08.06.2012

Bastian Schweinsteiger, Deutschlands EM-Hoffnung

Viel versprochen

Auf Bastian Schweinsteiger liegen die größten Hoffnungen für die Fußball-EM, die heute beginnt. Auf einem Spieler, den manche schon als Wiedergänger von Michael Ballack sehen – als einen, der nie einen großen Titel holt. 

Text:
Michael Rosentritt
Bild:
Imago

Er schlendert durch die Gänge des Mannschaftshotels, hält vor einem Kaffeeautomaten, bedient sich. Das Zwicken in der Wade scheint in diesem Moment an diesem Mittwoch verstummt – und auch der Blues der vergangenen Wochen. Während die Tasse vollläuft, blickt der Mann, auf dem die Hoffnungen von Millionen Menschen ruhen, in den Spiegel, der über dem Automaten angebracht ist. Er stellt den Kragen seines Polohemds hoch, legt seinen Kopf einmal nach links, dann nach rechts. Er greift nach der Tasse. Und dann lächelt er.

Am Abend kommt dann noch die Bundeskanzlerin zum Essen in das Mannschaftshotel am Rande von Danzig, das im 17. Jahrhundert mal ein Gutshof gewesen war, und Bastian Schweinsteiger sagt: »Ich mache mir keine Sorgen. Ich bin sehr heiß auf das Turnier.« Die Millionen Menschen, die auf ihn hoffen, hoffen nun, dass das stimmt, dass seine Sorglosigkeit berechtigt ist. Viele Belege dafür gab es zuletzt nicht.

Nur auf der Liege

Noch vor wenigen Tagen sah die entsetzte Fußballnation Bastian Schweinsteiger auf einer Massageliege liegen, in einem Zelt, in dem die Fitnessgeräte aufbewahrt wurden, das war während der Vorbereitungswochen im französischen Tourrettes. Da lag er. Er bewegte sich kaum. Ein paar Tage ging das so. Schweinsteiger trainierte nicht draußen auf dem Platz wie die anderen 22 Fußballspieler. Er lief nicht, rannte nicht, war nicht am Ball. Er lag auf der Liege im Zelt.

Diese Bilder haben Eindruck hinterlassen im Selbstverständnis der Fußballnation Deutschland. Wenn heute in Warschau die Europameisterschaft beginnt, wird die deutsche Mannschaft ins ukrainische Lemberg gereist sein, wo sie am Sonnabend mit ihrem Spiel gegen Portugal ins Turnier einsteigt. Bundestrainer Joachim Löw hat eine Mannschaft beisammen, die seit Jahrzehnten das größte Versprechen auf einen großen Titel ist. Bastian Schweinsteiger soll diese Mannschaft führen. Und das ist das Problem.

Ein zweiter Ballack?

Bastian Schweinsteiger sucht nach Halt und Form. Wird er spielen, oder wird die Mannschaft ohne ihn auskommen müssen? Was bedeutet das für die Titelaussichten – und was für Schweinsteiger? Wird Deutschland triumphieren? Möglicherweise ohne ihn? Wird er der nächste Michael Ballack? Einer, dem in seiner Karriere die entscheidenden Titel versagt bleiben?

Ballack hat eine Dekade lang erfolgreich verhindert, dass das Land des dreimaligen Welt- und Europameisters in der Versenkung verschwindet. Als es ihn vor wichtigen Spielen bei der WM 2006 und der EM 2008 in der Wade zwickte, herrschte helle Aufregung. Von der »Wade der Nation« war die Rede. Seit der WM 2002 galt der Satz von Teamchef Rudi Völler, wonach alles passieren dürfe, nur keine Verletzung Ballacks. Bei der WM vor zwei Jahren ist genau das passiert. Ballack fiel aus, und Schweinsteiger war es, der in dessen Rolle rückte und die Panik der Deutschen einfach überspielt hat. In den Jahren danach füllte Schweinsteiger die Chefrolle beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft immer besser aus. Die Mitspieler gestehen ihm auf dem Platz die absolute Handlungshoheit zu. Aus dem zappeligen, manchmal auch launischen Außenspieler war ein Anführer erwachsen, ein »emotionaler Leader«, wie Löw es formuliert.

