Bastian Schweinsteiger, kraftloser Antreiber

Das Ballack-Syndrom

Er sollte der Anführer der deutschen Mannschaft sein - doch Bastian Schweinsteiger hatte schon Mühe, sich selbst im Spiel zu halten. Nun droht ihm das Ballack-Schicksal.

Sein letzter Laufweg führt Bastian Schweinsteiger in die deutsche Kurve. Und es ist ein Laufweg leidensvoller Langsamkeit. Bastian Schweinsteiger hebt noch einmal die Hand. Es ist wohl als ein Winken gedacht, doch seine Handbewegung wirkt eher wie ein großes Lamento. In dieser einen Handbewegung hat Bastian Schweinsteiger sein Wirken bei diesem Turnier zusammengefasst. Es sollte das Turnier der Deutschen werden, das Turnier der Generation Schweinsteiger. Bis das Turnier plötzlich abgebogen ist, und einen anderen Laufweg eingeschlagen hat.

Man kann es beklagen, man kann es beweinen, dass die Deutschen wieder einmal vor dem großen Ziel abgefangen worden sind. Dieses Mal nicht von Spanien, wie bei den beiden zurückliegenden Turnieren. Dieses Mal ist der Mannschaft von Joachim Löw Italien dazwischengekommen, und zwar mit List, Geschick und Wucht. Qualitäten, die die deutsche Elf an diesem Abend auf dem Rasen des Warschauer Stadions nicht bringen können. Es war ein Abend des großen Scheiterns, man könnte auch sagen, es war ein Abend des Bastian Schweinsteiger.

Die Rotation traf alle, nur nicht Schweinsteiger

Joachim Löw hat bei diesem Turnier immer wieder viele personelle Wechsel vorgenommen. Er hat sein Team von Spiel zu Spiel auf bis zu vier Positionen verändert, auch gegen Italien waren es wieder drei. Und es hatte auch wirklich prominente Fußballer getroffen wie Klose und Gomez, wie Podolski und Müller. Nur den einen Wechsel, der sich am ehesten angeboten hätte, den hat er nicht vorgenommen. Den Wechsel von Bastian Schweinsteiger. Der 27-Jährige ist angeschlagen ins Turnier gegangen. Allen war klar, dass es ein gewisses Risiko gewesen ist, einen zentralen Spieler wie ihn während eines Turniers, also im vollen Lauf, zum Laufen zu bekommen. Am Ende lässt sich sagen, dass Schweinsteiger nie richtig fit geworden ist. Nicht körperlich und nicht mental.

Aber genau das war ja der Grund, weshalb Löw bei aller Wechselwütigkeit an einem Spieler festgehalten hat, der nicht einmal das Trainingsprogramm zwischen den Spielen absolvieren konnte. Löw brauchte das emotionale Leadership Schweinsteigers. Das Anführerische seines Tuns. Gerade in hitzigen, in engen Spielen. In Spielen wie gegen Griechenland war sein Durchhängen ausbügelbar. Aber in Matches wie gegen Italien sind Charakter und Wille, das sogenannte Dagegenhalten-Können, gefragt. Schweinsteiger konnte nicht dagegenhalten, weil er schon Mühe hatte, sich selbst im Spiel zu halten.

Große Karriere - ohne große Titel

Sicher, Schweinsteiger lief viel, er dirigierte auch, aber vor allem lief er erneut seiner Form hinterher und deshalb das Spiel an ihm vorbei. Cesare Prandelli, Italiens Coach sagte hinterher: »Deutschland hat eine sehr starke Mannschaft, aber wir haben unser Konzept durchgebracht. « Dazu bedarf es Spieler wie Gianluigi Buffon, Daniele de Rossi oder Andrea Pirlo, die drei Übriggebliebenen aus der Weltmeistermannschaft von 2006. Sie bildeten das mentale Rückgrat der runderneuerten Mannschaft Prandellis.

Und so endet für die deutsche Elf nach der WM 2006, der EM 2008 und der WM 2010 auch dieses Turnier unvollendet. Gerade für einen wie Schweinsteiger, der gegen Italien sein 95. Länderspiel bestritt, ist das besonders bitter. Ihm droht nun das gleiche Schicksal wie Michael Ballack, das Auslaufen einer großen Karriere ohne großen Titel.

Mentaler Knick

»Das ganz große Ziel haben wir nicht erreicht. Bei einem Turnier gibt es nur den Sieger«, sagte etwa Lukas Podolski. Sie sind es ja, die Schweinsteiger, die Podolskis, die Lahms und die Kloses, eine Generation, hochbegabt und hochgelobt, die mit dem Makel leben muss, es nicht über den Zielstrich gebracht zu haben. Und nun wird ihnen die Zeit knapp.

»Wir hatten uns mehr erhofft, aber es ist nun mal, wie es ist«, sagte Schweinsteiger hinterher. Leider konnte man nicht hören, wie er zu sich selbst sprach in diesen Minuten nach dem vergeigten Spiel. Hinter ihm liegen zwei schwere Verletzungen und der mentale Knick des verschossenen Elfmeters im Champions-League-Finale. Solche Erlebnisse hinterlassen Narben auf der Seele. Wenn dann noch körperliche Dysbalancen hinzukommen, ist es eigentlich unmöglich, den Erwartungen, die man an einen wie ihn hegen darf, gerecht zu werden. Während der gesamten EM wirkte er ausgelaugt. An Körper und Geist. Es ist ein Jammer, aber einer mit Ansage.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!