Axel Kruse, »Enfant terrible« der Neunziger

Das feine Arschloch

Axel Kruse war der »Bad Boy« der Bundesliga: In den neunziger Jahren sorgte »Amok-Kruse« regelmäßig für Schlagzeilen. 11FREUNDE traf wir Kruse zum Interview und erkannte: So einen wie ihn gibt es leider nur einmal. Axel Kruse, »Enfant terrible« der Neunziger

Was die Menschen wohl einmal von Philipp Lahm denken werden, wenn dessen Karriere längst vorbei ist? Wenn die letzten Pässe geschlagen sind, die letzten Grätschen abgeleistet, das letzte nette Interview gegeben ist? Klar, man wird sich an Philipp Lahm erinnern. Vielleicht wird man sagen: Der Lahm, das war ein super Außenverteidiger, einer der besten Europas, sehr fair, immer nett, der hatte sich immer unter Kontrolle. Und dann werden die Menschen vielleicht feststellen, dass Philipp Lahm, der großartige Fußballer, eigentlich ein ziemlich langweiliger Typ war. Dass, immerhin, kann man dem Ex-Fußballer Axel Kruse nicht vorwerfen: Dass es langweilig mit ihm war.

Axel Kruse, der als Stürmer bei Hansa Rostock, Hertha BSC, VfB Stuttgart, FC Basel und Eintracht Frankfurt sein Geld verdiente, ist schon immer anders gewesen. Dabei war das gar nicht vorgesehen in seinem Leben. Axel Kruse war 19, als ihn die Staatssicherheit, der Geheimdienst der DDR, zum Anderssein zwang. Ihn, das etwas großmäulige Talent von Hansa Rostock, 1986 mit einem gelben Wartburg vom Trainingsgelände abholte und danach stundenlang verhörte. Ob er plane, die Deutsche Demokratische Republik zu verlassen? Ob er etwa vorhabe, ins Ausland zu fliehen? Dorthin, wo die bösen Menschen wohnen. »Nein!«, rief der junge Fußballer immer wieder, doch als ihn die grauen Männer von der Stasi endlich wieder frei ließen, da hatte er plötzlich genau den Plan im Kopf, den man ihm Stunden zuvor ohne Beweise hatte unterjubeln wollen: Bloß weg hier, aus einem Land, das seine Nachwuchstalente nicht etwa förderte und hofierte, sondern – wenn den Mächtigen danach war – zermürbte und zermalmte. »Als mich die Stasi-Männer wieder entließen«, sagt Axel Kruse heute, »da war ich von einem Moment auf den anderen erwachsen.« Da war aus dem ganz normalen jungen Sportler Axel Kruse, der etwas andere Fußballspieler geworden.

»Berlin? Fand ich geil.«

Drei Jahre plante Kruse seine Flucht, dann entwischte er seinem Land während einer Kopenhagen-Reise mit Hansa Rostock. Drei Jahre, um aus einem angepassten DDR-Jugendlichen einen selbstständigen jungen Mann mit klaren Vorstellungen vom Leben zu formen. In der Bundesliga wollte er spielen, also setzte er sich nur einen Tag nach seiner Flucht im Sommer 1989 in ein Flugzeug und überflog das Land, in dem fieberhaft nach ihm gefahndet wurde. Das Ziel: West-Berlin. Hatte er keine Angst? »Nö«, sagt Kruse, »Berlin fand ich geil, da wollte ich hin.«

