Bayer-Bayern 2004: Francas letzter großer Auftritt

Gangster's Paradise

Erst war er als Fehleinkauf und Drogendealer verschrien, dann schoss sich Franca in die Herzen der Fans. Ende August 2004 strahlte sein Stern ein letztes Mal in der Bundesliga. Ein Rückblick in Wehmut.

Am Ende waren sie alle ein bisschen ratlos. Niemand konnte sagen, welches Tor das schönste gewesen war. Das 1:0, bei dem Franca einen tödlichen Pass über 25 Meter direkt in den Lauf von Dimitar Berbatow gespielt hatte? Das 2:0, das Franca nach einem Doppelpass mit Berbatow per Außenrist-Lupfer erzielte? Das 3:0, als Franca seinen ehemaligen Mitspieler Lucio im Raketentempo abhängte? Das 4:0? Ja, vermutlich war der Treffer zum 4:0 der schönste des Nachmittags, denn Franca, Robson Ponte und Dimitar Berbatow kombinierten gegen sechs oder sieben Bayern-Akteure, als kickten sie auf einem Bolzplatzkäfig in irgendeinem Hinterhof.
 
Die Doppeltorschützen Franca und Dimitar Berbatow hatten den Rekordmeister beinahe im Alleingang aus dem Stadion geschossen, und Bayerns Michael Ballack japste nach dem Spiel: »Diese beiden Stürmer – Weltklasse!« Franca sagte erst mal nichts, er tanzte. Ein Reporter sagte, er führe einen »typischen brasilianischen Jubel« vor. Franca korrigierte ihn später. »HipHop«, sagte der Brasilianer. »Das war HipHop. Das ist wichtig für mich.«

»Ich kann ihn nicht mehr sehen, Calli, schick ihn bitte weg!«
 
Anfangs hatten ihn die Fans deswegen in Leverkusen verspottet. Denn manchmal war er mit weiten Hosen beim Training erschienen, und um seinen Hals baumelte eine goldene Kette, an der entweder ein Jaguar-Amulett oder eine Plakette mit dem Wort »Thugs« hing. Das heißt so viel wie »Gangster«. Als er in seiner ersten Saison nicht mal einen Möbelwagen traf, sagten sie, dass er wie ein Drogendealer aussehe. In der »Süddeutschen Zeitung« erinnerte sich Wolfgang Holzhäuser einmal, wie er seinen Manager Reiner Calmund in jenen Tagen anflehte: »Ich kann ihn nicht mehr sehen, Calli, schick ihn bitte weg!«
 
Franca war im Sommer 2003 vom FC São Paulo für 8,5 Millionen Euro an den Rhein gewechselt. In Brasilien hatten ihn die Fans verehrt, er war Nationalspieler, Torschützenkönig, er hatte 150 Treffer erzielt und noch mehr Tore vorbereitet. Doch in Deutschland ging am Anfang gar nichts. Franca wirkte lethargisch, nahm keine Anweisungen vom Trainer an, schoss in 18 Spielen gerade mal ein Tor. »Ein Desaster«, sagte er, und die Fans fragten: Das soll der neue Ulf Kirsten sein?
 
»Du spielst ab sofort so, wie du willst!«

Als Klaus Augenthaler kam, änderte sich alles. Das mag aus heutiger Sicht ein wenig paradox erscheinen, denn der knurrige Niederbayer gilt nicht gerade als Spielerflüsterer. Er war der Weißbiertrinker aus Niederbayer, ein wortkarger Mann, der seine Wochenenden mit Fischen verbringt. Doch sie fanden zusammen: Der Gangster aus São Paulo und der Angler aus Fürstenzell.
 
Augenthaler hatte Leverkusen im Mai 2003 übernommen, und nachdem er sich noch einmal Francas Statistik aus Brasilien angesehen hatte, holte er den Brasilianer zu sich. Er sagte: »Du kannst doch was!« Franca nickte. Dann sagte Augenthaler: »Du spielst ab sofort so, wie du willst!« Franca antwortete: »Okay.« 
 
Der Brasilianer kannte es aus seiner Heimat nicht, dass ein Trainer mit ihm kommuniziert. »In Brasilien sind Spieler Befehlsempfänger«, sagte er einmal. Nun hatte dieser Mann, dieser weise erfahrene Mann, der über 400 Spiele für den FC Bayern gemacht hatte, mit ihm gesprochen, und Franca gefiel das. Er ging auf den Platz und schoss Tore.

Franca entschuldigte sich für Übersteiger
 
Wenn ihm Dinge misslangen, wenn er wieder einmal drei Übersteiger zu viel gemacht hatte, rannte er prompt zur Seitenlinie und entschuldigte sich beim Trainer. Und wenn Augenthaler gerade in eine andere Richtung guckte, dann kam Franca zwei Minuten später noch einmal vorbei, um sich zu vergewissern, dass seine Entschuldigung auch angekommen war.
 
Doch er musste nicht mehr häufig kommen, denn vieles, was der 27-Jährige in seiner zweiten Saison versuchte, gelang. Der Stürmer machte 13 Treffer, 14 Tore bereitete er vor. Eine beachtliche Quote für einen Stürmer, der eher aus dem Mittelfeld kommt. Hinter Martin Max und Ailton belegte er Platz drei der Scorerliste.

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