute die größte Angst, die er kennt. Ein Horror, ein virtuelles Trauma, ein Hirngespinst – der »Cup der Verlierer«.  

In den wahren Abstiegskampf wird dieser Verein wohl niemals geraten. Aber an der Trennlinie zwischen Champions- und Europa-League-Teilnahme hat er sich seinen ganz eigenen kreiert: Entweder er spielt im nächsten Jahr in der Königsklasse oder eben im »Cup der Verlierer«. Letzteres käme einem Gang in die zweite Liga gleich.

Dabei könnte der FC Bayern München es finanziell durchaus verkraften, einmal nicht in der Champions-League zu reüssieren. Und auch sportlich wäre es ja gar nicht mal so schlimm, an der Europa League teilnehmen zu müssen. Wir erinnern uns: Als Luca Toni 2008 in der 120. Minute das 3:3 gegen den FC Getafe schoss und damit den Einzug ins Halbfinale sicherte, raste Oliver Kahn über den Platz, als wäre er soeben Weltmeister geworden. Vor Freude brach er Mark van Bommel sogar die Nase. Kahn! Der ewige Sieger! Es musste bei den Kellerkindern also doch etwas anderes zu holen geben als immer nur Schmutz.  



Es klingt paradox, aber die Ergebnisarithmetik bringt es hervor: Auch im »Cup der Verlierer« kann man gewinnen. Und sich sogar drüber freuen. In der letzten Minute der Verlängerung von Getafe war das Wort »Verlierer« mit einem Mal aus den Köpfen getilgt. Dort prangte nur noch »Cup«.  

Die Verantwortlichen des FC Bayern München sollten sich dieses Spiel vielleicht noch mal reinziehen. Es könnte helfen, denn die Angst, aus der Champions League abzusteigen und als Verlierer zu gelten, hat sie nun abermals übermannt. Nach ihrem mauen 1:1 gegen Nürnberg ist Hannover 96, das zeitgleich gegen 2:0 Mainz gewann, an ihnen vorbeigezogen. Das bedeutet Platz 4 in der Bundesligatabelle – und Platz 18 in der Rangliste der guten Laune. Abstiegskampf.

Die nunmehr vor-vorzeitige Trennung von van Gaal

Einigermaßen überraschend feuerten Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge heute Trainer Luis van Gaal. Die Trennung zum Saisonende war schon ausgemachte Sache gewesen. Ihn nun nach einem Remis zu entlassen, spricht Bände über die Binnenverhältnisse beim FC Bayern München. Sie wollten ihn offenbar unbedingt loswerden. Wenn diese verdammte Öffentlichkeit mit ihren lästigen Fragen nicht wäre, hätten sie ihn wohl auch nach einem Sieg rausgeschmissen.  

Mit der Mimik zweier Schatzmeister eines Schützenvereins, denen ein Unhold die Kasse geklaut hat, traten die Vereinsbosse am Morgen vor die Presse. Grau, übernächtigt und wohl immer noch geschlaucht vom Disput mit der Ultra-Vereinigung »Schickeria« unter der Woche, verkündeten sie die nunmehr vor-vorzeitige Trennung von van Gaal.  

Immerhin die angestammten Gesichtfarben kehrten alsbald zurück. Wieder puterrot, erklärte Hoeneß, es sei ein »Märchen, dass die Mannschaft hinter dem Trainer gestanden haben.« Erfolg sei die eine Sache, Spaß die andere, »und Spaß hat es in diesem Verein schon lange nicht mehr gegeben, nicht bei uns und auch nicht bei den Spielern.«  

Wie der »Spaß« nun zum FC Bayern München zurückkehren soll, bleibt allerdings rätselhaft. Der bisherige Co-Trainer Andries Jonker wird die Mannschaft bis zum Saisonende betreuen. Der gilt jedoch als solidarischer Van-Gaal-Freund und hat sich in der Vergangenheit als hauptamtlicher Trainer nicht gerade für höhere Aufgaben empfohlen: Drei Stationen, drei Entlassungen. Eine ebenso freud- wie alternativlose Personalentscheidung: Ein ambitionierterer Coach ließe sich für die verbleibenden fünf Spiele kaum einspannen – seit längerem steht fest, dass Jupp Heynckes das Amt am 1. Juli übernehmen wird.  

Ob Heynckes den FC Bayern München in der kommenden Saison durch die Champions League führen darf oder eben durch den »Cup der Verlierer«, hängt von niemand Größerem als Andries Joncker ab. Für Heynckes, der mit Bayer Leverkusen seelenruhig auf die Königsklasse zusteuert, könnte der Wechsel nach München einen persönlichen Abstieg bedeuten. Er würde das natürlich nicht offen sagen. Uli Hoeneß ist sein Freund. 

Ist der ewige Meister ein Klub der Verlierer geworden?

Die ständige Furcht, Vierter zu werden, wird es auch in Zukunft jedem Trainer beim FC Bayern München schwer machen, in Ruhe zu arbeiten. So ist auch Heynckes zum ultimativen Erfolg verdammt. Wie lange die Männerfreundschaft zwischen ihm und Hoeneß wohl halten wird, wenn am Ende der kommenden Saison nicht mindestens die Schale glänzt?

Am Ende der laufenden Saison glänzt nur die Kauleiste von Jürgen Klopp. Uli Hoeneß wird wohl eigenhändig alle Flatscreens abschalten, auf denen der Dortmunder Coach die Meisterschaft bejubelt. Was kann er sonst noch tun? Es ist an ihm, die alte Arroganz wieder zu entfachen, in welchem Wettbewerb auch immer. »Mia san mia«, ganz gleich, auf welchem Tabellenplatz. Nur das kann langfristig interne Ruhe schaffen, auch wenn die Ergebnisse mal nicht stimmen sollten.

Derzeit aber steht ihm das »Mia san nimmer mia« ins Gesicht geschrieben. Der fast zwei Jahre andauernde Clinch mit van Gaal, der durch den wie ein Unwetter über die Streithähne hereinbrechende Erfolg immer nur notdürftig beigelegt werden konnte, hat ihn sichtbar geschwächt. Weit entfernt sind die geharnischten Attacken gegen Daum, Lemke, Assauer, Hopp und wie sie alle hießen. Die Angst, Verlierer zu sein, ist auf irritierende Weise in die DNA des Uli Hoeneß und seines ganzen FC Bayern München übergegangen. Hat, wer ängstlich ist, nicht schon längst verloren? Ist der ewige Meister ein Klub der Verlierer geworden? 

Schuld ist Franz Beckenbauer. Eigentlich müssten sie ihn entlassen. Aber ein Nachfolger ist beileibe nicht in Sicht.

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