Heute ist Axel Kruse noch immer in Berlin. Er leitet eine Produktionsfirma, ist Fußball-Experte und als Hertha vor wenigen Wochen in die Bundesliga aufstieg, da hat er mit seinem Sohn, einem glühenden Hertha-Fan, die Nacht zum Tag gemacht. Fußballspieler ist Kruse schon seit 13 Jahren nicht mehr. Er war ein guter Stürmer, manche sagen: ein sehr guter. Ein Wildpferd, dessen Energie ganze Abwehrreihen durchstoßen konnte. Aber dass ihm noch heute die Menschen in Nürnberg, Stuttgart oder München anerkennend auf die Schultern klopfen, hat nichts damit zu tun, dass er einst ganz passabel gegen den Ball treten konnte. Der Fußballer Axel Kruse war nie wie der Fußballer Philipp Lahm. Während Philipp Lahm immer die Kontrolle behält, hatte sich Axel Kruse häufig nicht im Griff. Wenn er getreten wurde, dann hielt er nicht das andere Schienbein hin. Dann trat er zurück. Und wenn ihm der Schiedsrichter einen Elfmeter verweigerte, dann frass er seinen Ärger nicht in sich hinein, dann brüllte er dem Unparteiischen seinen glühenden Schmerz über die vermeintliche Ungerechtigkeit ins Gesicht, dass der vor Schreck über den Rasen purzelte. So geschehen am 23. August 1993, Stuttgart gegen Kaiserslautern, zweite Halbzeit. Weil Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers nicht auf Handelfmeter für den VfB entscheiden wollte, tickte der Neu-Stuttgarter aus. »Wie der Osterhase«, sei Osmers über den Rasen gekullert, sagt Kruse. Heute kann er darüber lachen. Damals zeigte ihm der Schiedsrichter die Rote Karte, das DFB-Sportgericht verhängte eine Sperre von zehn Spielen. Das war Rekord. Über Nacht wurde aus dem Republikflüchtling Kruse das Arschloch der Nation.

Axel Kruse hat sehr viel leiden müssen für das Anderssein. Er trat und brüllte, gab den Journalisten freche Antworten und wenn er Zeit hatte, ging er zum Boxtraining mit Graciano Rocchigiani, damals das andere Arschloch der Nation. Und weil er so war wie er war, traten ihn die Gegenspieler noch härter, sperrten ihn die Sportgerichte noch länger und verbreiteten die Journalisten noch dümmere Geschichten über ihn. Schon vor dem Fall Osmers hatte der ZDF-Mann Thomas Wark während einer Live-Übertragung spekuliert, »der Kruse« habe in Rostock »mehrere Pferdchen laufen«. Der stürmende Grobian, der Boxfan, der vorlaute Ossi als freischaffender Zuhälter? Eine Wahnsinnsgeschichte. Nur leider falsch. Und eine Rufschädigung sondergleichen. Kein Wunder, dass Axel Kruse irgendwann keinen Bock mehr hatte. Die Rote Karte von Schiri Osmers war erst ein Wochenende alt, da bot der Stürmer seinem neuen Trainer den Rücktritt an. Kruses Glück, dass der Christoph Daum hieß und selber den Stempel des durchgeknallten Außenseiters verpasst bekommen hatte. Dem Seelenverwandten riet Daum: »Hör auf zu jammern, ist bald vergessen.«

Er war das Arschloch der Nation – heute lieben ihn die Menschen

Doch vergessen haben die Menschen solche Storys natürlich nicht. Dafür sind sie viel zu gut. Heute, so viele Jahre nach seinem Karriereende, spürt Kruse die Auswirkung des Mantels der Geschichte, der doch so viel verklärt, aber auch die Augen öffnet. Dafür, dass ein Arschloch der Nation so viel interessanter und spannender ist, als der nächste Hochbegabte mit dem Benehmen eines kleinen Lords. Axel Kruse, das sagen die Menschen heute, hat immer alles gegeben. Auf und neben dem Platz. Eine ehrliche Haut mit einer großen, aber sympathischen Schnauze. Einer, der das Herz noch auf dem rechten Fleck trug und trägt. Der aus der DDR floh, die Bundesliga zu erobern versuchte und dabei häufiger auf die Fresse fiel, als aufs Siegerpodest zu steigen. Ein Fußballer, der eine Geschichte zu erzählen hat. Seine Geschichte.

In der neuen Ausgabe von 11FREUNDE hat er das getan. 

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!