Hölle dahoam

Dann kam das Finale der Champions League gegen den FC Chelsea in München. Dahoam! Und es kam mit einer Wucht, wie sie fürchterlicher nicht sein konnte. Schweinsteiger vergab nach der Verlängerung im Elfmeterschießen den letzten, den entscheidenden Schuss. Der Ball klatschte an den Pfosten. Chelsea gewann. Ein schrecklicher Moment für die Bayern, ein tragischer für Schweinsteiger. Er wirkte wie ein gebrochener Mann.

Jeder hat gesehen, wie Schweinsteiger sich das Trikot übers Gesicht zerrte, weil er sich schämte. Und weil er nicht ertragen konnte, wie der Gegner die Trophäe davontrug. Es sind Verzweiflungsbilder, die man gerade auch von Ballack kennt, und sie sind erdrückend ähnlich.

Zweimal hat der Sachse im Finale der Champions League gestanden, 2002 mit Leverkusen und 2008 mit dem FC Chelsea. Beide Male hat er verloren. Vor allem die Niederlage 2008 gegen Manchester United war für den Deutschen tragisch, als sein Mitspieler John Terry den entscheidenden Elfmeter gegen den Außenpfosten drosch und Ballack im Moskauer Regen auf Höhe der Mittellinie auf die Knie sank. Er selbst hatte seinen Elfmeter verwandelt. Ein schwacher Trost.

Deutschland bangt um seine Wade - und um seinen Kopf

Schweinsteiger hat es schlimmer erwischt. Noch wenige Tage zuvor, im Halbfinal-Rückspiel gegen Real Madrid, hat er den entscheidenden Elfmeter verwandelt und die Bayern überhaupt erst in das Finale gebracht – in dem er dann den ganz großen Triumph vermasselte. Jupp Heynckes, Bayerns Trainer, sagte danach, dass man damit erst mal fertig werden müsse. Gerade bei Schweinsteiger werde es ein paar Tage dauern. »Aber er wird das wegstecken«, sagte Heynckes. Große Enttäuschungen gehörten zum Fußballer-Leben dazu wie Siege und Titel.

Schon in Tourrettes hatte sich dann noch herumgesprochen, dass irgendetwas mit Schweinsteigers Wade sei. Er hatte sich die Verletzung zu Beginn des Finals zugezogen und dann bis ins Elfmeterschießen durchgehalten. Ein Bluterguss, hieß es, nicht weiter schlimm. Doch dann zwickte die Wade hartnäckiger als erwartet. Oder war es gar nicht die Wade? Ist Schweinsteigers Kopf nun die Wade der Nation?

EM als Gruppentherapie

Über die angeknackste Psyche der Bayern ist viel diskutiert worden. Es war ja nicht nur ein Knacks, den es zu verkraften galt. Die Meisterschaft war schon im April nach der erneuten Niederlage gegen Dortmund futsch. Mitte Mai wollten die Bayern im Pokalfinale zurückschlagen. Sie wurden vorgeführt – 2:5. Dann noch das Spiel gegen Chelsea.

So bekommt die EM gerade eine ganz neue Bedeutung. Die jungen Münchner wie Toni Kroos, Thomas Müller oder Manuel Neuer erkennen hierin eine Chance, die vermaledeite Saison doch noch mit einem Titel zu retten. Bei Schweinsteiger scheint die Fallhöhe noch einmal größer auszufallen. Er wirkt bedrückt. Manchen beschlich bereits das Gefühl, als sei es Schweinsteigers letzte Chance.

Im Pressezentrum neben dem Mannschaftslager will Löw von so etwas natürlich nichts hören. Am Donnerstag ist er optimistisch. Sagt, dass Schweinsteiger sich einen besseren Rhythmus erarbeitet habe, dass er körperlich in einem besseren Zustand sei als in der vergangenen Woche. »Ich denke, er ist einsatzbereit«, sagt Löw. Einsatzbereit. Reicht das?

Taktgeber, aber mit welchem Stab?

 
 
 
 
 
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